Er war in Ruanda, Afghanistan, Syrien: Enrique Steiger reist seit fast 30 Jahren für rund drei Monate pro Jahr in Krisengebiete, um notleidende Menschen zu operieren. Die meiste Zeit arbeitet er aber als Schönheitschirurg in der Zürcher Clinic Utoquai, strafft Brüste und Gesichter von Prominenten aus der ganzen Welt.

Die Frage stellt sich unweigerlich: Warum hat sich ein Mann mit seinen Fähigkeiten nicht darauf konzentriert, kriegsversehrten Menschen zu helfen? Steiger muss im "Talk Täglich" auf "Tele M1" nicht lange nach einer Antwort suchen: "Ich bin verheiratet und habe eine Tochter." Seine Familie unterstütze seine Hilfseinsätze stillschweigend. "Sie wusste wohl, sie können mich sowieso nicht davon abbringen."

Die Sinn-Frage stellt er sich weder in Zürich noch in einem Kriegsgebiet. "Macht es Sinn, einen Kindersoldaten zusammenzuflicken, der kurz darauf wieder Menschen umbringt?", fragt er rhetorisch. Er habe seinen Auftrag genauso erfüllt, wenn sich jemand nach einer Schönheitsoperation besser fühle, wie wenn seine kriegsversehrten Patienten wieder menschlich aussähen.

Steiger hat in fast 30 Jahren viel Erfahrung gesammelt – und viel Schlimmes erlebt. Als 1994 in Ruanda der Völkermord ausbrach, blieb er als einer der wenigen Ausländer im Land: "Wir waren noch etwa 25 Weisse – der Rest ist geflohen." Er war mitten in einer Operation in einem Spital, als Kämpfer der Hutu-Mehrheit aufkreuzten. Während er operierte, erschossen sie jeden Patienten, der einen Ausweis der Tutsi-Minderheit auf sich trug. Steiger sagt über seine Einsätze: "Ich habe Sachen gesehen, von denen ich hoffe, Sie müssen Sie nie in Ihrem Leben sehen." Mit diesen Bildern im Kopf könne man nicht einfach gemütlich weiterleben. "Das geht einfach nicht."

Schweiz könnte viel mehr tun

Eine Entwicklung bereitet Steiger Sorgen: "Die Zahl der zivilen Opfer ist massiv gestiegen." In seinen ersten Einsätzen behandelte er hauptsächlich verwundete Kämpfer. Das hat sich geändert. Der Grund: Heute fehlen in Kriegen die klaren Frontlinien. Es mischen mehr Parteien mit. Steiger erzählt von einem Einsatz im syrischen Aleppo: Dort waren 13 Rebellengruppen in Kämpfe involviert. Mit zwölf konnte er Gespräche führen – "die 13. war dann jene, die auf unsere Fahrzeuge geschossen hat."

Steiger profitiert bei seiner Arbeit davon, Schweizer zu sein. Der Ruf der Neutralität wirke nach wie vor stark. "Wir wären das ideale Land, um in diesen Ländern stark aktiv zu sein." Er kritisiert, das Engagement der Schweiz sei zu klein. Er selbst wurde auch schon in Bundesbern vorstellig. Bei der damaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey stiess er mit der Idee einer humanitären Polizei, die zum Beispiel in Flüchtlingslagern Recht und Ordnung durchsetzt, auf Gehör. "Leider ist sie dann zurückgetreten."

Eine schützende Polizei vermisste Steiger, als er in einem südlibanesischen Flüchtlingslager in eine Schiesserei zweier verfeindeter Gruppen geriet. Er erzählt: "Wir mussten auf allen Vieren aus dem Lager kriechen. Ich versteckte mich hinter einem 120 Kilo schweren Gelenk-Chirurgen, weil ich wusste, dass ich hinter ihm eine gute Deckung habe." Er versteht nicht, wieso es soweit kommen konnte: "Es darf nicht sein, dass das UNO-Hochkommissariat und andere Organisationen es nicht schaffen, dass es in einem Lager einen waffenfreien Raum gibt." Steiger ist sich sicher, dass die Schweiz in diesem Bereich viel bewirken könnte – und ein solches Engagement das Image der Schweiz enorm aufpolieren würde: "Das würde tausendmal mehr bringen als all die Fonduepartys in den Botschaften."

Steiger ist sich bewusst, dass es auch mal brenzlig werden kann. Um gefährliche Situationen zu vermeiden, erkundigen er und sein Team sich erst über das Territorium und stellen sich bei Rebellenführern, Regierung und Militär vor, ehe sie ihre Arbeit aufnehmen. "Damit sie nicht auf uns schiessen." Den grössten Schutz böten lokale Mitarbeiter und die Bevölkerung, die wisse, wann die Zeit zur Flucht gekommen sei. Er sagt aber auch: In seinem Team habe niemand Angst vor dem Tod.

So sehr Steiger notleidenden Menschen hilft, so sehr grenzt er sich auch von ihnen ab. Emotionen haben in Kriegsgebieten keinen Platz. "Sonst fällt man keine klaren Entscheidungen mehr." Das musste er aber erst lernen. Als junger Arzt wollte er aus Ruanda ein Kind nach Hause nehmen, um es zu retten. Sein Chef stellte ihm zwei Fragen: Wieso dieses Kind und nicht eines der 50'000 anderen? Und hast du es mit deiner Frau abgesprochen? Womit der Fall erledigt war.

Steiger sagt, er brauche eine extrem hohe Frustrationstoleranz für seine Hilfseinsätze. Er erlebe dauernd Undankbarkeit, Unwille, Bösartigkeit, Gier, Hass. Ans Aufhören denkt er aber nicht: "Sie wollen den bösen Buben das Territorium nicht überlassen."

Damit es nicht immer den "weissen Ritter aus dem Ausland" braucht, hat er die Stiftung Swisscross gegründet mit dem Ziel, Ärzte in Krisengebieten auszubilden. Im Libanon geben sie ihr Handwerk jungen Ärzten aus dem Libanon, Syrien, Jemen und Jordanien weiter. Steiger freut sich über die Wirkung von drei Jahren Ausbildung: "Drei, vier Ärzte sind auf einem so hohen Niveau, dass ich sie in zwei Jahren in meiner Klinik anstellen würde."

Hier sehen Sie den ganzen "Talk Täglich" mit Enrique Steiger:

Enrique Steiger: zwischen Schönheits-OPs und Kriegselend

(mwa)