Sie swipen, drücken und scrollen wie die Grossen. Im Kinderwagen, beim Zähneputzen oder Haareschneiden. Bildschirme sind für Kleinkinder Beschäftigung und Ablenkung zugleich. Solange das Tablet blinkt und die Kleinen gefordert sind, herrscht Ruhe.

Aber irgendwann ist Schluss. Und wenn der Bildschirm schwarz ist, lässt das Geschrei nicht lange auf sich warten. Forscher der Universität Washington haben untersucht, wie ein- bis fünfjährige Kinder reagieren, wenn sie sich vom Bildschirm trennen müssen. Entgegen ihrer Annahme fanden die Wissenschafter heraus, dass Warnungen wie «In zwei Minuten ist Schluss» häufiger zu einem Wutausbruch führen. Obwohl die Eltern damit das Gegenteil bewirken möchten und ihre Kinder darauf vorbereiten möchten, dass die Zeit vor dem Bildschirm bald zu Ende ist, konnten die Forscher zeigen: Der Frust der Kinder und der Eltern-Kind-Konflikt sind am Ende sogar grösser.

Warum genau das so ist, konnten sie nicht abschliessend beantworten. Sie vermuten, dass sich ein Kind nach einer Warnung eher auf die Auseinandersetzung mit seinen Eltern vorbereitet, als darauf, dass die Zeit vor dem Bildschirm bald zu Ende sein wird.

Die Resultate haben die Wissenschafter an einer Tagung in Kalifornien präsentiert. Für ihre Studie haben sie 27 Eltern befragt und 28 Eltern während zweier Wochen den Medienkonsum ihrer Kinder dokumentieren lassen.

Gegen Technik sind sie machtlos

Die Trennung vom Bildschirm fällt den Kindern nicht immer gleich schwer. Wenn das Kind sowieso keine Lust mehr hat, das Nachtessen wartet oder ein Spielkamerad klingelt, ist das Tablet schneller vergessen. Aber auch wenn der leere Akku oder die tote Internetverbindung die Zeit vor dem Bildschirm beenden, fällt es den Kindern leichter, das zu akzeptieren.

Olivier Steiner vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe der Fachhochschule Nordwestschweiz erstaunt das nicht: «Mit den Eltern kann man verhandeln. Ist die Technologie schuld, ist keine Auseinandersetzung möglich.» Ähnlich sieht es Sarah Genner, Medienpsychologin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften: «Vermutlich haben viele Kinder schon erlebt, dass sich ein Elternteil hat erweichen lassen, ein leerer Akku aber bleibt leer.»

Sollen Eltern dem Frieden zuliebe dem Medienkonsum ihres Nachwuchses deshalb eine technische Grenze setzen? Das Internet einfach ausschalten oder eine Software installieren, die nach abgelaufener Zeit automatisch den Ruhezustand aktiviert? «Eltern sollten ihre Verantwortung nicht auf die Technik abschieben», findet Olivier Steiner. Der Austausch und die Diskussion über den Medienkonsum seien wichtig – schon im Kleinkindalter: «Gerade kleine Kinder sollten sich mit den gemachten Medienerfahrungen auseinandersetzen und sie verarbeiten.» Nur so können sie lernen, ihren Konsum selber zu regulieren: «Das ist wichtig, weil sie später niemand mehr kontrolliert.»

Auch Sarah Genner ist für klare Regeln: «Die Kinder müssen spüren, dass ihre Eltern es ernst meinen.» Gerade bei älteren Kindern merke man, dass Eltern sagen, es gebe klare Regeln, die Kinder das teilweise aber anders sehen. «Manche Eltern sind zu wenig konsequent, halten sich nicht an eigene Regeln und die Kinder wissen daher gar nicht, was eigentlich gilt.»

Die Industrie als Gegenspieler

Das mit der Konsequenz ist allerdings nicht ganz einfach: Die Eltern, die an der Studie teilgenommen hatten, klagten über die Industrie. Tatsächlich werden in Amerika für keine andere Altersgruppe mehr Apps entwickelt als für unter 5-Jährige. Die Autoplay-Funktion, die automatisch das nächste Video startet, wenn das vorherige zu Ende ist, oder Spiele, die man erst nach Abschluss des Levels speichern kann, kommen den Eltern in die Quere, wenn sie ihre Regeln durchsetzen möchten. Wutausbrüche und Diskussionen mit dem Nachwuchs sind da programmiert.

Sarah Genner rät den Eltern deshalb, dass sie sich über die Mechanismen der Apps und Spiele ihrer Kinder informieren: «Nur so können sinnvolle Regeln aufgestellt werden, an die sich das Kind halten muss.» Denn natürlich ist der Frust entsprechend gross, wenn man mitten im Spiel aufhören muss.