Scheidung

Rosenkrieg war gestern: Ab heute lässt sich die Trennung outsourcen

Jede zweite Ehe in der Schweiz wird geschieden. Unternehmer haben das Geschäft mit den Geschiedenen entdeckt und übernehmen das Unangenehme. Ab heute soll neu die Scheidungsagentur «Divorceclub» helfen.

34 Millionen Dollar. So viel Geld liessen sich Kate Middleton und Prinz William ihre Hochzeit kosten. Auch wenn der Normalsterbliche von solchen Beträgen nur träumen kann, mit dem Bund fürs Leben lässt sich viel Geld ausgeben oder eben verdienen.

Exquisite Brautkleider, teure Caterings und ausgefallene Locations oder gar prominente Weeding-Planer – das Geschäft mit der Heirat ist riesig. Meist ist dieser kostspielige Aufwand den Verliebten es wert, manchmal aber bereuen sie im Nachhinein die exorbitante Summe. Oder auch die ganze Hochzeit.

Nach dem Bereuen kommt die Trennung nun mal oft als letzte Konsequenz einer zerrütteten Partnerschaft, und genau da haben manche Unternehmer den «Markt» der Scheidung für sich entdeckt und bieten als Scheidungs-Agenturen vermehrt Trennungs-Dienstleistungen an.

Das Wort «Dienstleistung» ist ganz schön informell und grässlich, wenn man bedenkt, dass einst aus Liebe geheiratet wurde und eine Partnerschaft nun ganz in Business-Manier aufgelöst wird.

Scheiden im Klub

In der Schweiz lässt sich heute fast jedes zweite Paar scheiden. Die Scheidungsrate ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Einen Markt für Scheidungsagenturen gibt es demnach. Die Gruppe der Geschiedenen wächst im Jahr durchschnittlich um 34 000 Personen. Brigitte Kaps dürfte das freuen. Schliesslich verdient sie ihr Geld mit Leuten, die sich trennen.

Heute lanciert sie ihre Scheidungsagentur. Den «Divorceclub» (Scheidungsklub). Laut Geschäftsführerin Kaps ist das das erste umfassende Geschäftsmodell, bei dem die Kunden vom Anfang bis zum Ende begleitet werden. Der Service soll Scheidungswillige, in der Scheidung befindliche Personen sowie bereits Geschiedene unterstützen. Kaps betont: «Wir fördern nicht die Scheidung, sondern begleiten und beraten.»

Gründerin Kaps, die selbst eine Scheidung hinter sich hat, kommt eigentlich aus der Kommunikationsbranche und hat 15 Jahre lang Banken beraten. «Ich habe viele Bekannte, die sich scheiden liessen, und Trauer sowie emotionales Elend miterlebt. Da kam mir die Idee mit dem Scheidungsbusiness», sagt Kaps. «Und ich wollte auch aussteigen», schiebt sie hinter her.

Der Trend, dass wir immer mehr delegieren und auslagern, ist nicht aufzuhalten. Meist schaffen wir uns dadurch auch Vorteile. Aber nun frisst er sich schon in unsere intimsten Ecken hinein – oder was ist privater als eine Partnerschaft?

«Outsourcen» tun wir, weil wir keine Zeit haben, weil wir Hilfe brauchen oder weil wir uns schlichtweg nicht damit beschäftigen möchten. Kann man aber mit etwas abschliessen (und das sollte man wohl bei einer Trennung), das man anderen abgibt?

Von Einzel-Beratungen bis zu Coaching-Events, die einem zeigen, wie man sich im neuen Leben zurechtfindet, bietet Kaps Hilfe für alle Phasen einer Scheidung. Wie regle ich die Finanzierung? Wie schaffe ich das emotional? (Kaps arbeitet mit Psychologen der Universität Zürich zusammen.) Wo soll ich vorübergehend wohnen? Dazu gehören auch Stilberatung und Typveränderung. Bei Personen des öffentlichen Interesses gibt es sogar eine extra PR-Beratung. Ihr Service beginnt ab 99 Franken.

Zur spirituellen Loslösung von der Ehe können sogenannte Scheidungsrituale durchgeführt werden. Bei diesem Programmpunkt merkt man wenigstens wieder, dass eine Trennung dann doch auch etwas Emotionales und nicht rein Geschäftliches ist.

Das Bedürfnis, die Partnerschaft rituell und im Beisein von Zeugen zu beenden, wächst. Kaps arbeitet mit dem Pfarrer Andrea Marco Bianca zusammen. Er ist überzeugt, dass eine rituelle Trennung eine wertvolle Wirkung für die psychische Gesundheit hat. Der Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Küsnacht muss es wissen, schliesslich hat er jahrelang über Scheidungsrituale geforscht. Rituale verhelfen laut Bianca zu mehr Klarheit und Kraft.

Und dann die Ehe begraben

Des Weiteren gibt es eine Community (3 Monate Mitgliedschaft 450, 24 Monate 1650 Franken). Kaps will sie nicht als Selbsthilfegruppe oder Dating-Gemeinschaft verstehen, sondern als ein Treffen für Gleichgesinnte. Trotzdem ist so ein monatlicher Apéro unter «Divorceclub»-Mitgliedern eine gute Gelegenheit, um sich neu zu verlieben – oder wenigstens über den Ex-Partner abzulästern.

Hinzu kommen noch sogenannte Neustart-Coachings. Das klingt alles so schön positiv. Bei dem Wort «Club» – insbesondere wenn man es Englisch ausspricht – denkt man doch auch am ehesten an einen Segelklub, in dem sich attraktive, gutbetuchte Leute treffen, um chic auszusehen und ein bisschen Sport zu machen.

Oder an einen Nachtclub, in dem bis in die Morgenstunden getanzt wird. Auf jeden Fall: an Freizeit, an etwas, das Spass macht. Aber dass eine Agentur sich so nennt und alles ins Positive ummünzt, ist eine kühl kalkulierte Farce. Scheiden ist immer Scheitern. Es tut weh, es ist furchtbar. Man hat die Partnerschaft in den Sand gesetzt.

Die Firma «Wedding Ring Coffin» geht noch einen Schritt weiter und will die in den Sand gesetzte Ehe sogar unter der Erde begraben. In einem Sarg. Die Trauringe sollen nach der Scheidung in einen 15 cm langen und 5 cm breiten Mini-Sarg für etwa 25 Franken kommen. Grabsprüche wie «Rest in Peace» oder «Six feet isnt’t enough» gibts gratis dazu. Als ob das nicht skurril genug wäre, kann man auch Einladungskarten für die Beerdigungsfeier bestellen.

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