Wer bekommt eine Allergie?

Peter Liffler: Das ist nicht einfach zu beantworten. Wir kennen Risikofaktoren: Bedeutsam ist beispielsweise die atopische Veranlagung der Eltern, also unter anderem ein Hang zu allergischen Reaktionen. Wenn zwei Eltern atopisch veranlagt sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein gemeinsames Kind auch eine Allergie entwickelt, sicher deutlich höher, als wenn nur eines oder kein Elternteil eine entsprechende Neigung hat. Das heisst aber nicht, dass zwei schwer atopisch veranlagte Eltern keine kerngesunden Kinder haben können.

Gibt es weitere Risikofaktoren?

Neben Alter und Geschlecht gehört der sozioökonomische Status hinzu. Besser gebildete und sozial höherstehende Menschen erkranken häufiger. Und auch die Grösse des Wohnorts spielt eine Rolle. In grossen Städten wie Berlin ist der Allergiker-Anteil am höchsten.

Wegen der Umweltbelastung?

Das hatte man gemeint. Aber gleich nachdem die Mauer gefallen war, sind Forscher vom Robert-Koch-Institut in die Ex-DDR gefahren, vor allem in Regionen, deren Umwelt besonders belastet war. Eigentlich hatte man sich erhofft, endlich Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen und Allergien nachzuweisen. Und man war einigermassen erstaunt, dass Allergien in der Ex-DDR nur halb so verbreitet waren wie bei uns.

Was schliessen Sie daraus?

Obwohl das damals eine wissenschaftliche Sensation war, ist das Robert-Koch-Institut bis heute nicht näher darauf eingegangen, warum das so ist. Übrig geblieben ist ein Zweizeiler in allen einschlägigen Publikationen, wonach man die Ursache der «allergischen Krankheiten» im «westlichen Lebensstil» vermute. Was diesen Lebensstil ausmacht, wurde nicht definiert. Das habe ich nun getan.

Und dabei sind Sie auf einen weiteren Risikofaktor gestossen?

Ja, die Hochsensibilität. 80 Prozent der Eltern neurodermitiskranker Kinder sind erhöht bis hochsensibel. Ich hatte diesen Zusammenhang seit vielen Jahren vermutet. Jetzt habe ich in einer Studie den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Atopie wissenschaftlich belegt.

Was bedeutet dies für die Kinder solcher Eltern?

Seit den 70er-Jahren haben zahllose wissenschaftliche Untersuchungen nachgewiesen, dass Überbehütung den Kindern gesundheitlich schaden kann. Hochsensible Eltern können ihre Kinder unabsichtlich krank machen. Vor allem dann, wenn die Kinder die Sensibilität geerbt haben oder eine atopische Veranlagung aufweisen. Diese Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch: Bei zwei atopisch veranlagten Eltern erben 60 bis 80 Prozent der Kinder die elterlichen Merkmale. Bei kerngesunden Kindern löst eine erhöhte Responsivität der Eltern eher selten eine Atopie aus.

Was heisst Responsivität?

Unter anderem das ständige Eingehen der Eltern auf jede Regung ihrer Kinder, wie wir es bei den Eltern neurodermitiskranker Säuglinge und Kleinkinder regelmässig beobachten. Heute spricht man auch von «Helikopter-Eltern». Dieser Erziehungsstil behindert die Ablösung und kann zu Krankheiten und zu dauerhaften Störungen der psychischen Entwicklung führen.

Weshalb?

Die Eltern werden zunehmend erpressbar. Sobald sie ihre Aufmerksamkeit einen Moment vom Kind abwenden, fängt das Kind an, sich zu kratzen. Der überbehütende Erziehungsstil führt nie zur erhofften Besserung, sondern immer zu einer Verschlechterung des Krankheitsbildes.

Warum entstehen dadurch Allergien und andere atopische Erkrankungen?

Die Forschung ging bislang von einer mehrheitlich angeborenen Überempfindlichkeit der Haut, der Schleimhäute und des Immunsystems aus, die durch äussere Einflüsse, beispielsweise Stress, verschlechtert wird. Bis heute wurden aber keine Stressoren gefunden, die man dafür verantwortlich machen könnte. Unsere Studie gibt nun erstmals Hinweise darauf, dass es sich in Wirklichkeit um eine Überempfindlichkeit der zentralnervösen Wahrnehmungsverarbeitung, eben um Hochsensibilität handelt.

Wo ist der Zusammenhang?

Jeder Mensch sieht die Welt im Grunde genommen mit anderen Augen. Die Hochsensiblen nehmen alles gefühlsbetonter wahr. Emotionen spielen bei ihnen eine grosse Rolle. Gefühle entstehen unbewusst, nehmen aber Einfluss auf das, was wir wahrnehmen. Der eine empfindet etwas als bedrohlich, das den anderen gar nicht berührt. Und jemand findet etwas wunderschön, das ein anderer als hässlich ansieht. Das Entscheidende ist, dass diese unterbewusste Wahrnehmungsverarbeitung in unmittelbarem Kontakt zu den Organen steht, die unser körperliches Gleichgewicht bewirken, dem Hypothalamus (Abschnitt des Zwischenhirns), der über die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) dafür sorgt, dass wir den jeweiligen Umweltanforderungen optimal angepasst sind.

Und was bedeutet das?

Wenn das Unterbewusstsein etwas als bedrohlich wahrnimmt, dann reagiert der Körper unmittelbar und nicht über das Grosshirn. Ein Mensch, der sehr sensibel ist, nimmt alle Reize, vor allem auch negative, viel empfindlicher wahr, und es kommt viel schneller zu vegetativen Reaktionen. Auch Reize, die an sich völlig harmlos sind. Es besteht eine Neigung zum Fehlalarm. Und die Allergie ist ein solcher Fehlalarm.

Ihr Buch hat einen autobiografischen Ansatz. Weshalb?

Es gab zwei Gründe, die mich dazu veranlasst haben, meinen Lebensweg zugrunde zu legen. Vor 50 Jahren litt etwa ein Prozent der Bevölkerung an Allergien. Heute erkranken 48 Prozent der Deutschen irgendwann im Leben daran. Ich bin in diesem Zeitraum aufgewachsen, habe studiert und als Arzt praktiziert. Zeitgleich muss etwas passiert sein, das zu dieser Entwicklung geführt hat. Ich befürchtete schon in den 1970er-Jahren die Folgen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen für die Gesundheit der Menschen und interessierte mich für die Psychosomatische Medizin.

Und der zweite Grund?

Der hängt mit meinen Beobachtungen bei den Eltern neurodermitiskranker Kinder zusammen. Während meiner Weiterbildungszeit hatte ich erstmals Kontakt mit diesen Eltern. Die haben mich manchmal fast zur Weissglut gebracht. Wenn ich ihre Kinder untersuchen oder ihnen Blut abnehmen musste, konnten sie nicht loslassen und redeten pausenlos auf das Kind ein, dass ihm nichts passieren würde und alles gut werde. Diese Situationen haben mich an meine Mutter erinnert.

Weshalb?

Sie war eine ganz liebe, fürsorgliche, überbehütende Frau. Sie hat uns ein Leben gestaltet, das für die damaligen Verhältnisse aussergewöhnlich schön anzuschauen war. Was die Leute nicht sahen, war, wie sehr sie mich vereinnahmt hat. Wir waren Flüchtlinge, und meine Mutter wollte unser Leben so schnell wie möglich wieder in geordnete Bahnen lenken. Ich musste dafür herhalten, musste auf das Gymnasium, musste Ministrant werden und sollte mal Theologie studieren! Meine Mutter hatte versucht, ihre Wünsche und ihre Ziele über mich zu verwirklichen. Wenn Eltern ihren Kindern eine solche Verantwortung aufladen, ertragen das die Kinder nicht.

Sind Ihre Erkenntnisse auch auf Heuschnupfen & Co. zu übertragen?

Absolut. Die Studie wurde ja nicht an Kindern mit Neurodermitis durchgeführt, sondern mit atopisch veranlagten Eltern. Die Mehrzahl hatte Allergien, viele hatten Heuschnupfen, ein paar Asthma, nur drei Prozent litten unter Neurodermitis. Die Hochsensibilität habe ich bei atopisch veranlagten Erwachsenen nachgewiesen. Diese Erkenntnisse treffen insofern nicht nur auf Neurodermitis zu, sondern auf alle Erkrankungen des atopischen Formenkreises.

Welche Auswirkungen hat das auf die Therapie?

Wenn wir die Zunahme dieser Volkskrankheiten stoppen wollen, dürfen wir sie nicht länger nur da behandeln, wo sie sichtbar werden, sondern vor allem da, wo sie ihren Ausgang nehmen – im zentralen Nervensystem. Wir setzen dafür bewährte psychotherapeutische Verfahren ein, systematische psychotherapeutische Desensibilisierung und systemische Familientherapie. Beide Verfahren sind begleitende nichtmedikamentöse Verfahren, die aber Medikamente nicht ersetzen, sondern einsparen helfen.

Ohne Medikamente geht es nicht?

Verloren gegangene Funktionen der Haut oder der Lunge müssen weiterhin bedarfsgerecht medikamentös behandelt werden. Wir müssen uns aber mehr bemühen, die Entwicklung der chronischen Krankheiten zu stoppen. Das geht natürlich bei Kindern und jungen Menschen am besten, wenn wir die Atopiker-Karriere früh dadurch unterbrechen, indem wir den Prozess stoppen. Und der wird ungewollt von den Eltern unterhalten. Die Beratung und Einbeziehung der Eltern in die Behandlung ist deshalb unverzichtbar. Ohne die Hilfe und Mitwirkung der Eltern geht nichts.

Buch: Peter Liffler, «Der Allergie-Code – Neurodermitis, Asthma und Allergien verstehen und überwinden», Ullstein Verlag, 376 Seiten, Fr. 25.60