Es erinnert ein wenig an Knight Rider. Wenn David Hasselhof auf seine Armbanduhr schaut und spricht: «Kumpel, hol mich hier raus!» Nur kommt kein sprechendes Auto um die Ecke gebogen, sondern Ava. Sie ist keine nette Freundin, sondern ein Hormon-Tracking-Armband, das der Frau verrät, ob sie heute schwanger werden kann oder nicht.

Ava wird als revolutionäre Verhütungsmethode angepriesen. Einfach, keine Hormone, sicher. Die Mitwirker sehen grosses Potenzial im Wearable, das frau sich nachts ums Handgelenk schnallt, um am Morgen ein individualisiertes Ergebnis zu haben.

Entwickelt hat das Armband, das den Menstruationszyklus der Frau vermisst und auf dem Smartphone anzeigt, die Schweizerin Lea von Bidder. In den USA hat sie ein Startup gegründet und Ava auf den Markt gebracht, seit Anfang Jahr ist Ava in der Schweiz erhältlich. Das Armband wird zwar nicht als Verhütungsmittel angepriesen, sondern als Algorithmus zum Babyglück, der die fruchtbaren Tage bestimmt.

Mehr messen, mehr Sicherheit

Doch das soll sich in naher Zukunft ändern. Denn derzeit läuft an der Frauenklinik des Universitätsspitals Zürich die zweite klinische Studie, welche die Genauigkeit von Ava wissenschaftlich eruiert. Geleitet wird sie von Brigitte Leeners, Professorin für Reproduktions-Endokrinologie. Sie ist eine der führenden Expertinnen für die Erstellung mathematischer Modelle des Menstruationszyklus. Laut Leeners sind Apps, welche Frauen ermöglichen, ihren Körper und Zyklus besser zu verstehen, generell sehr begrüssenswert. «Natürliche Verhütungsmethoden zeigen keine Nebenwirkungen und bieten damit entscheidende Vorteile gegenüber hormonellen Methoden», sagt Leeners. Doch viele der aktuell angebotenen Apps seien sehr unzuverlässig oder gäben ein sehr grosses Zeitfenster an, in dem auf (ungeschützten) Geschlechtsverkehr verzichtet werden müsse.

Ava geht weiter als die meisten Zyklus-Apps und Babycomputer. Diese messen meistens lediglich die Dauer des Zyklus oder die Basaltemperatur. «Da können Fehler passieren und Frauen werden ungewollt schwanger», sagt Leeners. Ava – und das sei das Revolutionäre – messe neun verschiedene Parameter, von denen sich einige bereits vor dem Eisprung verändern. Neben der Temperatur etwa Puls, Durchblutung und Schlafqualität. «Je mehr zyklusabhängige Parameter simultan und kontinuierlich gemessen werden, desto besser kann das fruchtbare Fenster vorhergesagt werden», sagt Leeners. Dabei können auch Störfaktoren wie Alkohol oder Schlafmangel berücksichtigt werden. Das Bracelet – wie es Leeners nennt – misst nachts die Veränderungen am Handgelenk, wobei über drei Millionen Datenpunkte pro Nacht gemessen und mit komplexen Algorithmen ausgewertet werden.

Das Armband ist mit dem Smartphone verbunden, sodass frau am Morgen dank einer App weiss, ob sie heute fruchtbar ist oder nicht.

Ava trifft einen Nerv. Denn es gibt die Tendenz, dass Frauen weniger Lust auf die Pille haben, weniger Lust auf Hormone allgemein. Deswegen werden natürliche Verhütungsmethoden immer beliebter. Und so boomen auch die zahlreichen Zyklus-Apps. Eine davon heisst Natural Cycles und ist – gemäss Entwickler – die erste, welche die Prüfstelle «TÜV SÜD» als Verhütungs-App zertifiziert hat. Mit dem Gütesiegel wirbt das Entwicklerteam um die Schwedin Elina Berglund denn auch. Die App sei so sicher wie die Pille.

Trotz des Gütesiegels ist Christian Alder, Gynäkologe der Hirslanden Klinik Aarau, skeptisch. Als «Zertifizitis» tut er es ab. Er glaubt nicht, dass das der Durchbruch sei. «Die Methode ist sicher seriös und die App gut, aber der Babycomputer per se ist uralt.» Und dieser ist keineswegs sicher. An den guten Pearl Index (Sicherheit einer Methode), den Natural Cycles verspricht, glaubt Alder nicht.

Perfekte Anwendung ist selten

Auch Sibil Tschudin von der Frauenklinik im Universitätsspital Basel warnt, dass die neue, derzeit viel beachtete App «mit Vorsicht zu geniessen ist». «Nur weil die App recht präzise den Eisprung anzeigt, hat man noch lange nicht verhütet», sagt Tschudin. Nur bei perfekter Anwendung sei die App ausreichend sicher. Aber das gelingt in der Realität lange nicht immer, sagt sie.

Brigitte Leeners von der Frauenklinik Zürich zweifelt gar an der Studie selber, welche die Sicherheit der App belegen soll. Dafür wurden nämlich lediglich Kundendaten von 4000 Frauen zwischen 20 und 35 ausgewertet. Es sei keine von Anfang an angelegte wissenschaftliche Studie mit Kriterien und Ziel gewesen. Zudem ist aus den Daten nicht ersichtlich, ob und wie oft die Frauen im Erhebungszeitraum Geschlechtsverkehr hatten. Im besten Fall keinen – dann kann es natürlich auch zu keiner Schwangerschaft kommen.

Doch generell gilt: Verhütung durch Temperaturmessen ist eine alte und bereits etablierte Methode. Also keine Revolution. Apps machen sie einfach moderner. Modern heisst aber nicht sicherer. Letztlich bleibt es bei der Messung der Basaltemperatur als einzigem Parameter. Hier unterscheidet sich die App vom Armband, das einen Schritt weitergeht – zumindest in der Theorie. Denn man ist noch nicht ganz so weit.

«Bis Ava als Verhütungsmethode angeboten werden kann, müssen weitere Studien durchgeführt werden», sagt Leeners und fügt an: «Wenn es um Verhütung geht, muss die Vorhersagequalität noch besser als bei der Schwangerschaftsplanung sein.»