Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich Tiefseetaucher. Ein Taucher im Ozean der Zeit, der die kostbaren Schätze der Vergangenheit an die Oberfläche holt: Die Briobahn natürlich, die Lego und Duplo, sogar längst vergessene, einst innig geliebte Stofftierchen treten wieder ins Leben und mit ihnen eine dicke Patina von Erinnerungen, der magische Schimmer längst vergangener Abenteuer, kühner Bauvorhaben, wütender Enttäuschungen und ewiger Weisheiten meiner eigenen Kindheit.

Eines dieser Artefakte ist mir erst kürzlich in die Hände gefallen und hat mich in den Bann gezogen: das Maggi-Liederbuch. Entzückt blätterte ich Seite für Seite durch, und es klangen in mir nicht nur die vielen Melodien meiner Kindheit an wie «Meieriisli im Garte» oder «Schnägge-Schnäggehüsli», die ich zum Teil längst vergessen hatte. Ich merkte auch, wie tief die Illustrationen in mein Bewusstsein gesickert waren und wie stark die idyllische Bildwelt die Erinnerung an meine Kindheit prägte.

Und als ich das Vorwort an die «Mütter und Kinderfreunde» las, erwuchs in mir ein inniges Bedürfnis, meinem Nachwuchs an diesen Schätzen teilhaben zu lassen. Denn wie es da heisst: «Im Kinderlied spiegelt sich der ganze Reichtum der unbeschwerten Erlebniswelt des Kindergemütes: die Verbundenheit mit der lebendigen Natur, dem Bächlein im Wald, und den Vöglein im Garten: dann die gläubige Empfänglichkeit für das göttliche Walten.» Was für ein Produkt von Corporate Citizenship! Was für eine wunderbare Zeit, in der ein Speisewürzenhersteller sich auch um das seelische, ja sogar geistliche Wohl und die Weitergabe von Kulturgut bemühte!

Enthusiastisch setzte ich mich mit unseren zwei Kleinen aufs Sofa und wollte sie teilhaben lassen an den wunderbaren Schätzen, begann leidenschaftlich zu singen und wollte mit ihnen die Bilder erkunden, die Rehli und Vögeli und Äntli. Aber bereits auf Seite zwei befreite sich Söhnchen aus der sanften Umklammerung und stürmte «Aff!» rufend aufs Büchergestell zu, um sogleich mit einem anderen Buch anzutraben: «Aff!»

Er hatte zum Glück nicht mich gemeint, sondern was er zwischen den beiden Buchdeckeln wusste: In der Hand hielt er das Stickeralbum «Animal Planet». Herb enttäuscht über so wenig Sinn für das kostbare Volksgut, beugte ich mich der Realität und schlug das Buch auf, was sowohl Töchterchen als auch Söhnchen mit einem Jauchzer quittierten. Lieber wollten sie in die «augmented reality» der Migros eintauchen, den Elefanten über das Buch spazieren sehen und das Äffchen nachahmen, wie es sich am Kopf kratzt.

Aber so rasch werde ich mich nicht geschlagen geben, ab sofort gibt es bei uns nicht nur Mirador, sondern auch Aromat und jeden Tag ein neues Lied aus dem Maggi-Buch. Wenn ich schon «Migros-Kinder» habe, dann wenigstens mit Kulturprozent.