Es ist ein ganz normaler Herbsttag vor einem Jahr. Stephan Müller weiss noch nicht, was dieser Tag in ihm auslösen wird. Um 5.15 Uhr steht er auf. Er braucht keinen Wecker, denn seine innere Uhr weckt ihn täglich um dieselbe Zeit. 45 Minuten später fährt Müller mit dem Zug von Erlenbach nach Bern. Dort trinkt er im Loeb-Café Espresso und liest Zeitung. Danach spaziert Müller, wie die letzten 23 Jahre, an die Maulbeerstrasse. Doch etwas an diesem Tag ist anders. Der Mediensprecher des Touring Clubs Schweiz hat seinen letzten Arbeitstag. Er wird pensioniert.

Die Pensionierung trifft den Mann wie einen Schlag. Der Pensionierungsschock, auf den sich Müller zu wenig vorbereitet hat, nicht ahnte, dass er ihn treffen würde. An seinem letzten Arbeitstag trinkt er am Morgen mit seinen Kollegen Kaffee, wie so oft geht er mit einem Freund im Marzili an der Aare Mittagessen. Am Nachmittag gibt er sein Geschäftshandy ab, fährt den Computer herunter und macht für einmal früh Feierabend. Um 15 Uhr fährt er nach Hause, zurück ins Simmental.

Drei Tage später erwacht Müller um 5.15 Uhr, seine innere Uhr tickt noch gleich. Montag, ein neuer Start in die Arbeitswoche. Doch Müller bleibt im Bett liegen, denkt an seine Arbeitskollegen in Bern. Er kann nicht mehr einschlafen. Die ersten zwei Wochen waren für den Pensionierten wie Ferien. Ganz okay eigentlich. Doch dann kam die Leere, das Hinterfragen, die Suche nach einem Sinn.

Rituale und Strukturen fehlen

«Pensionierte haben noch mehr als 20 Jahre vor sich, sie müssen diese neue Lebensphase selber gestalten», sagt die Gerontologin Michèle Dubois. Sie ist Laufbahnberaterin am IAP, Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW, und begleitet Menschen vom Arbeitsleben in die Pensionierung. Jeder Mensch habe das Bedürfnis, gebraucht zu werden. «Pensionierte suchen oft einen neuen Sinn und eine neue Identität», sagt die Psychologin. In der westlichen Welt definieren wir uns über den Beruf. Diese Identifikation fällt nach der Pensionierung weg.

So auch bei Müller: «Die Arbeit, die ich sehr liebte, wurde mir genommen.» Als Mediensprecher immer eine gefragte Person, fühlt er sich als Rentner plötzlich als ein Nobody. Das wars. «Die Pensionierung, die vermeintlich grosse Erlösung, ist nicht nur befreiend», sagt Müller. Am meisten machen ihm die fehlende Struktur und die fehlenden Aufgaben zu schaffen.

Das Pendeln nach Bern, der morgendliche Espresso, der Austausch mit seinen Arbeitskollegen. Was durch einen Arbeitsalltag einfach gegeben ist, muss sich ein Pensionierter nach fast 40 Jahren Arbeitsleben selber aufbauen. Vom Projektmanager zum Freizeitmanager.

Zusätzlich zwingen einen all die scheinbar glücklichen Pensionierten mit Hut und Wanderstock, die langersehnte Freizeit zu geniessen. Theoretisch könnte Müller das auch: Während der Woche Berge besteigen, teure Kreuzfahrten buchen oder seinen Lebensabend auf einer Finca in Mallorca verbringen. Aber Müller sagt das alles nichts. Oder vielleicht noch nicht. Er kneift seine Augen zusammen und sagt: «Ich setze mich unter Druck, meine Zeit optimal nutzen zu müssen und fühle mich dabei oft hilflos.» Ein Jahr nach seiner Pensionierung stellt Müller fest, dass er noch immer mit seiner neuen Lebensphase zu kämpfen hat.

Mit seiner Frau hat er vor seiner Pensionierung einen Pro-Senectute-Kurs besucht, der von seinem Arbeitgeber angeboten wurde. Dort zeigte man älteren Menschen, wie sie sich auf die Pensionierung vorbereiten können. Aber Müller hat die Ratschläge nicht umgesetzt. Nie hätte er gedacht, dass die Umstellung bei ihm ein Problem sein wird.

Der Job, sein Ein und Alles

Gemäss Dubois ist es wichtig, sich vor der Pensionierung mit Fragen auseinanderzusetzen wie etwa: Was macht mir Freude, was habe ich in den vergangenen Jahren nicht machen können, und was möchte ich in Zukunft machen? «Herausfinden, wofür das Herz schlägt», sagt Dubois. Das könne sein, Zeit mit den Enkelkindern zu verbringen oder freiwilliges Engagement. Dies sei aber von Mensch zu Mensch verschieden.

Die Warnzeichen bei Müller waren da. Er hat sich so stark über seinen Job identifiziert, lebte für die Arbeit, pflegte kein Hobby. Seine Freunde haben ihm oft gesagt, er müsse mehr Abstand zu seinem Job gewinnen. Ein Jahr vor der Pensionierung merkte auch Müller, dass ihm alles viel zu viel wird und liess sich frühpensionieren. Er wollte aussteigen. Heute vermisst er es, eingebunden zu sein.

Wie bei allen Sorgen und Problemen, die einen nicht mehr frei denken lassen, ist es auch im Rentenalter wichtig, über seinen Zustand zu sprechen. Sei dies mit Fachpersonen oder mit Freunden und Familie.

Auch Müller helfen die Gespräche mit seiner Frau und seinen Freunden. Der 65-Jährige und seine pensionierte Frau haben sich entschlossen, vom 1704-Seelen-Dorf Erlenbach wegzuziehen. Umgeben von Bergen, dem 2190 Meter hohen Stockhorn, fühlte sich Müller in Erlenbach eingeengt. Ihm fehlte die Weite, die schönen Cafés zum Zeitunglesen. Von seinem neuen Wohnort Steffisburg aus möchte Müller wieder mehr nach Bern pendeln. Kurse an der Volkshochschule belegen, Vorlesungen an der Uni besuchen – sich neuen Aufgaben stellen.