Zirkus

Tierschützer fordern: Wildtiere raus aus der Manege – Zirkusdirektor wehrt sich vehement

Wie schon in früheren Jahren will der Circus Royal nächstes Jahr wieder Raubtiere in die Manege holen.

Wie schon in früheren Jahren will der Circus Royal nächstes Jahr wieder Raubtiere in die Manege holen.

Direktor Oliver Skreinig liess in der Manege des Circus Royal schon Löwen und Tieger auftreten. Für ihn gehört dies zur Zirkuskultur. Das passt Tierschützern nicht: Sie wollen Wildtiere aus dem Zirkus verbannen.

Aishada senkt den Kopf zur Wiese und rupft genüsslich am Gras auf dem Wettinger Zirkusplatz. Oliver Skreinig steht daneben und krault dem Kamel den Rücken. Skreinig, 38, jüngster Zirkusdirektor der Schweiz und seit 1998 beim Circus Royal unter Vertrag, blinzelt in die Morgensonne. «Das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier ist ein wichtiger Teil unserer Zirkuskultur», sagt er. «Die wollen wir unbedingt aufrechterhalten.»

Zirkusdirektor Oliver Skreinig

   

Für seine Einstellung zum Thema Wildtiere in Zirkusmanegen stand Skreinig immer wieder in der Kritik. Im vergangenen Jahr war er mit einer Tigernummer unterwegs, vor zwei Jahren liess er Löwen in seiner Zirkusshow auflaufen. Heuer beschränkt er sich auf die Tiere aus dem zirkuseigenen Streichelzoo: Kamele, Nandus und afrikanische Watussi-Rinder, die drüben im Tierzelt im Stroh liegen und den ruhigen Morgen vor der Nachmittagsvorstellung geniessen. Schon nächstes Jahr aber will Skreinig wieder Raubkatzen in die Schweiz holen.

2016: Die Löwen des Circus Royal tigern in Baden druchs Aussengehege:

Die Löwen des Circus Royal tigern in Baden druchs Aussengehege.

Geht es nach dem Willen der Stiftung Tier im Recht (TIR), kann sich der Zirkusdirektor seine Pläne abschminken. Gemeinsam mit den Tierschutzorganisationen ProTier und Vier Pfoten hat TIR gestern beim Bundesrat eine Petition deponiert, die ein Verbot für Wildtiere in Schweizer Manegen verlang. 70'676 Unterschriften haben die Tierschützer gesammelt, um dem «Leid der unfreiwilligen tierischen Artisten» ein Ende zu setzen.

Betroffen wären nichtdomestizierte Tiere wie Elefanten, Raubkatzen oder Seelöwen. Weiterhin erlaubt wären seit je an Menschen gewöhnte Arten wie Pferde, Ziegen oder Hunde. Und Aishada, das Royal-Kamel? «Ein Grenzfall», sagt  Vanessa Gerritsen, stellvertretende Geschäftsleiterin bei TIR. Es gehe jetzt erst einmal darum, die Diskussion anzustossen. Über die Details müsse man dann später entscheiden. Auch zur Frage, wieso TIR nur gegen Zirkusunternehmen vorgehe, aber etwa die Seelöwen-Zmorge-Shows im Connyland toleriere, sagt Gerritsen: Man wolle jetzt erst einmal «die Spitze des Eisbergs brechen».

An der Grenze zur Quälerei

Gerritsen steht in einem Raum der Pädagogischen Hochschule in Zürich, hinter ihr die aufgestapelten Kisten mit den Unterschriftenbögen, bedruckt mit einem traurig dreinblickenden Löwen und dem Spruch: «Für deinen Spass leide ich ein Leben lange. Keine Wildtiere im Zirkus!» Vor ihr auf dem Boden ein Schosshund, der einer der vielen Mitarbeiterinnen gehört, die gekommen sind, um den «sehr wichtigen Tag» zu feiern. «Sehr wichtig» deshalb, weil in den Augen der Tierschützer endlich etwas getan werden muss gegen Wildtiere in Schweizer Manegen – sprich: gegen den Circus Royal, den einzigen Schweizer Zirkus, der seine Zukunft mit Wildtieren plant. Der Circus Knie, der früher für seine Elefantenshows bekannt war, hat die grauen Riesen 2015 aus der Manege verbannt.

In jüngerer Vergangenheit gab es mehrere erfolglose Versuche, den durch die Wildtierverordnung bereits streng reglementierten Wildtier-Auftritten im Zirkus einen Riegel zu schieben. Seit 2013 wurden fünf Vorstösse im Parlament eingereicht und zwei Strafanzeigen gegen den Circus Royal erhoben, beide von TIR: die erste im August 2016 gegen die Löwenaufführung, die zweite im April 2017 gegen die Tigernummer. Die Staatsanwaltschaft gab den Tierschützern im ersten Fall eine Abfuhr, der zweite Entscheid ist noch hängig.

Mit der Petition will TIR den Druck erhöhen. 26 europäische Länder hätten bereits Wildtierverbote oder starke Einschränkungen, betont Gerritsen. Die Schweiz hinke trotz den geltenden Tierschutz- und Wildtierverordnungen hinterher. Deren Mindestanforderungen an die Grösse des Geheges sei «an der Grenze zur Tierquälerei», sagt Gerritsen. «Von Zirkussen darf die Grenze sogar um bis zu 30 Prozent unterschritten werden.»

Zudem würden die ständigen Standortwechsel bei den Tieren grossen Stress verursachen, genau wie die Dressur durch oft dominant auftretende Dompteure. «Im Zirkus kommt es häufig zu Erniedrigungen. Tiere werden verkleidet, versachlicht, vermenschlicht. Das ist unwürdig, ganz egal, ob das Tier selber etwas davon mitbekommt oder nicht», betont die Juristin.

Skreinigs grosser Coup

Skreinig kennt diese Argumente. Viel anfangen kann er nicht mit ihnen. Im aktuellen Royal-Programmheft hat er einen Beitrag unter dem Motto «Das Märchen der gequälten Circustiere» veröffentlicht. Skreinig, der selber schon mit Tigern in der Manege gearbeitet hat, sagt: «Die Zeiten der Gewaltdressuren sind längst vorbei. Ich garantiere Ihnen: Die Tiere, die in Schweizer Zirkussen leben, leiden nicht.»

Der Circus Royal halte sich an die geltenden Verordnungen und werde jährlich rund 50-mal von Veterinärämtern kontrolliert. Ein vom eidgenössischen Veterinäramt in Auftrag gegebenes Gutachten sei zum Schluss gekommen, dass es den Raubkatzen im Royal in den vergangenen Jahren prima ging. Und auch der Schweizerische Tierschutz stellt dem Royal punkto Tierhaltung ein «akzeptables bis gutes» Zeugnis aus.

Zu den konkreten Vorwürfen von TIR sagt Skreinig, die Transporte verursachten keinen Stress, das hätten Studien gezeigt. «Und die immer neuen Orte sind für die Tiere eine willkommene Abwechslung.» Zudem könne man ihm glauben, dass er hart gegen jeden vorgehe, der sich nicht voll für das Tierwohl einsetze. 2008 habe er ein dänisches Artistenpaar angezeigt, das im Circus Royal mit einer Hundenummer gastierte. «Ich habe ein Auftrittsverbot für die beiden erwirkt, obwohl mir das selber einen Strich durchs Zirkusprogramm gemacht hat», sagt Skreinig.

Zirkusunternehmer Fredy Knie gegen Wildtierverbot in Zirkussen

Zirkusunternehmer Fredy Knie gegen Wildtierverbot in Zirkussen

Fredy Knie findet, dass man nicht grundsätzlich gegen Wildtiere im Zirkus sein sollte und erklärt den Wandel den der Zirkus Knie im Umgang mit wilden Tieren durchgemacht hat.

Den europäischen Trend hin zu Wildtierverboten in Zirkussen, von dem die TIR-Vertreter sprechen, sieht er nicht. «Die Beschwörung dieses vermeintlichen Trends zeigt nur, wie oberflächlich sich TIR mit dem Thema befasst. Das generelle Verbot in Rumänien, das sie als Beispiel bringen, gilt beispielsweise nur für staatliche Flächen in Bukarest.» Er sei immer wieder «schockiert», wie wenig Ahnung die TIR-Juristen von ihrer Materie hätten.

Ähnlich schockiert ist Gerritsen von Skreinigs Weigerung, mit der Zeit zu gehen. «Dass der Circus Royal in Zukunft wieder mit Raubkatzen auftreten will, ist eine Enttäuschung», sagt sie. Noch mehr provoziert dürften sich die TIR-Juristen fühlen, wenn Skreinig seinen grössten Coup für die Saison 2019 tatsächlich aufgleisen kann: «Noch ist nichts sicher, aber ich bin in Verhandlungen mit einer Elefantennummer», sagt der Zirkusdirektor voller Vorfreude.

Ob die grauen Riesen mit ihrem eindrücklichen Getrampel die Vorwürfe gegen seinen Zirkus vergessen machen können, wird sich erst noch zeigen. Wenn die TIR-Petition ihr Ziel erreicht, ist Schluss mit lustig für Skreinigs tierische Vorlieben. Vielleicht müsste dann auch Kamel Aishada frühzeitig in Pension. Just, als der Zirkusdirektor über den Verlust spricht, den das für ihn bedeuten würde, hebt das Tier seinen mächtigen Kopf und schüttelt die Zotteln. Was es damit wohl sagen wollte?

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