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Urchig und doch komfortabel: In diesen historischen Häusern können Sie Ferien buchen

Bellwald VS Das Haus im höchstgelegenen Dorf des Goms ist nichts für Grossgewachsene, die Stube ist nur 1,88 Meter hoch.

Bellwald VS Das Haus im höchstgelegenen Dorf des Goms ist nichts für Grossgewachsene, die Stube ist nur 1,88 Meter hoch.

Uralte Holzbalken, schiefe Wände, ausgetretene Böden: Das ist bei der Stiftung «Ferien im Baudenkmal» Konzept.

Schon die Anreise ist abenteuerlich. Bellwald ist das höchstgelegene Dorf im Goms; wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, darf weder Platz- noch Höhenangst haben: Vom Bahnhof aus trägt eine Luftseilbahn Reisende und Gepäck nach oben. Danach stehen 25 Minuten Fussmarsch an, denn das Ziel liegt in einem Weiler ausserhalb des Dorfkerns. Nicht jammern – die Bergbauernfamilien, die einst hier im Huberhaus wohnten, hatten gewiss grössere Mühsal auf sich zu nehmen, um sich ihr Überleben zu sichern. Einen Vorteil hatten sie aber damals: Weil sie weniger gross waren, brauchten sie sich wohl nicht zu bücken, um durch die Tür zu gehen.

Während wir elektronische Geräte und Spielsachen für die Kinder anschleppen, fragen wir uns, was frühere Bewohner im Gepäck hatten. Hängte der Bauer hier am dunklen Holzbalken in der Küche eine frisch erlegte Gämse auf? Oder doch eher ein Schaf? Vielleicht tötete er sogar mal einen Wolf, von dem er seine Schafe bedroht sah, und gab die Zähne des Raubtiers den Kindern zum Spielen. Die Spalten zwischen den ausgetretenen Bodenbrettern sind so breit, dass so ein Zahn durchrutschen könnte. Was käme wohl darunter alles zum Vorschein?

© Bilder: Stiftung Ferien im Baudenkmal / Gataric Fotografie

Es wäre spannend gewesen, bei der Restauration des Hauses dabei zu sein und im Boden nach Relikten zu wühlen. Das Huberhaus war vor 15 Jahren das erste Objekt, dass die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» gekauft hatte. Wer ältere Bilder davon sieht, glaubt kaum, dass das Haus noch zu retten war. 2006 begann die Restaurierung, strikt nach dem Grundsatz, möglichst viel der historischen Bausubstanz zu erhalten. Die steile Treppe zu den Schlafräumen im oberen Stock musste zwar neu gemacht werden, doch die Stufen wurden aus alten Holzbalken gemacht.

Gleichzeitig erhielt das Haus den nötigen Komfort, damit sich Gäste im 21. Jahrhundert entspannen können. Wer nun eintritt, sieht rechts den historischen Specksteinofen und links eine moderne Küche mit Geschirrspülmaschine.

War Friedrich Dürrenmatt hier zu Gast?

Inzwischen hat die Stiftung über vierzig Wohnungen im Angebot, die nach diesem Konzept restauriert wurden. Die Häuser erinnern an alte Bücher: Sie stecken voller Geschichten, wahren und erfundenen, alle darauf wartend, entdeckt zu werden. Die Casa Palü in Stampa im Bergell zum Beispiel war einst das Gästehaus des Malers Varlin. Wie viele Flaschen Rotwein hat er hier wohl seinem Freund Friedrich Dürrenmatt kredenzt?

Ganz neu zur Vermietung steht der Palazzo Glaser/Kunz in Poschiavo. Ob sich die Zuckerbäcker, die ihn erbauten, von den Stuckaturen inspirieren liessen bei der Verzierung von Torten? Oder das Taunerhaus in Vinelz am Bielersee, dessen Restaurierung ebenfalls dieses Jahr abgeschlossen wurde – wie viele Tagelöhner wohnten da wohl einst gleichzeitig?

Das älteste Objekt, das Haus Tannen im Kanton Schwyz, wurde noch im Mittelalter erbaut, im Jahr 1341. Aus Rücksicht auf die historische Bausub­stanz wurde auf Isolation verzichtet, vermietet wird nur von April bis Oktober.

Haus Tannen, Morschach SZ Der Bau aus dem Jahr 1341 gilt als eines der ältesten Holzhäuser Europas. Zum See sind es nur wenige Gehminuten.

Haus Tannen, Morschach SZ Der Bau aus dem Jahr 1341 gilt als eines der ältesten Holzhäuser Europas. Zum See sind es nur wenige Gehminuten.

© Bilder: Stiftung Ferien im Baudenkmal / Gataric Fotografie

Das jüngste Haus anderseits, das Eichhölzli in Biel aus dem Jahr 1933, verkörpert das moderne Bauen: Die Rundungen der Balkone und die Materialien Beton, Stahl und Glas prägen das Äussere.

Eichhölzli, Biel BE Die Wohnung mit dem gerundeten Balkon ist das jüngste Baudenkmal der Stiftung, sie ist noch keine hundert Jahre alt.

Eichhölzli, Biel BE Die Wohnung mit dem gerundeten Balkon ist das jüngste Baudenkmal der Stiftung, sie ist noch keine hundert Jahre alt.

© Bilder: Stiftung Ferien im Baudenkmal / Gataric Fotografie

Im Inneren der Studiowohnung könnte man sich in einer Grafikagentur wähnen, wäre da nicht das gekachelte Badezimmer mit Badewanne.

Das eine mittelalterlich, das andere modern. Das eine abgelegen in den Alpen, das andere in einem Wohnquartier in der Stadt. Das eine mit genügend Betten für zwei Durchschnittsfamilien, das andere maximal für ein Paar. Das Spektrum ist breit, aber eines haben die Häuser gemeinsam: Sie sprechen diejenigen Leute an, die eine Ferienwohnung nicht nur als Übernachtungsort betrachten, sondern auch auf das Verweilen in der Wohnung Wert legen.

2020 war Rekordjahr, neun Baudenkmäler eröffneten. Diejenigen in der Natur machen die Mehrheit aus, aber sogar in Zürich gibt es eine Wohnung. Nur die Westschweiz ist mit erst drei Objekten noch eher spärlich abgedeckt. «Wir sind mit der Denkmalpflege im Austausch, um auch in dieser Region zu wachsen», sagt Nancy Wolf, die bei der Stiftung für die Kommunikation verantwortlich ist. Ein Bauernhaus in der Waadt ist bereits in Arbeit.

So können also in diesen Ferienwohnungen einerseits die Regionen der Schweiz entdeckt werden, andererseits bieten sie Einblicke in das Leben verschiedener sozialer Schichten in diversen Epochen – alles aus der bequemen Warte des Feriengastes. Und mit der Zeit beginnen die eigenen Geschichten mit denjenigen des Hauses zu verschmelzen. Wer weiss, vielleicht lässt sich die eine oder der andere sogar zum Niederschreiben eigener Erzählungen inspirieren? Am besten mit einer Hermes Baby aus der Brockenstube.

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