Mit 61 zog Paula* zurück zu ihrer Mutter. Zu der Frau, unter der sie ein Leben lang gelitten, deren Dominanz, deren unerschütterliches Beharren auf Zuneigung Paula fast die Luft zum Atmen genommen hatte. Mit zwei Reisetaschen zog Paula ins Wohnzimmer und blieb 18 Monate lang.

Weil sie keine Wohnung fand mit ihren Schulden, weil ihr Ex ihr alles genommen hatte, verprasst, verpulvert, weiss der Teufel, wo all das Geld versickert ist, zwischen den Brüsten anderer Frauen, beim Blumenhändler, beim Autoverkäufer, in Luxushotels, bei Fluggesellschaften.

Paula. 63 Jahre alt, eine schöne Frau – wenigstens die Schönheit hat ihr Ex ihr nicht nehmen können. Aber sonst hat er alles kaputtgemacht. «Innendrin ist alles dahin», sagt sie. Ein Betrüger war er, ein Hochstapler. Und sie ist auf ihn hereingefallen. Sie ist so furchtbar wütend auf ihn, sie möchte ihn hassen.

Der Geliebte hält sie hin

Es beginnt mit einem Inserat: «Pilot sucht». Paula beisst an. Paula, das Mädchen aus den Bergen, nach Gymi und Handelsschule Sekretärin in einem international tätigen Unternehmen in der Stadt, über 30, sehr gut bezahlt, frustrierte Geliebte vom Chef. Seit zehn Jahren hält er sie hin, schwört, seine Familie zu verlassen und mit ihr eine zu gründen. Sie sehnt sich so danach. «Ich wollte nichts mehr als einen Mann, Kinder, eine eigene Familie.»

Nicht nur der Familie wegen. Sie erhofft sich, so endlich Abstand von ihrer psychisch kranken Mutter zu gewinnen, die sie so in Beschlag nimmt. Die Mutter, der Paula vor lauter schlechtem Gewissen so hörig, so ergeben ist, dass sie sich noch nicht einmal zu sagen traut, dass sie nicht ständig während der Arbeitszeit im Büro anrufen kann.

Paula trifft den Piloten. Henri ist klein, wirkt bieder, er ist kein Frauenheld. Aber er kann reden. Paula ist hingerissen von seinen Geschichten, von seiner Pilotenuniform, in der er jeden Morgen aus der Tür geht, von den Reiseberichten zu den exotischen Orten dieser Welt. Aufkeimende Zweifel verdrängt sie, sie will endlich ein Kind und Henri macht ihr eins. Verliebt sei sie nicht gewesen, sagt sie heute. «Was ist schon Liebe», schnaubt sie. «Ich war glücklich, endlich schwanger zu sein.»

Es ist ein Mädchen. Paula ist so wahnsinnig glücklich, so voller Liebe. Doch das Mädchen ist krank, hat Mühe zu atmen. Jeden Moment könnte es aufhören damit. Und mit den ersten Minuten mit dem Kind verschwindet alles andere, ausgeblendet vor lauter Angst, man könnte ein Stocken der Atmung überhören. Es gibt nur noch Paula und das Mädchen. Henris Geschichten hört sie nicht mehr, will sie auch gar nicht, er bringt Geld heim, und das reicht. Womit er es verdient, wie viel es ist und was er damit tut, weiss Paula nicht. Es spielt keine Rolle.

Das Konto ist leer

Paula und Henri heiraten. Die Familie wohnt schön, geht auswärts essen, Gäste kommen gern und oft. Henri geniesst das Publikum, das Publikum liebt seine Geschichten. Geschäftlich läuft es gut: Henri steigt ins Immobiliengeschäft ein, gründet eine Firma. Paula lässt sich ihre Pensionskasse ausbezahlen, als Polster, über 100 000 Franken. Henri rät ihr, das Geld via verschiedene Banken an diejenige zu überweisen, bei der er seine Konten hat.

Paula tut, was Henri sagt. Dann erzählt ihr Henri eines Tages, seine Mitarbeiter hätten ihm Geld geklaut, er brauche dringend welches. Als Paula zur Bank fährt, um Henri mit ihrem Notgroschen auszuhelfen, ist da nichts mehr. Von den über 100 000 Franken sind noch 300 da. Das Konto, das sie für die Tochter angelegt hatten, ist leer.

Hat sie ihn dafür angezeigt? Paula schüttelt den Kopf. «Mir hat die Kraft gefehlt.» Dann verzieht sie den Mund zu einem verächtlichen Grinsen. «Geglaubt hätte mir sowieso keiner. Er hat alle mit seinen Geschichten um den Finger gewickelt.»

Henri nistet sich wieder ein

Paula will sich scheiden lassen. Henri muss die Wohnung verlassen und zieht zu seiner Geliebten, fliegt da bald wieder raus. Henri jammert, ihm fehle das Geld, um zwei Wohnungen zu bezahlen, nistet sich wieder bei Paula ein. Henri bezahlt keine Alimente, dafür die Miete. Paula willigt dem Mädchen zuliebe in die Wohngemeinschaft ein.

Die Beziehung ist dahin, Henri macht kein Geheimnis aus seinen Affären. Paula will auf eigenen Beinen stehen, schreibt Bewerbungen, ordnerweise. Sie findet etwas, für einmal die Woche, im Stundenlohn, besser als nichts, bald bekommt sie einen zweiten Aushilfsjob.

2013 kommt das Schreiben: Die Wohnung werde zwangsgeräumt, die Miete sei seit zwei Jahren ausstehend. 70 000 Franken Schulden. Paula fällt aus allen Wolken. Henri mietet eine neue Wohnung, sagt dem Vermieter, er könne keinen Betreibungsregisterauszug zeigen, weil er die letzten Jahre im Ausland gelebt habe. «Der Vermieter hat ihm geglaubt. Alle glauben ihm.» Doch auch für die neue Wohnung zahlt Henri nur teilweise. Im Frühling 2015 müssen sie die Wohnung räumen. Paula steht auf der Strasse. Und Henri packt seine Sachen in einen Lieferwagen und setzt sich ins Ausland ab.

Paula hat nichts mehr. Noch nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf. Als solidarhaftende Ehefrau hat auch sie einen Eintrag im Betreibungsregister, keiner will ihr eine Wohnung geben. Die Tochter, inzwischen erwachsen, zieht zu ihrem Freund. Auf dem Sozialamt schütteln sie den Kopf, mit ihren beiden Jobs verdient Paula just so viel, dass sie keinen Anspruch auf Hilfe hat. Sie könne ja in einer Pension wohnen, sagt man ihr, auch Wohnwagen seien günstig zu haben.

«Ich habe mich aufgegeben»

Knapp zwei Jahre ist das her. Seit September hat Paula dank eines Bürgen endlich eine eigene Wohnung, winzig und weit ab vom Schuss in einem Aargauer Dorf, in dem die Strassen eng, die Zäune hoch und die Parkverbotsschilder zahlreich sind. Aber endlich hat sie ihre eigenen vier Wände. Sie ist geschieden. Und sie hat sich frühpensionieren lassen, bekommt etwas AHV, aber auch davon nur wenig, weil Henri als Selbstständigerwerbender zehn Jahre lang keine AHV einbezahlt hat. Seit September bezieht sie Ergänzungsleistungen. Nicht viel, es reicht gerade so.

Und Henri? «Er war wohl Pilot.» Aber von wegen Flüge nach Kuba und Singapur. «Er hat bloss selber Flugzeuge gemietet und damit ein paar Geschäftsleute herumgeflogen», sagt Paula. Sie sei auch nicht die Einzige gewesen, die er übers Ohr gehauen hat, andere hätten ihn angezeigt. Wie es mit ihr weitergeht, weiss Paula nicht. «Ich habe mich aufgegeben», sagt sie. «Ich habe nichts Böses getan, ich bin unschuldig.» Doch diese Abscheu, dieses Herablassende, mit der man sie behandelt hat, hat sie krank gemacht. «Ich wurde missbraucht. Und ich habe mich missbrauchen lassen», sagt sie. Und weint.

* alle Namen geändert