Wie hilft die Stille im Alltag? Der 81-jährige Niklaus Brantschen hat in solchen Fragen viel Erfahrung. Der Walliser ist Jesuit, katholischer Priester und Zen-Meister. Er leitete viele Jahre das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn ZG, das er unter anderem als Meditationszentrum bekannt machte.

Herr Brantschen, die Sehnsucht nach Stille ist verbreitet. Was bedeutet das?

Niklaus Brantschen: Wenn wir den Begriff «Stille» ersetzen durch «Zeit haben», dann ist diese Sehnsucht zu verstehen als Mangelerscheinung. Ein Mangel an Zeit, Lebenssinn oder sich selbst zu erfahren. Diese Sehnsucht ist aber keine Zeiterscheinung, keine Mode. Früher wurde vielleicht weniger von Stille gesprochen als vielmehr von der Sinnfrage.

Wie soll man sich denn im Alltag der Stille aussetzen? Oder eben anders gefragt: Wie viel Zeit soll man sich für sich selbst nehmen?

Man sollte möglichst regelmässig mal zur Ruhe kommen. Mindestens eine Viertelstunde täglich, und wenn gerade viel los ist, eine halbe Stunde. Am Morgen kann man auf den bevorstehenden Tag schauen: Was bringt er? Was erwarte ich? Wo stehe ich? Am Abend empfiehlt sich eine Rückschau. Oder man kann auf den Atem achten, darauf achten, wie es atmet: im Ein- und Ausatmen ruhig werden, da sein. In der Stille bin ich anwesend. Eine Viertel- oder eine halbe Stunde ist aber nur die eiserne Ration für den täglichen Gebrauch. Nach sechs Tagen soll man den Ruhetag pflegen und auch regelmässig Ferien machen. Der Rhythmuswechsel ist wichtig. Auszeit zur rechten Zeit, oder anders: Time-out statt Burnout. Stille heilt.

Erträgt jedermann, jede Frau Stille?

Wir tun gut daran, wenn wir lernen, die Stille zu ertragen und innezuhalten. Dabei öffnen wir uns für den Reichtum des Lebens. Das fällt am Anfang nicht leicht, es ist nicht nur ein Sonntagsspaziergang. Doch es lohnt sich, Stille auszuhalten – wenn es auch nur eine Viertelstunde täglich ist.

Was meinen Sie mit «Reichtum des Lebens»? Was darf erwarten, wer sich der Stille ausliefert?

Pointiert gesagt: Wer sich der Stille ausliefert, soll nichts Bestimmtes erwarten, sondern sich überraschen lassen. Sonst bleibt es beim Mehr vom Gleichen. Es geht darum, die Sinne nach innen zu wenden, um eine neue, tiefere Sicht von der Welt zu erhalten. Die Sinne werden schärfer. Man erhält ein subtileres Gehör, das Zwischentöne wahrnimmt und Unbekanntes erlauscht. Das Sehen wird zum Inneren Schauen, das Schmecken zum Verkosten des Lebens. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne an einen Sinnspruch des deutschen Mystikers Angelus Silesius: «Wer seine Sinne hat ins Innere gebracht, der hört, was man nicht redt, und siehet in der Nacht.»