Wie ein Zauberkünstler hantiert Dirk Hany hinter dem Tresen mit den Spirituosen-Flaschen und dem doppelseitigen Jigger, sodass einem fast sturm wird beim Zuschauen. Im nächsten Moment steht der Cocktail vor einem – mit dem passenden Namen: «Dunkel & stürmig». Was im Highball-Glas ist, überrascht. Denn als Hauptbestandteil hat er zu Rum, Kaffeelikör und Limettensaft Dunkel-Bier gegeben. «Dunkel & stürmig» ist der hauseigene Bier-Cocktail in Hanys «Bar am Wasser» am Zürcher Bürkliplatz mit Sicht auf Limmat und Zürichsee.

Zugegeben, die Kombination von Bier und Cocktails erscheint ungewöhnlich. Doch einmal probiert, bekennt selbst die Nicht-Biertrinkerin: Das hat was! Spritzig, erfrischend, leicht bitter und äusserst bekömmlich ist der Drink. «Wie ein Platzregen an Geschmäckern – nach einem abendlichen Sommergewitter über dem Zürichsee», beschreibt der gebürtige Südafrikaner seine Kreation. Am besten wird er kühl genossen. Erst seit ein paar Wochen steht er auf der Karte und hat schon viele Liebhaber und Liebhaberinnen gefunden. «Es ist derzeit einer der bestlaufenden Cocktails», freut sich der preisgekrönte Bar-Inhaber.

Wie ein Aperitif oder Longdrink

Lange rümpfte man ob Bier-Cocktails die Nase. Ein Bier-Liebhaber möchte sein Getränk pur geniessen – oder gar nicht. Schon ein Panaché kommt für ihn einem Frevel gleich. Und auch Cocktail-Liebhaber konnten der Kombination von Spirituosen und Bier nichts abgewinnen.

Im Zug der Craftbeer-Bewegung stehen vermehrt genau solche Bier-Cocktails auf den Karten der gefragten Bars und laufen so manchem Klassiker den Rang ab – als Aperitif oder als Longdrink für die Nacht.

Auch im «Old Crow» in Zürich, wo Markus Blattner Cocktails wie «Limmatwasser» (Bier, Apfellikör, Zitronensaft) oder «Corrido Prohibidos» (Bier, Tequila, Grapefruitsaft, Ginger Beer) anbietet. «Ich habe sie als interessante Alternative für das klassische Panaché entwickelt», erklärt Blattner. Auch David Court vom Zürcher Craftbeer-Restaurant «Grain» hat Bier-Cocktails auf der Bar-Karte, «um nicht nur klassische Biertrinker anzusprechen». So etwa den «Sourcherry-Mojito» (Rum, belgisches Sauerkirschbier) oder den «Great White Stoutski» (Dunkelbier, Kaffeelikör, Wodka, Rahm).

Seit fünf Jahren bietet die Abflugbar in Bern Bier-Cocktails an. «Dabei verwenden wir Bier entweder als Filler oder brauchen es, um Sirup herzustellen», erklärt Adrian Tännler. Seine Kreationen heissen «Beer Collins» (Wild Turkey, Zitronensaft, Lagerbier) oder «End of Days» (Espolon Blanco, Campari, Zitronensaft, India Pale Ale). «Wenn ein Bier-Cocktail in das gewünschte Geschmacksprofil eines Gastes passt, empfehlen wir dies.» Die Reaktionen seien gut, «die Gäste bestellen vielfach noch einen und sind begeistert vom spannenden Zusammenspiel von Hopfen- und Malzaromen mit gereiften Spirituosen».

Dirk Hany in der «Bar am Wasser» ist nicht erst seit kurzem auf den Trend aufgesprungen, sondern hatte schon längstens regelmässig Bier-Cocktails auf der Karte – zuerst im «Hirschli» damals, in Baden, und danach in der Bar des Hotels Widder in Zürich. «Mir gefällt Bier als Zutat in einem Drink. Wegen der Bitterkeit, dem Hopfen und dem Malz kann man einen Cocktail je nach Biersorte variieren.» Es sei eine neue Art, Bier zu erleben. «Das hat nichts mit einer Stange zu tun, sondern ist eine ganz andere Sensation.» Vor allem passe Bier zu fast allen Spirituosen.

Ein Bier, das heraussticht

Von einem grossen Trend mag zwar Christoph Lienert vom Schweizer Brauerei-Verband nicht sprechen. «Aber Bier-Cocktails verfügen sicherlich über einiges an Potenzial», sagt er, «bei der heutigen Diversifizierung, welche in Bars und Restaurants stattfindet, sind Alleinstellungsmerkmale immer wichtiger. So können schön inszenierte Bier-Cocktails einen Mehrwert für die Lokale geben.» Deshalb seien sie auch in der Ausbildung zum Bier-Sommelier ein Thema.

Es gehe dabei mehr um einen kreativen Denkanstoss für die angehenden Bier-Sommeliers, damit sie sehen, was mit Bier noch Weiteres gemacht werden könne. Die Herbe des Bieres hilft oft, die Süsse von Drinks etwas zu brechen, und mache damit den Drink weniger mastig und schwer. «Biere – gerade komplexe und geschmackvolle Biere – geben einen sehr interessanten und neuen Geschmack in den Cocktail», erklärt Lienert, der am liebsten einen Bier-Cock- tail aus Pale Ale und Stout mag, die je hälftig zusammengemischt werden. «Dies ergibt einen Cocktail, bei dem unten das helle und bittere Pale-Ale-Bier ist und oben das dunkle Stout. Ein Geschmackserlebnis!»

Zu Ehren von Prinz Albert

Total neu ist der Trend übrigens nicht. Vielmehr hat er sogar Tradition, denn der älteste bekannte Bier-Cocktail geht auf das Jahr 1861 zurück und trägt den Namen «Black Velvet». Anlässlich des Todes von Prinz Albert, dem Mann der britischen Königin Victoria, wurde erstmals ein dunkles Stout-Bier mit Champagner gemischt. Keine einfache Sache, weil sich die beiden Getränke nicht mischen dürfen, damit der Drink perfekt ist. Man gibt deshalb erst das Bier ins Glas und giesst anschliessend den Champagner über einen Löffel langsam den Glasrand entlang hinein.

Auch sonst gibt es ein paar Punkte zu beachten, wenn man sich selbst an einem Bier-Cocktail versuchen will. «Welches Bier man wählt, ist Geschmacksache», sagt Dirk Hany. Je nachdem, welchen Geschmack man mit dem Cocktail betonen möchte – herb, fruchtig, bitter oder säuerlich – wählt man ein Pils, ein Pale Ale oder ein Sauerbier. Für einen leichten Aperitif empfiehlt sich ein feinherbes Pils, für einen anregenden Digestif eher ein dunkles Lagerbier.

Wichtig beim Mixen ist immer: Das Bier dient als Filler statt der Säfte oder Soda. Und: Das Bier darf erst am Schluss aufgegossen werden. Vor allem soll es nie in den Shaker gegeben werden. «Das würde sonst in einer Explosion enden», meint Dirk Hany. Schliesslich enthält Bier Kohlensäure. Wer den Biergeschmack unbedingt shaken will, nimmt stattdessen Bierlikör. Dann bleibt die Geschmacksexplosion im Glas.