Generationenserie

Sie räumte jeden Abend ihr Haus auf – damit ihr niemand hinterherräumen muss, sollte sie sterben

Ida Isler, 97, ist zufrieden mit dem Verlauf ihres Lebens – ihre Enkelin bezeichnet sie als Kämpfernatur.

Ida Isler, 97, ist zufrieden mit dem Verlauf ihres Lebens – ihre Enkelin bezeichnet sie als Kämpfernatur.

Die 97-jährige Ida Isler hätte nie gedacht, dass sie mal im Altersheim leben würde. Aber auch damit hat sie sich arrangiert.

«Ach schon so alt!» Was an Geburtstagen unter 37-Jährigen wie mir noch als relativ unbeschwerte Anspielung gemeint ist, kann mit 97 Jahren nicht mehr mit einem Augenzwinkern weggelächelt werden. Denn es ist, wie es ist: Man ist wirklich alt. Der Tod ist in greifbare Nähe gerückt.

So auch für meine Grossmutter Ida Isler, die dieses Jahr im März 98 Jahre alt wird und seit sieben Jahren im Alterswohnzentrum Gässliacker in Nussbaumen AG lebt. Ida ist nicht mehr so beweglich, aber immer noch vif und neugierig. Sie freut sich darüber, mir aus ihrem Leben erzählen zu dürfen. Das bringt Abwechslung in ihren strukturierten Alltag im Altersheim: Aufstehen um 6.30 Uhr, Mittagessen um 11.30 Uhr, Nachtessen um 17.30 Uhr. Dazwischen gibt es Aktivierungsangebote und hin und wieder Lotto-Spiele. An Letzteren nimmt Ida besonders gerne teil.

Langweilig wird es ihr selten: Sie erhält regelmässig Besuch ihrer drei Kinder, die inzwischen ebenfalls pensioniert sind. Nicht ganz so regelmässig besuchen sie ihre sechs Enkelkinder mit den Urenkeln – inzwischen neun an der Zahl. Auch Telefonate mit Verwandten, Nachbarn und Bekannten bereichern ihr Leben.

Wenn der Tod Alltag ist

Meine Grossmutter gehört zu der wachsenden Anzahl an Menschen in der Schweiz, die über 90 Jahre alt werden. Viele wollen alt werden, aber die wenigsten, die ich kenne, wollen tatsächlich so alt sein – trotzdem werden es zukünftig immer mehr. Xaver Wittmer, Fachverantwortlicher Sozialberatung bei Pro Senectute Aargau, weiss, warum vielen Menschen der Gedanke an das Altern Mühe bereitet: «Der heute herrschende Jugendwahn ist mitverantwortlich dafür, warum hochbetagt in unserer Gesellschaft mit alt und krank gleichgesetzt wird.» In seiner Arbeit mit Hochbetagten begegne ihm aber ein viel breiteres Spektrum: «Auf der einen Seite gibt es 100-Jährige, die noch Marathon laufen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch diejenigen, die Betreuung und medizinische Hilfe benötigen.» Von anderen abhängig zu sein, gehört zu den grossen Ängsten, wenn es ums Älterwerden geht – und die Angst vor Demenz. Und so ist es nun mal: «Die Möglichkeit, krank und dement zu werden, die steigt natürlich mit dem Alter», bestätigt Wittmer.

Wo früher, zu Idas Kinder- und Jugendzeiten, noch die Familie für ihre hochbetagten Familienmitglieder sorgte, so leben diese heute vermehrt in Pflege- oder Altersheimen, wenn es zu Hause nicht mehr geht. Der Umzug ins Altersheim ist ein grosser Schritt. Ida hätte nie gedacht, dass sie jemals in einem Alterszentrum leben würde. Inzwischen hat sie sich damit arrangiert und ist zufrieden, so wie es ist. Auch wenn der Tod hier zum Alltag gehört: «Natürlich tut es mir jedes Mal weh, wenn auf der Station jemand stirbt», so Ida, «dann weine ich und ziehe mich zurück. Wir haben es hier gut miteinander, aber wir alle wissen auch, wie es enden wird.»

Keine Angst vor dem Altern

Selbst hat sich Ida Isler nie gross mit ihrem Alter auseinandergesetzt. Sie ist nicht in einer Gesellschaft mit dem heute herrschenden Ideal, möglichst lange jung und dynamisch zu sein, aufgewachsen. Ob mit 70 oder 80 Jahren: «Es war nun mal so, wie es war, ich wurde einfach älter», sagt sie. Das Einzige, was sich mit dem Alter geändert hätte, sei, dass sie, als sie noch in ihrem Haus mitten in Killwangen lebte, immer erst ins Bett ging, wenn alles aufgeräumt war und die Küche wieder glänzte. Sie wollte nicht, dass ihr jemand hinterherräumen musste, sollte sie in der Nacht sterben. Zu Altern hat ihr nie Angst gemacht. Es kam einfach.

Wie nebenbei trainierte Ida mit Lesen täglich ihr Gehirn. Ganz ohne Hintergedanken, sondern weil es ihre Lieblingsbeschäftigung ist. Dass sie das immer noch kann, hat sicherlich auch dabei geholfen, immer noch so fit im Kopf zu sein. Sie liest am liebsten Klatschheftli und das Badener Tagblatt. Bei Letzterem gehört auch das intensive Studieren der Todesanzeigen dazu. Hier interessiert sich Ida vor allem für jene Jahrgänge, die ähnlich sind wie ihrer: 1921.

Höchst selten, da wünschte sie sich, sie wäre auch tot: «Es gibt Zeiten, da frage ich mich: Für was bin ich eigentlich noch da?». Auf ihr sonst zufriedenes Gemüt schlägt es ihr besonders, wenn eines ihrer Kinder krank wird. Das würde sie lieber nicht mehr erleben. Aber die Kinder sind, wie es das Alter so mit sich bringt, nicht von kleineren und grösseren Gebrechen verschont geblieben. Auch Ida nicht. Sie hat einige Spitalaufenthalte hinter sich, ist aber immer wieder aufgestanden – oftmals stärker als zuvor. Meine Grossmutter ist eine Kämpfernatur und lebt wahnsinnig gerne, möchte über alles informiert sein und so gut es geht am Leben ihrer Familie teilnehmen.

Starke Familienbande

Die Familie war und ist ihr Lebensinhalt. Ida Isler, geborene Füglister, wurde in turbulente Zeiten hineingeboren. Ihr Vater starb sieben Monate vor ihrer Geburt bei einem schweren Unfall. Er wurde bei der Arbeit von einem Zug überfahren. Ihre Mutter musste sie und ihre vier Geschwister, die Älteste 1909 geboren, alleine grossziehen. Ida erzählt, wie die Mutter täglich bei verschiedenen Bauern auf deren Feldern half, um die Familie durchzubringen, und wie sie als kleines Mädchen auf der Schulbank zwischen ihren Brüdern sass, weil niemand zu Hause war, der auf sie aufpassen konnte. Sie erzählt von dem frühen Sterben ihrer beiden Brüder, einer starb an Leukämie, der andere an Tuberkulose, und wie sehr ihre Mutter darunter gelitten hatte. Es lag danach an ihren beiden älteren Schwestern, die als Näherinnen in leitenden Positionen arbeiteten, die Mutter zu unterstützen.

Später steuerte auch Ida ihr Einkommen zur Unterstützung der Mutter bei. Jeden Morgen nahm sie den Zug nach Baden, um ihrer Arbeit als Meisterschreiberin, also als Chefsekretärin, bei der BBC nachzugehen. Im Zug traf sie auf ihren späteren Ehemann, Josef Isler. Mit ihm gründete sie in ihrem Elternhaus eine Familie. 1948 gebar sie zu Hause mit 27 Jahren ihr erstes Kind, einen Buben, 1950 und 1954 zwei Mädchen. Während sie ganz in ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter aufging, arbeitete Josef als kaufmännischer Angestellter in der BBC und war dazu ab 1961 auch noch Gemeindeammann von Killwangen. Er blieb zwanzig Jahre, bis 1981, im Gemeinderat. Als er pensioniert wurde, begann die schönste Zeit mit ihm, findet Ida: «Wir haben zusammen im Garten gearbeitet, und gemeinsam gewerkelt. Und wir haben sehr gerne zu unseren Enkeln geschaut.» Josef starb 2006 mit 92 Jahren.

Zufriedenheit ist das grösste Glück

Im Alter meiner Grossmutter blickt man zurück. Egal wie aufregend oder belastend ihr Leben auch war: «Ich war immer zufrieden mit dem, was wir hatten», sagt Ida. Ausserdem habe sie nie geraucht und Alkohol getrunken. Das hält sie ebenfalls für einen wichtigen Grund für ihr langes Leben, dessen letzte Station nun also das Alterswohnzentrum Gässliacker ist. Und jedes Mal, wenn ich mit ihr Zeit verbringe, weiss ich, hier wird sie noch ein Weilchen zufrieden leben – ganz ihrem Naturell entsprechend.

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