USA

Sie brauchen ein Enkelkind? Und eines das auch immer Zeit hat? In Amerika kein Problem

Sam Cirrincione mit Maria, Studentin und Miet-Enkelin.

Sam Cirrincione mit Maria, Studentin und Miet-Enkelin.

In den USA vermitteln Start-ups «Grandkids on demand». Die Zeit mit Älteren verbringen und dabei Geld verdienen.

Sam Cirrincione ist auf dem Weg zur Bank – und das ist für den 91-Jährigen eine kurzweilige Angelegenheit. Während der Fahrt erzählt er seiner Fahrerin, wie sehr ihn einst Sammy Davis Jr. und Frank Sinatra beeinflusst haben, Dean Martin aber immer sein Liebling war. Ausserdem stellt er kurz seine Gesangskünste unter Beweis, fragt seine Begleitung interessiert nach ihrem Studium und beschliesst, nach dem Bankbesuch noch auf einen Kaffee bei Donkin Donuts in West Palm Beach vorbeizuschauen.

Möglich macht das alles Maria, seine «Enkelin zur Miete». Sie ist Studentin an der Strayer University, Mutter einer Tochter und Mitglied in Sams «Team», das den betagten Herrn bei Besorgungen und Erledigungen unterstützt – ihm aber vor allem Gesellschaft leistet.

Und dafür bezahlt wird. «Papa Pals» heissen die jungen Betreuer, meist Studierende, bei dem 2018 gegründeten Start-up «Papa», das es sich zur Aufgabe gemacht hat, nicht die Pflege und/oder Hausarbeit in den Mittelpunkt ihrer Dienstleistung zu stellen, sondern vielmehr die Beziehung zwischen älteren und jungen Menschen.

Und die gemeinsam verbrachte Zeit: Die zwar manchmal aus einem Weg zur Bank oder dem Abholen von Medikamenten besteht, viel häufiger aber aus Ge­sprächen, Hilfe in Sachen Technik, gemeinsamen Mahlzeiten – und einem Box-Training oder dem Besuch einer Hochzeit. Während der Coronazeit verlagerten sich die Aktivitäten auf Telefonate, Schachpartien per Zoom oder das Abstellen der Einkäufe vor der Tür und einen kurzen Plausch aus sicherer Entfernung.

Ein Angebot, das auf immer grössere Nachfrage stösst, wie Gründer und CEO Andrew Parker berichtet:

Der 32-Jährige verdeutlicht das Wachstum des Unternehmens, das inzwischen auch Verträge mit zahlreichen Krankenversicherungen hat, die einen Teil der Kosten übernehmen.

Und das nicht aus reiner Menschenliebe, sondern auch, weil immer deutlicher wird, wie krank Einsamkeit gerade ältere Menschen machen kann. So zeigt ein Report der US-amerikanischen National Academies of Sciences, Engineering & Medicine auf, dass soziale Isolation in Verbindung mit einem um 50 Prozent erhöhten Risiko für Demenzerkrankungen, einer 29 Prozent grösseren Gefahr von Herzerkrankungen und einem um 32 Prozent erhöhten Schlaganfall-Risiko steht.

Vivek Murthy, während der Regierung Obama Leiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes, hat Einsamkeit und soziale Isolation als das Äquivalent zu 15 täglichen Zigaretten bezeichnet, wenn es um die Verringerung der Lebenserwartung geht. Was fehle, sei weniger die medizinische Betreuung als vielmehr «tiefergehende Unterhaltungen, eine Verbundenheit und eine Anwesenheit, die sich auf die andere Person konzentriert», fasst es Liz Barlowe, Präsidentin der Aging Life Care Association, gegenüber der «New York Times» zusammen.

Auch von offizieller Seite wird das Projekt unterstützt, so etwa von Vivek Murthy, dem ehemaligen Leiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Auch von offizieller Seite wird das Projekt unterstützt, so etwa von Vivek Murthy, dem ehemaligen Leiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Strenges Auswahlverfahren

Und genau die wollen Unternehmen wie Papa oder auch das ähnlich aufgebaute Start-up «Mon ami», das vor allem in der San Francisco Bay Area tätig ist, vermitteln. So werden nicht einfach Betreuer zugeteilt, sondern ähnliche Interessen berücksichtigt. Und eine Beziehung zwischen Betreuer und Betreuten aufgebaut. Parker erklärt:

«Zu 80 Prozent wird es der- oder dieselbe sein, der sich um jemanden kümmert. Sollte sich das zeitlich einmal nicht gehen, ist es auf jeden Fall jemand aus dem Fünferteam, der einspringt.» Was meist nicht als störend empfunden wird, sondern durchaus als Abwechslung – auf beiden Seiten. Der Gründer erzählt:

Zwar übernehmen sie laut Website auch leichte Hausarbeiten, aber das ist nicht das Wesentliche, und die Einschränkung «leicht» wird durchaus akzeptiert. Ein paar schwarze Schafe gäbe es natürlich immer, so seien Pals auch schon einmal aufgefordert worden, aufs Dach zu steigen und die Regenrinnen zu säubern, «aber da können unsere Mitarbeiter selbstverständlich nein sagen.»

In welchem Tonfall das passieren soll, wird mit den angehen «Grandkids on demand» eingehend trainiert, und die Auswahl ist streng: Nur fünf Prozent der Bewerber werden letztendlich bei Papa genommen. Der Weg dorthin führt über kriminelle Backgroundchecks und eine Inspektion des Autos, mit dem die Senioren gefahren werden, Verhaltens- und Diversity-Trainings zur Schärfung des Bewusstseins für Diskriminierungsmechanismen.

Zu denjenigen, die sich schliesslich qualifizieren, gehören überwiegend Studierende, die sich als Miet-Enkel im Durchschnitt 10 bis 15 Dollar pro Stunde zuzüglich Trinkgeld verdienen; den Senioren werden dafür zwischen 20 und 25 Dollar verrechnet. Allerdings spielt nicht für alle Pals das Geld eine Rolle, wie Parker erklärt: «Wir haben auch einige, die Vollzeit in anderen Berufen arbeiten und einfach aus Überzeugung Zeit mit einem älteren Menschen verbringen wollen», so Parker.

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