Mit allem habe ich auf der achttägigen Schiffs- und Schneeschuhtour in Nordnorwegen ab Bodö gerechnet: frostige Temperaturen, seekrank zu werden oder die lange Dunkelheit schlecht zu ertragen. Die Befürchtungen sind nicht eingetroffen. Minus 10 Grad zeigt das Thermometer an, in den Fjorden ist das Wasser ruhig und tiefblau klar. Nur an etwas hat niemand von uns im Vorfeld der Reise gedacht: dass es fast zu wenig Schnee für die Schneeschuhtouren nördlich des Polarkreises haben könnte. Verdutzt schauen wir zu den Berghängen mit den lichten Birkenwäldern, wo immer wieder nackte Felsen sichtbar sind.

Arthur, der französische Kapitän der MS Polaris, hat 2011 das ehemalige Militärschiff gekauft und es zu einem schwimmenden Hotel umgebaut. Er kennt die Region gut. Kurzerhand steuert er das Schiff deshalb nördlicher als geplant in Richtung Stavfjorden, auf die Höhe des südlichen Teils der Lofoten. Dort hofft er, mehr Schnee zu finden.

Andere Schiffe kreuzen wir nicht. Auch die bekannte Hurtigroute verkehrt nicht auf diesem einsamen Küstenabschnitt von der Stadt Bodö nordwärts. Wir lassen die bergige Landschaft auf Deck oder auf dem Sofa im Innenraum an uns vorbeiziehen. Die Kontraste zwischen den schneebedeckten Gipfeln und tiefblauen Fjorden wirken stark. Eine Symphonie in weiss-grauen Farbtönen. Doch mit dem Sonnenuntergang um etwa 15 Uhr ändert sich das Farbenspiel. Der Himmel färbt sich in unterschiedlichsten Gelb- und Rottönen. Sie breiten sich über den Horizont aus, das Wasser reflektiert die Farben. Eine gefühlte Stunde dauert dieses Schauspiel der Natur.

Einsame Naturschönheiten

Auf dem Boot gehen wir die Tage gemütlich an. Um acht Uhr beginnt es zu dämmern, um neun Uhr stehen wir wie Michelin-Figuren, in x-Schichten eingepackt, für die Übersetzung mit den Schlauchbooten ans Ufer bereit. Die ersten Bergspitzen leuchten im Morgenlicht. Eisig ist der Fahrtwind bei der Überfahrt. Dimitri, der 25-jährige Franzose, steuert das Boot rassig über das Wasser, dann und wann schlägt es hart an den Wellen auf. Kaum dem Schlauchboot entstiegen, schnallen wir die Schneeschuhe an. Thomas, unser allgäuischer Bergführer, gibt die Richtung vor.

Es geht direkt vom Meer in die Berge. Wir steigen durch lichte Birkenwälder, zwischen Sträucher und wenigen Föhren auf. Nach rund 150 Metern haben wir die Baumgrenze erreicht. Der Schnee ist auch hier nicht üppig und immer wieder anders: mal wie Trockenpulver, dann griessig, griffig oder rutschig. Eisige oder sehr steile Abschnitte passieren wir wenige Male oder umgehen sie, wenn sie zu gefährlich sind. Die seitlich angebrachten Harschkrallen und die grossen Frontzacken der Schneeschuhe helfen über knifflige Stellen.

Oben auf einem Gipfel von gut 500 Meter über Meer mit dem unaussprechlichen Namen Tverrurfjellet sehen wir weit ins bergige Landesinnere. Es liegt erstarrt in weiss-grauen Tönen vor uns, unter riesigen Eis- und Schneeflächen begraben. Weit unten sind die tiefen Einschnitte der Fjorde und irgendwo darauf unser schwimmendes Hotel. Die Sonne, die auch mittags ganz flach über den Horizont kommt, lässt die Oberflächen glitzern oder samtig erleuchten. Die Landschaft und Bergketten tauchen in ein weiches, warmes Licht ein. Wir werfen hingegen enorm lange Schatten. Unterwegs treffen wir immer wieder auf Islandmoos, Flechten und Bäume, die sich mit Windungen und Krümmungen dem bissigen Wind zu entziehen versuchen. Es sind wunderschöne Bilder der Natur. Dazu zu Eis erstarrte Bäche, kleine Wasserfälle mal in gelblichen, mal in weiss-bläulichen Tönen, halb offene durchsichtige Eisdecken, unter denen das Wasser fliesst.

Immer wieder stossen wir auf Spuren von Rentieren und Elchen. Einem Tier aber begegnen wir nicht. Vor einem Bootshaus liegt das Geweih eines Elches. Wir staunen über das Gewicht und können es nicht lassen, unter Gelächter der Gruppe es an unsere Schläfen zu halten. Ansonsten ist die Gegend verlassen. Auf den insgesamt sechs Touren begegnen wir lediglich einmal einem Mann, der mit seinen Schlittenhunden in einer Holzhütte mit rostbrauner Farbe lebt. Dafür überqueren wir ganze Seenlandschaften, ähnlich wie im Engadin, in den Ausmassen jedoch viel grösser. Nach der Stille durch die Landschaft wirkt das Knirschen unserer Schneeschuhe auf dem Eis fast ohrenbetäubend.

Polarlichter am Himmel

Die Schlauchboote holen uns jeweils nach gut fünf Stunden wieder ab. Auf dem Schiff gibt es ein «Zvieri-Buffet», während Arthur das Schiff derweil in den nächsten Fjord lenkt. Über Nacht lässt er das 34 Meter lange Schiff vor Anker gehen. So spüren wir 14 Gäste weder das Schaukeln des Wassers noch stört uns das laute Motorengeräusch beim Schlafen in den kleinen, kuscheligen Kabinen mit eigener Dusche und Heizung.

Nur Valerie aus der französischen Schweiz ist nachts rastlos. Immer wieder geht sie in die Kälte hinaus, um enttäuscht zurückzukommen. Denn ein Nordlicht will sich uns nicht zeigen. Erst am allerletzten Abend sehen wir dieses unbeschreibliche Naturschauspiel in Grün. Während einiger Minuten leuchtet es in Form von Wolkenbildern am klaren Nachthimmel. Sie fliessen übereinander, ineinander, lösen sich auf und bleiben ständig in Bewegung. Wir staunen ehrfürchtig auf der MS Polaris. 

Die Reise wurde durch den Veranstalter «Berg und Tal» unterstützt.» Dieser organisiert Ski- und Schneeschuhtouren unter anderem in Norwegen. Weitere Informationen unter: www.bergundtal.ch.