Der erste und letzte Blick des Tages gilt ihm. Wir benützen es beim Essen, im Zug, auf der Arbeit. Es ist Telefon, Kamera, Wecker: das Smartphone. Unser ständiger Wegbegleiter. Unser Freund und Feind. Vier von fünf Schweizern besitzen ein intelligentes Mobiltelefon.

88-mal pro Tag entsperren wir unser Handy. Das hat gesundheitliche Folgen. Aktuelle Studien nennen Einschlafprobleme, Kurzsichtigkeit und ein erhöhtes Risiko für Burnout und Depression.

Zehn Jahre nachdem Steve Jobs das erste iPhone mit den Worten «ein revolutionäres Produkt, das alles verändern wird» vorstellte, wächst die Sehnsucht nach der Zeit vor der Revolution, vor dem Smartphone-Zeitalter. Abschalten, ohne auszuschalten, das schaffen viele nicht. «Digital Detox», also digitale Entgiftung, soll Abhilfe schaffen.

Handstand üben statt bloggen Anina war beim ersten Detox-Camp der Schweiz dabei.

Handstand üben statt bloggen Anina war beim ersten Detox-Camp der Schweiz dabei.

In den Wäldern Kaliforniens rücken die Menschen schon seit Jahren in Camps ein, um den Umgang ohne Smartphone zu lernen – oder wieder zu erlernen. Das Motto der Überlebenswoche ohne Internet: «Disconnect to Reconnect», sinngemäss also: Schalte ab, um wieder Kontakt zu anderen aufzunehmen.

Die Organisatoren versprechen einen strikten Entzug für Handy-Junkies und richten sich mit ihrem Angebot an die Tech-Elite des nahe gelegenen Silicon Valley. Statt Wi-Fi gibt es Lagerfeuer, Gruppenspiele und viel Sport. Das hat seinen Preis: 600 Dollar kostet der viertägige Aufenthalt im Wald.

Angst, einen Anruf zu verpassen

Der Trend aus den USA hat längst Europa und die Schweiz erreicht. Auch hier redet man von der heilsamen digitalen Entgiftungskur. Eine aktuelle Studie der Universität Zürich (UZH) relativiert nun die Euphorie. Es wurde nicht der radikale Smartphone-Entzug, sondern eine sehr moderate Reduktion untersucht. Theda Radtke, Oberassistentin für angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie an der UZH, sagt: «Entgegen meinen Erwartungen sorgt eine Smartphone-Auszeit nicht für eine Verbesserung des Wohlbefindens.»

«Die Studienteilnehmer waren nicht weniger gestresst, konnten nicht besser schlafen und sich auch nicht besser von der Arbeit lösen.»

Theda Radtke, Oberassistentin für angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie an der UZH:

«Die Studienteilnehmer waren nicht weniger gestresst, konnten nicht besser schlafen und sich auch nicht besser von der Arbeit lösen.»

Während dreier Wochen hat das Forscherteam um Radtke die Smartphone-Nutzung von 141 Probanden erfasst. In den letzten zwei Wochen wurden der Hälfte der Probanden täglich zwei einstündige Auszeiten auferlegt – eine tagsüber, die andere am Abend. Die Kontrollgruppe durfte ihr Smartphone wie gewohnt weiternutzen. Das Resultat war ernüchternd. Radtke: «Die Studienteilnehmer waren nicht weniger gestresst, konnten nicht besser schlafen und sich auch nicht besser von der Arbeit lösen.»

Das Gegenteil sei der Fall gewesen: Einzelne Probanden berichteten, dass die Auszeit sie gestresst habe, da die Sorge über verpasste Anrufe oder Nachrichten zu gross war. Auch verbrachten die Probanden mit dem verordneten Handy-Time-out nicht weniger Zeit am Gerät als die Kontrollgruppe. Als Grund dafür vermutet Radtke eine Überkompensation durch die Auszeit. Sie sagt: «Unsere Intervention war somit nicht erfolgreich.»

Bleibt also nur der radikale Weg, muss man in ein Camp einrücken? Die Zürcher Bloggerin Anina Mutter war eine der fünf Teilnehmerinnen des ersten Digital-Detox-Camps der Schweiz. Sie verbrachte im September vier Tage in einer Berghütte in Adelboden. Auf Anfrage der «Nordwestschweiz» erzählt sie: «Ich habe zu jener Zeit eine Pause gebraucht, das Angebot war sehr passend.»

Sie habe die Auszeit als Bereicherung empfunden, vor allem die sozialen Kontakte und Interaktionen zu den anderen Teilnehmern seien viel intensiver gewesen, als wenn sie ihr Handy oder Tablet dabei gehabt hätte.

«Der Stress bleibt, das gehört auch zu meinem Beruf.»

Anina Mutter, Teilnehmerin des ersten Digital-Detox-Camps der Schweiz:

«Der Stress bleibt, das gehört auch zu meinem Beruf.» 

Aber hat die Entgiftungskur bei ihr auch langfristig etwas bewirkt? «Das Detox-Camp hat mein Bewusstsein zusätzlich geschärft. Ich bin mir nun noch bewusster, wie schön eine Handy-Auszeit sein kann.» Im Alltag benutze sie ihr Smartphone aber gleich viel wie vor dem Camp. «Der Stress bleibt, das gehört auch zu meinem Beruf.»

Handy fest im Alltag verankert

Der Erfahrungsbericht von Anina Mutter deckt sich mit dem Fazit von Theda Radtke: «Das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Dafür ist es bereits zu stark darin verankert.» Man dürfe aber die positiven Auswirkungen nicht ausser Acht lassen. Mit dem Handy gestalte sich die Kommunikation zeitsparender und produktiver.

Studien haben zudem gezeigt, dass Smartphones auch im Privatbereich die soziale Interaktion vereinfachen können. So wachsen durch Gruppenchats Familien oder Freundeskreise oftmals näher zusammen. «Die Grenzen zwischen positiven und negativen Folgen von Smartphones fliessen oftmals ineinander», sagt Radtke. Sie empfiehlt anstatt einer Digital Detox eine Digital Awareness. «Wir sollten einen bewussten Umgang mit elektronischen Geräten erlernen.» Ihre Tipps: keine E-Mails auf dem Smartphone lesen, das Schlafzimmer zu einer handyfreien Zone erklären, Push-Nachrichten ausschalten und das Gerät, etwa beim Essen, bewusst auch mal weglegen.

Bewusst, das ist das Zauberwort bei der Smartphone-Nutzung.