Vor Sarah Ineichen liegt ein blaues Fotoalbum auf dem Tisch. Sie hat Bilder von sich eingeklebt, hat sich von Google ihre Lebensabschnitte auf singhalesisch übersetzen lassen und die ihr fremden Zeichen sorgfältig unter die Fotos geschrieben. Das Album sollte ihrer Mutter Rani einen Einblick in das Leben ihrer Tochter geben. Jener Tochter, die sie Anfang der 80er-Jahre zur Adoption freigegeben hatte und die bei einem Schweizer Paar aufwuchs. Nach langer Suche fand Sarah Ineichen in Sri Lanka Rani. Doch das Fotoalbum kehrte mit der 37-Jährigen in die Schweiz zurück. Rani, die Frau auf der Geburtsurkunde, ist nicht ihre leibliche Mutter.

Frau Ineichen, wann realisierten Sie, dass bei Ihrer Adoption nicht alles mit rechten Dingen zu- und hergegangen war?

Sarah Ineichen: Bei meiner ersten Suche in Sri Lanka. Eine Freundin begleitete mich dorthin, und ein Bekannter vor Ort dolmetschte. Zu dritt klapperten wir sämtliche Behörden und Archive ab. Wir fanden aber weder einen Hinweis auf meine Geburt noch auf meine Mutter. Nicht einmal in den Geburtenbüchern des Spitals stand mein Name. Deshalb gaben wir eine Vermisstenanzeige auf und befragten die ältesten Personen im Quartier. Nichts.

Hatten Sie keinen Anhaltspunkt, keine Adresse?

Doch. Auf meiner Geburtsurkunde stand eine Adresse. Sie lag mitten in einem Armenviertel von Colombo. Dort trafen wir auf eine grosse Familie, die spontan beschloss, uns zu helfen. Aber von meiner Mutter fehlte jede Spur.

Wann spürten Sie erstmals den Wunsch, Ihre Mutter kennen zu lernen?

Das war nach der Geburt meiner drei Kinder. Vorher hatte ich dieses Gefühl verdrängt. Ich wollte meine Adoptiveltern nicht verletzen und hatte Angst davor, welche Hintergründe ich antreffen könnte. Zu wissen, von der eigenen Mutter nicht gewollt zu sein, ist ein grosser Schmerz, den ein Adoptivkind immer wieder wegdrücken muss. Zum eigenen Schutz habe auch ich unbewusst Barrieren errichtet. Erst als ich mit meinem Mann und unseren Kindern Wurzeln schlagen konnte, war ich bereit, nach meinen Dokumenten zu fragen.

Wie reagierten Ihre Adoptiveltern?

Meine Adoptivmutter weigert sich bis heute, mir meine Dokumente zu geben. Meine Geburtsurkunde, die Einreisebewilligung und den Sozialrapport bekam ich vom früheren Partner meiner Mutter. Also von jenem Mann, mit dem sie gemeinsam entschied, ein Kind aus Sri Lanka zu adoptieren. In diesen Unterlagen stand, wie meine Mutter hiess, wo sie wohnte und in welchem Spital ich zur Welt kam. Als ich dies las, konnte ich nicht mehr schlafen. Es war, als ob ein Vorhang gefallen wäre. Der Schmerz, von meiner Mutter getrennt worden zu sein, und das Bedürfnis, sie zu finden, nahmen mich komplett ein.

Sämtliche Informationen führten vor Ort in eine Sackgasse. Wie ging es weiter?

Ein Jahr lang versuchte ich, mein Dossier bei den Behörden im Kanton Nidwalden einzusehen. Es hiess, sie dürften es mir aus Datenschutzgründen nicht geben. Wiederum half mir der erste Partner meiner Mutter mit seiner Unterschrift. Im Dossier hielten die Behörden schriftlich fest, dass sie dem Paar kein Kind hätten bewilligen dürfen.

Wieso?

Es fehlten die notwendigen Abklärungen, meine Adoptiveltern waren gemäss damaligem Recht zu jung und zu wenig lang verheiratet. Auch meine Einreise in die Schweiz verstiess gegen geltende Vorschriften. Ich war knapp drei Wochen alt. Bei Adoptionen mussten Babys damals aber mindestens sechs Wochen alt sein – zum Schutz von Mutter und Kind. Als ich von all diesen Verstössen in der Schweiz erfuhr, war mir klar, ich muss weitersuchen.

Sie reisten zurück nach Sri Lanka?

Ja, mein Bekannter vor Ort fand die Adresse einer Frau, die gleich wie meine Mutter hiess, aber ein anderes Geburtsdatum hatte. Mein Mann begleitete mich zu dem Haus. Zehn Menschen waren dort, jung und alt. Wir erklärten vorsichtig, wen wir suchen. Da stand eine Frau auf, zückte ihre ID. Sie war es. Als mein Mann jedoch meine Geburtsurkunde hervor nahm, wurde ihre Tochter schneeweiss im Gesicht. Das seien ihre Urkunde, ihr Name, ihre Daten. Sie war ebenso geschockt wie ich.

Wie reagierten Sie?

Ich hatte das Gefühl, dass sich der Boden unter mir öffnete. Bis zu diesem Tag ging ich davon aus, finde ich diese Frau, finde ich meine Mutter. Doch in diesem Moment wurde mir klar: Meine Adoption ist ein riesiger Betrug. Ich begann zu weinen. Da wurde es ganz still im Haus. Meine vermeintliche Mutter stand auf, nahm mich in die Arme und wischte mir die Tränen weg. Von ihrer liebevollen Reaktion war ich völlig überrascht.

Sie war eine der so genannten «Acting Mothers», die vor Gericht nur Ihre Mutter spielte?

Ja. Das gab sie sogleich zu. Sie liess mich nie in einem falschen Glauben. Ein DNA-Test bestätigte später, dass wir nicht verwandt sind.

Weshalb hatte sie das getan?

Eine Frau namens Lady Violet brachte mich zu ihr. Sie bot ihr 30 Dollar an, um mich ans Familiengericht zu bringen. Das entspricht etwa drei Monatslöhnen. Im Gericht unterschrieb meine «Acting Mother» die Verzichtserklärung. Unter der Identität ihrer leiblichen Tochter gab sie mich zur Adoption frei.

Wer waren die Leute dahinter?

In Sri Lanka war es Lady Violet, die aber bloss als Zwischenhändlerin auftrat. Sie arbeitete mit einer Anwältin vor Ort, die wiederum eng mit der Schweizer Vermittlerin Alice Honegger die Adoptionen abwickelte. Sie sind inzwischen alle gestorben. Somit kann ich von dieser Seite keine Hinweise mehr erhalten.

Auch Mütter in Sri Lanka suchen ihre leiblichen Kinder. Mit einem Fernsehteam des RTS reisten Sie in diesem Jahr nach Sri Lanka und sprachen mit ihnen. Was erzählten sie Ihnen?

Ihre Geschichten sind unterschiedlich. Es gab Frauen, die mussten uneheliche Kinder aufgrund des familiären Drucks weggeben. Sehr armen Frauen wurden falsche Versprechungen gemacht. Etwa, dass sie ihre Babys in Heimen in Obhut geben könnten, während sie Geld verdienten. Als sie ihre Kinder abholen wollten, waren sie aber weg. Einem Paar wurde im Spital gesagt, dass sein Baby bei der Geburt – einem Kaiserschnitt – starb. Später fanden sie heraus, dass es lebte und weggebracht wurde. Da die Adoptionen solcher Kinder illegal waren, wurden «Acting Mothers» angeheuert.

Und diese «Acting Mothers» gaben die Identitäten ihrer eigenen Kinder her?

Nach welchem Schema Papiere gefälscht wurden, wissen wir nicht. Einige von uns Adoptierten haben nur einen Pass – aber keine Geburtsurkunde und keine Verzichtserklärung. Wie es überhaupt möglich war, dass sie in die Schweiz einreisen durften? Keine Ahnung. Andere besitzen zwei Geburtsurkunden. Weshalb ihnen die Einreise in die Schweiz bewilligt wurde, ist ebenso unklar. In Sri Lanka stellten wir aber fest, dass nicht nur erwachsene Adoptierte unter Adoptionen leiden, sondern auch sri-lankische Mütter. Ihr grösster Wunsch ist es, vor ihrem Tod herauszufinden, ob es ihren Kindern gut geht. Es sind viele Tränen an den Treffen geflossen.

Gibt es eine realistische Chance, dass sich die Familien finden?

Allenfalls per DNA-Datenbank. Bislang harzt aber die Aufklärungskampagne in Sri Lanka. Viele Mütter wissen nicht, dass es diese Möglichkeit gibt. Oder sie können sich die Tests von rund 85 Dollar nicht leisten. Deshalb suchen wir als Verein «Back to the Roots» Gelder, um solche Tests-Kits zu kaufen. Die Anfragen reissen nicht ab. Es melden sich immer neue Mütter bei uns.

Sri Lanka selber hat angekündigt, eine DNA-Datenbank einzurichten.

Davon hat sich die Regierung inzwischen distanziert. Der Gesundheitsminister habe dies ohne Rücksprache versprochen, heisst es.

Übt die Schweiz oder die EU diesbezüglich Druck auf Sri Lanka aus?

Dafür müssten die Länder erst offiziell anerkennen, dass sie in den 80er-Jahren trotz Warnungen und klaren Indizien auf Babyhandel nicht einschritten – und damit eine Mitverantwortung tragen. Um noch etwas gutzumachen, müssen die Aufarbeitungen aber rasch passieren – und nicht erst in zehn, zwanzig Jahren. Dann sind die meisten unserer Mütter nicht mehr am Leben.

Wie stehen Sie heute zu Adoptionen?

Das ist eine schwierige Frage. Denn ich bin gesund, gut ausgebildet und habe eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Dennoch wiegt der Verlust der eigenen Wurzeln und der biologischen Familie stark. So stark, dass es an gewissen Tagen schwierig ist, den Alltag zu organisieren. Eine abrupte Trennung von der Mutter löst beim Kind eine Todesangst aus, die sich tief in den Körper einschreibt. Die Frage ist, wie dies später verarbeitet werden kann.

Was bräuchte es, damit eine Adoption gelingt?

Eine fertige Lösung habe ich nicht, aber Ansätze dazu. Die Interessen der Kinder müssen klar im Zentrum stehen. Sie sollen selber entscheiden, ob und wie viel Kontakt sie zu ihren leiblichen Müttern brauchen und wollen. Die Adoptiveltern müssen gut auf das Trauma der Kinder vorbereitet werden. Sind sie sich deren Verletzungen bewusst, können sie die Kinder viel besser betreuen und begleiten. Dieses Wissen hat der Generation meiner Adoptiveltern gefehlt. Sie sind nun auch mit schmerzhaften Fragen konfrontiert.