Martins Herz klopft wie wild. Schon den ganzen Abend sieht die Frau an der Bar immer wieder zu ihm herüber und lächelt ihn an. Er weiss nicht, wie er reagieren soll, und bittet seine Freunde am Tisch um Rat. Diese bestärken ihn, die schöne Frau doch anzusprechen. Martin zögert noch, trinkt einen Schluck oder zwei, dann nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und geht entschlossen auf sie zu.

So oder ähnlich haben sich zwei Menschen früher kennen gelernt. Heute sind solche Szenen die Ausnahme, denn mehr als jede vierte Beziehung wird heute über das Internet aufgegleist, wo Singlebörsen seit vielen Jahren boomen. Dort tummeln sich monatlich auch mehr als 500 000 Schweizerinnen und Schweizer und suchen die grosse Liebe.

Doch das Erstellen von Benutzerprofilen, die Suche nach passenden Partnern und das anschliessende Chatten mit diesen sind ganz schön zeitaufwendig. Für Workaholics, die auf der Suche nach dem Partner fürs Leben sind, schon fast ein Ding der Unmöglichkeit. Auch für schüchterne Singles, denen es schwerfällt, beim ersten Kontakt die richtigen Worte zu finden, ist die Vorarbeit auf Dating-Seiten im Internet ein Graus.

Flirten im Auftrag des Kunden

Dafür gibt es nun eine Lösung: den Ghost-Dater. Dieser ist ein wahrer Dating-Spezialist und nimmt den Singles das lästige Anbahnen von Beziehungen im Internet ab. Neben der Erstellung eines ansprechenden Benutzerprofils für diverse Online-Singlebörsen kümmert sich dieser auch um die Suche nach möglichen Traumpartnern.

Aus einer Liste wählt der zahlende Kunde dann seine Favoriten aus und kann sich danach wieder zurücklehnen. Denn nun legt der Dating-Assistent erst richtig los: Er chattet und flirtet so lange mit den potenziellen Partnern, bis ein erstes Treffen zustande kommt – natürlich ohne seine wahre Identität preiszugeben. Lediglich zum Rendezvous muss der Kunde dann selbst gehen. Damit auch beim ersten Kennenlernen im richtigen Leben nichts schiefgeht, ist im Service des Ghost-Daters auch ein Spickzettel enthalten, der dem Kunden einen Überblick über die Person und die zuvor geführten Gespräche vermittelt.

Das Konzept für den neuen Dating-Trend kommt aus den USA, wo solche Agenturen seit einigen Jahren als «Virtual Dating Assistents» bekannt sind. Auch in Europa haben erste Unternehmer diese Marktlücke entdeckt. Einer von ihnen ist Andy Laufer aus München. Vor zwei Jahren gründete er sein Startup-Unternehmen Suredate. Unterstützt wird er dort von mehreren Ghostwritern. «Derzeit betreuen wir ungefähr 50 Singles», erklärt Laufer. «Auch aus Österreich und der Schweiz.»

Diese können beim Münchner Unternehmen aus einer Vielzahl von Servicepaketen auswählen: Vom einzelnen Date für 149 Euro bis zum Platin-Paket für stolze 990 Euro mit garantierten fünf Dates. Nicht gerade billig, für die Suredate-Klientel aber verkraftbar. «Die meisten unserer Kunden sind Manager, Anwälte oder Chefärzte.»

Fast die Hälfte der Singles, die Laufers Hilfe in Anspruch nehmen, ist weiblich. «Viele Frauen kommen zu uns, weil sie im Postfach ihrer Online-Partnerbörse nur noch Müll vorfinden», so der Unternehmer. «Männer verschicken ihre Anfragen zunehmend im Copy-&-Paste-Verfahren oder es fehlt ihnen jegliches Benehmen.» Das will Laufer ändern und strebt ein hohes Niveau des Online-Datings an. Das Geschäft laufe gut, nur auf die erste Hochzeit eines Kunden warte das Unternehmen noch.

In der Schweiz ist das Konzept des Ghost-Datings noch Neuland. Daniel Baltzer vom Portal «Singlebörsen-Vergleich.ch» ist aber überzeugt, dass es bald auch hierzulande Einzug hält: «Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein Startup-Unternehmen den Service auch in der Schweiz anbietet», erklärt er.

Wie Andy Laufer von Suredate sieht er im neuen Trend keine moralischen Bedenken. «Die Leute trauen sich sowieso immer schneller ans erste Treffen heran, weil sie merken, dass der Prozess des Kennenlernens nach einem ersten Kontakt offline besser funktioniert. Der Service nimmt also weniger den Platz eines Schummlers oder Vorgauklers, sondern eher den einer Sekretärin ein, die viel beschäftigten Singles die lästige Arbeit abnimmt.»

Singlebörsen sind skeptisch

Doch wie kommt das Ghost-Dating bei den Betreibern der grossen Single-Börsen im Internet an? Stella Zeco von Parship, der grössten Dating-Agentur der Schweiz, steht dem neuen Trend skeptisch gegenüber. «Wenn eine Freundin oder ein Freund dabei hilft, ein Profil oder den ersten Kontakt zu erstellen, sehe ich darin kein Problem. Beauftragt man aber einen fremden Menschen damit, fällt das bestimmt irgendwann auf», sagt Zeco und fügt an: «Würde das jemand mit mir machen, ich würde mich betrogen fühlen.» Den Aufwand für die Vorarbeit vor einem ersten Date hält sie für vertretbar: «Wenn man nicht einmal dafür Zeit findet, wie soll man dann Zeit für eine Beziehung haben?»

Auch bei der Dating-Agentur ElitePartner, die sich im höheren Preissegment angesiedelt hat, hält man wenig von solchen Flirt-Assistenten. «Sicher ist es für viele Menschen schwierig, die richtigen Worte bei der Kontaktaufnahme zu finden», sagt Sabrina Berndt. «Dennoch ist es für das erste Treffen wichtig, dass der Kontakt persönlich und nicht über eine Zweitperson erfolgt.» Um der Scheu vor der ersten Nachricht Abhilfe zu schaffen, hält ElitePartner auf ihrem Online-Portal eine Reihe von Informationen und Beispielen bereit. Helfen auch diese den Singles nicht weiter, gibt es die Möglichkeit von telefonischen Einzelcoachings.

Revolution im Online-Dating

Anders als die meisten Singlebörsen ist die Online-Partneragentur eDarling auf den neuen Dating-Trend aufgesprungen und bietet ihren Kunden einen ähnlichen Dienst wie das Münchner Unternehmen Suredate. Für umgerechnet rund 300 Franken können Liebessuchenden in Zusammenarbeit mit einem Kompetenzteam ein ansprechendes Profil erstellen und geniessen eine individuelle Beratung in Dating-Themen. Danach übernimmt eDarling gezielt die Kontaktaufnahme mit potenziellen Partnern.

Anders als bei Suredate geben sich die Mitarbeiter der Singlebörse aber zu erkennen. «Wenn wir ein passendes Mitglied gefunden haben, klären wir es mit einem persönlichen Schreiben über unseren Service auf. Diese Transparenz ist uns ein besonderes Anliegen», versichert Anna Teigler von eDarling. Das Feedback auf den Service sei sehr positiv, sodass der Dienst im kommenden Jahr ausgebaut werden soll.

Das neue Konzept der Partnersuche könnte die Welt des Online-Datings in den kommenden Jahren revolutionieren. Ob einem mit diesem Flirt-Outsourcing aber auch so schöne Schmetterlinge im Bauch beschert werden, wie unserem Martin bei seiner Begegnung mit der schönen Frau? Das werden liebessuchende Singles dann selbst herausfinden müssen.