Leben

Silvaplana erlebt trotz Coronakrise einen goldenen Herbst – und ist ein Mekka für Windsurfer

Wie ein Schmetterlingsschwarm: Wind- und Kitesurfer bevölkern im Sommer den Silvaplanersee.

Wie ein Schmetterlingsschwarm: Wind- und Kitesurfer bevölkern im Sommer den Silvaplanersee.

Silvaplana ist für Surfer ein Ort der Sehnsucht. Daran änderte die Coronapandemie nichts. Im Gegenteil.

Wie ein Diamant funkelt der Silvaplanersee, wenn man vom Piz Corvatsch den atemberaubenden Weitblick ins Oberengadin geniesst. Smaragdgrün strahlt der mittlere der drei Seen der Engadiner Seenplatte. Im Sommer und Herbst herrscht hier auf dem Wasser besonders viel Verkehr.

© zvg

Grund dafür ist der Malojawind. Während der Sommermonate bis in den Herbst setzt er jeweils pünktlich und zuverlässig um die Mittagszeit ein und gewinnt laufend an Stärke. Dabei erreicht er vom Malojapass kommend Geschwindigkeiten von bis zu 50 Kilometer pro Stunde. Es ist diese meteorologische Eigenheit, die aus Silvaplana, einem malerischen Dorf mit knapp 1000 Einwohnern, wo sich der Inn und die Passstrasse zum Julier kreuzen, zum Mekka für Wind- und Kitesurfer aus aller Welt gemacht hat.

Von hier oben sehen ihre Segel aus wie Schmetterlinge, die über den See tanzen.

© Marc van Swoll

Es ist Mitte August, die Sonne steht im Zenit, und es geht hier für einmal in erster Linie nicht um Ästhetik, sondern um Geschwindigkeit. 162 Athleten und Athletinnen aus vier Kontinenten und 30 Ländern messen sich am 43. «Engadinwind», dem ältesten Windsurfwettkampf der Welt. Sie fahren nicht im Wasser, sie schweben – und das mit bis zu 60 Kilometern in der Stunde.

Hier, auf dem Wasser und umgeben von den mächtigen Gipfeln, umrahmt von Arven- und Lärchenwäldern, die das Engadin im Herbst in eine goldig glänzende Lebensader, müssen sie sich zuweilen fühlen, als würden sie durch eine Postkarte gleiten. Weit weg sind die Gedanken daran, dass auch hier ein Virus die Spielregeln vorgibt.

Wassersport auf dem Silvaplanersee ist aber nicht nur der Sportelite vorbehalten, im Gegenteil. Wer es selber ausprobieren will, der muss dafür nicht gleich nach Hawaii, Portugal oder Teneriffa, wo sich das europäische Surfmekka befindet. Und kaum ein Ort der Welt bietet ein so atemberaubendes Panorama, um sich die ersten Sporen im Windsurfen abzuverdienen.

© Copyright: Windsurfing Silvaplana

Selbst die Wassertemperatur ist kein echtes Hindernis. Denn im Hochsommer erwärmt sich der See bis auf 18 Grad. Wem selbst das noch nicht warm genug ist, der kann sich in einen Neoprenanzug hüllen, um der Kälte zu trotzen. Für Anfänger nicht die schlechteste Idee, denn wer sich zum ersten Mal im Windsurfen probiert, verbringt zumindest am ersten Tag sehr viel mehr Zeit im statt auf dem Wasser. Denn Windsurfen ist ein Spiel mit den Naturgewalten, und wer es beherrschen will, der muss lernen, Wind und Strömung zu lesen, sonst droht er, zu deren Spielball zu werden.

Wie für viele Tourismus-Regionen ist das Jahr 2020, das im Zeichen der Pandemie steht, auch für das Engadin wie ein Tanz mit dem Segel im Wind. Das Coronavirus gibt die mögliche Richtung vor, die Touristiker versuchen, ihr Angebot darauf abzustimmen. Sie tun damit das, was Bundesrat Ueli Maurer Anfang Mai gefordert hatte, als er sagte, er habe genug von der Krise und diesem «Beerdigungsmodus» und dazu aufforderte, die Krise als Chance zu verstehen. Maurer sagte:

Es wurde ein wunderbarer Sommer. Und es wird ein wunderbarer Hebst für den Schweizer Tourismus. Noch nie war der Anteil der Feriengäste aus dem Inland so gross wie in diesem Jahr. Graubünden erlebte den bestem Sommer seit Jahren. Silvaplana und dem Engadin spielt in die Karten, dass man sich schon lange auf Gäste aus dem Inland konzentriert hat.

Bereits in den Vorjahren stammten über 60 Prozent der Kunden aus der Heimat, weitere 15 Prozent kamen aus dem benachbarten Deutschland. Für diese Gäste schuf man Zusatzangebote. In Silvaplana zum Beispiel begegnete man der grossen Nachfrage nach Stellplätzen mit verschiedenen Pop-up-Camingplätzen, mit direkter Sicht auf den Silvaplanersee.

Auch neben dem Wassersport bietet das Engadin seinen Feriengästen eine schier unendliche Palette an Möglichkeiten. Radfahrer können den Albula-, Flüela-, Bernina-, Julier- Ofen- und den Malojapass überqueren - und sich auf der anderen Seite das nächste Naturparadies erschliessen.

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Wer mit dem Mountainbike unterwegs ist, der kann sich auf über 400 Kilometern austoben. Gar gegen 600 Kilometer lang ist das Wegnetz für Wanderer. Sie kommen in den von Silvaplana Tourismus initiierten Wanderwochen im Herbst auf ihre Kosten.

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Die vier ursprünglich geplanten Wochen mit einer Kapazität von maximal 140 Personen pro Woche waren bereits Ende Juli ausgebucht. Deswegen werden nun zwei zusätzliche Wochen angeboten. Die Teilnehmer stammen überwiegend aus der Deutsch- und Westschweiz.

Das ist viel Rückenwind für eine Tourismusregion, die auf unsichere Zeiten zusteuert. Denn im Winter müssen die Bergbahnen und Restaurants wohl mit massiv weniger Kapazitäten auskommen, um die Corona­vorschriften einhalten zu können. Noch liegen keine Zahlen zu den Reservationen vor. Klar ist aber: Wer heute schon bucht, geht ein gewisses Risiko ein. Weil offen ist, unter welchen Bedingungen eine Skisaison denkbar ist.

Die Bündner Region Fideriser Heuberge sagte die Saison bereits ab. Zu gross ist die Furcht vor einem Fall Ischgl. Laut einer «Spiegel»-Recherche sollen mehr als 11 000 Infektionen auf den Ort zurückzuführen sein. Doch wenn jemand weiss, wie man den Wind zu seinem Komplizen macht, dann das Engadin, das Wassersportmekka in den Bergen.

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