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Radau an der Raw: Blut, Bienen und Blaufränkisch

Die Blutlache am Boden ist gross wie das Mittelmeer. Zum Glück hat niemand gesehen, dass der randvolle Spucknapf nicht von Geisterhand von der Tischkante geschupst worden ist … So ein Ende hat dieser Wein nicht verdient. Er stammt von Salvatore Marino aus Sizilien. Seine frischen Crus sind eine meiner Entdeckungen an der «Raw Wine». Diese Weinmesse hat kürzlich Berlin gerockt. Der Name ist Programm: die Weine sind «raw» – naturbelassen. Wie etwa jene der Hiyu Wine Farm aus Oregon. Mit seinem langen weissen Bart erinnert Winzer Nate Ready an den legendären US-Musikproduzenten Rick Rubin. Seine Spezialität sind «Field Blends», Weine aus verschiedenen Traubensorten, die im selben Berg wachsen und zusammen geerntet und gekeltert werden.

Ungewöhnlich sind die Crus von Ballot-Flurin aus Südwestfrankreich. Der Hydromel Pétillant ist ein Schaumwein mit Honig und Lavendel. Das Projekt eines Bio-Imkers und eines Kanadiers ist extrem interessant – die Honigweine sind allerdings Geschmackssache. Auf zur nächsten Blüte, zum ungarischen Weingut Hummel. Hier summt die Biene auf dem Etikett. Der «Bernstein 2018», gekeltert aus der ungarischen Rebsorte Hárslevelü, ist unglaublich saftig. Nektar!

Die Offenbarung folgt am Stand der Winzerin Judith Beck. Das Weingut der jungen Österreicherin liegt am Neusiedlersee. Besonders beeindruckend: die Weine ihrer «Bambule!»-Serie. Bambule ist Gaunersprache und steht für Gefängnis-Radau. Es sind ihre rawsten Weine. Unfiltriert, ungeschwefelt – und unglaublich gut. Der opulente Duft nach Muskat, Orangenschale, Grüntee und hellen Blüten wird begleitet von einer ätherischen Kräuterwürzigkeit, die der Wein seiner fast zweiwöchigen Maischestandzeit verdankt. Auch Becks roter Bambule, ein Blaufränkisch, trumpft mit ätherischen Nuancen auf. Dichtgewoben, von kühler Eleganz mit zünftig Tannin und Aromen dunkler Beeren, Pfeffer, Zedernholz und Paprika. Ich notiere: Blaufränkisch – muss öfter getrunken werden! Dieser Wein landet nicht am Boden wie der arme Sizilianer – sondern im Reisegepäck.

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