Hirnschäden

Vom Talent zum Mörder – weshalb Sportverletzungen am Ursprung von Gewalttaten stehen können

Im Hirn von Aaron Hernandez (links) zeigten sich Schäden, die vermutlich von den Erschütterungen des Kopfes kamen.

Im Hirn von Aaron Hernandez (links) zeigten sich Schäden, die vermutlich von den Erschütterungen des Kopfes kamen.

Hirnschäden sorgen im American Football für eine Krise. Sie könnten sogar für drei Morde verantwortlich sein. Studien zeigen aber, dass auch Fussballer gefährdet sind ­– sogar im Amateurbereich.

Aaron Hernandez war auf dem Weg nach oben, doch er landete ganz unten. Der Junge aus der Provinz von Connecticut hatte sich im American Football mit spektakulären Touch Downs – also Goals – so weit hochgearbeitet, dass die New England Patriots im Sommer 2012 seinen Vertrag verlängerten. Für 40 Millionen Dollar. Doch ein Jahr später wurde er in Handschellen abgeführt. Der Vorwurf: Mord. Die Patriots feuerten ihn, und das Gericht verurteilte ihn knapp zwei Jahre später zu lebenslanger Haft. Angeblich soll er noch zwei weitere Morde verübt haben, doch das konnte man ihm nicht nachweisen. Am 19. April 2017 fand man Hernandez erhängt in seiner Gefängniszelle. Er war nicht einmal 28 Jahre alt.

Als das Hirn des Toten untersucht wurde, entdeckte man die verheerenden Schäden einer neurologischen Erkrankung, der chronisch-traumatischen Enzephalopathie (CTE). Vermutlich hervorgerufen durch die extremen Kopfstösse, die beim American Football an der Tagesordnung sind. Jetzt stand auch der Verdacht im Raum, dass Hernandez sich selbst verloren hatte und der eigentliche Grund für sein Handeln in einem Sport zu suchen ist, der für Millionenprofite die Hirngesundheit seiner Aktiven opfert.

Damit war die Geschichte endgültig reif fürs grosse Kino. Am 15. Januar veröffentlichte Netflix eine dreiteilige Dokumentation, die derzeit nicht nur in den USA für Furore sorgt: Killer Inside – The Mind of Aaron Hernandez.

In der Dokuserie «Der Mörder in Aaron Hernandez» untersucht Netflix den Niedergang des Profisportlers.

In der Dokuserie «Der Mörder in Aaron Hernandez» untersucht Netflix den Niedergang des Profisportlers.

Die Hirnschäden der CTE sind schon länger ein Thema im American Football, der in den USA zu den beliebtesten Sportarten gehört. Immer wieder hört man von Profis, die verhaltensauffällig und gewalttätig wurden, unter Depressionen, Koordinationsstörungen und Gedächtnisverlust litten – und am Ende fand man in ihren Köpfen ein Gehirn, dass in seinen Auflösungserscheinungen eher an einen Alzheimer-Patienten erinnerte als an einen jungen Sportler. Es häufen sich auch die Rücktritte von jungen Footballern, die sich aus Angst vor den Folgeschäden ihres Sports von ihrer Karriere verabschieden.

Auch leichtere Stösse hinterlassen Spuren

Auslöser der CTE sind wiederholte Gehirnerschütterungen, aber auch Stösse am Kopf, die gar nicht zu unmittelbaren Symptomen geführt haben. «Hirnneuronen sind wie lange dünne Spaghetti», erklärt Neurochirurg Jeffrey Bazarian von der University of Rochester in New York, «und dadurch sehr empfindlich, vor allem für Dehnungen». Und eben diese Dehnungen passieren, wenn der Kopf einen Stoss abbekommt. In der Folge werden die Neuronen porös, und sie erholen sich nur sehr langsam davon. Kommt es binnen der nächsten Wochen oder Monate wieder zu einem Stoss, sind sie noch geschwächt – und das Gehirn nimmt nachhaltig Schaden. Oft zeigt sich dieser erst Jahre nach dem Karriereende, manchmal aber auch schon bei aktiven Footballern wie Hernandez.

Als Bazarian die Gehirne von 38 Football-Spielern untersuchte, entdeckte er, dass vor allem die weisse Substanz im Mittelhirn zurückgegangen war. Dieses Areal stabilisiert unter anderem das Gleichgewicht und koordiniert die Bewegungen. Noch brisanter ist aber, dass man durch Sensoren in den Helmen der Spieler nachweisen konnte, dass für die Schäden nicht etwa die Zahl der Gehirnerschütterungen, sondern die blosse Zahl der Stösse am Kopf massgeblich war. Die mussten nicht mal besonders stark sein, die Sensoren im Helm reagierten bereits bei Kräften von zehn Gramm. «Es reichen schon Allerweltsstösse, um für nachhaltige Schäden im Gehirn zu sorgen», warnt Bazarian.

Keine guten Nachrichten also für die vielen Amateur-Footballer in den USA. Selbst Ex-Präsident Barack Obama, eigentlich ein Football-Fan, gestand kürzlich in den New York Daily News: «Wenn ich einen Sohn hätte, würde ich lange und intensiv darüber nachdenken müssen, ehe ich ihn Football spielen lassen würde.»

Wenn aber schon mässig starke Stösse das Hirn gefährden, sollte man nicht nur auf den American Football oder ähnlich harte Kontaktsportarten wie Boxen und Eishockey schauen. Auch Europas Sportart Nummer Eins, der Fussball, hat einen näheren Blick verdient. Denn da wird ja der Ball auch zig Mal mit dem Kopf gespielt.

In den USA sind Kopfbälle für Kinder verboten

Die deutsche Neurobiologin Inga Koerte, mittlerweile an der Harvard-University in Boston, entdeckte in einer Studie an zwölf Bundesliga-Spielern (deren Verein ungenannt blieb) deutliche Veränderungen der Hirnstruktur. Dabei zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang mit der Kopfballquote. Ein Forscherteam um den US-Radiologen Michael Lipton hat Ähnliches auch für den Amateurbereich beobachtet. Wobei die im Kernspin dokumentierten Schäden bei den weiblichen Kickern fünf Mal stärker waren als bei den Männern. Das könnte laut Lipton daran liegene, dass Männer und Frauen unterschiedliche biologische Reaktionen nach traumatischen Einwirkungen auf das Gehirn entwickeln. Denkbar wäre aber auch, dass Frauen den Erschütterungen beim Kopfball weniger Muskelkraft entgegen zu setzen haben.

Die geringere Muskelkraft trifft auch für Kinder zu, die zudem noch weniger gut ausgebildet im Kopfballspiel sind. Weswegen sie, wie Koerte betont, ebenfalls in besonderem Masse gefährdet sind. In den USA hat daher die US-Soccer-League – als weltweit erster Fussballverband – ein Kopfballverbot für Kinder unter elf Jahren eingeführt. Ähnliche Massnahmen sind für Europa nicht in Sicht. Nina Feddermann-Demont arbeitet am Universitätsspital Zürich als Neurologin und ist Mitglied des medizinischen Untersuchungs- und Forschungszentrums der Weltfussballverbands Fifa. Sie hält es «für nicht erwiesen, dass das Kopfballspiel per se in irgendeiner Weise eine gesundheitsschädliche Auswirkung auf das Gehirn hat oder das Risiko für Langzeitschäden erhöht». Vielmehr seien Kollisionen – mit dem Boden, dem Torpfosten oder dem Gegenspieler – das Problem. Und sie warnt: «Wenn ich bis elf Jahre das Kopfballspiel komplett unterbinde, wird es danach viel schwerer, eine erfolgreiche Kopfballtechnik zu erlernen.»

Der europäische Fussballverband Uefa beliess es im letzten Herbst bei einer Sensibilisierungskampagne. Bei Kopfverletzungen mit Verdacht auf Gehirnerschütterung soll der Mannschaftsarzt als letzte und einzige Instanz entscheiden, ob der Spieler vom Platz genommen werden muss. In der Diskussion sind aber bereits weitergehende Regeländerungen nach dem Vorbild der amerkanischen Football League. Nach einem Zusammenstoss soll der betroffene Spieler ausgewechselt werden dürfen (ohne Rücksicht auf das Kontingent), damit ein unabhängiger Arzt feststellen kann, ob er weiter spielen kann. Falls dies möglich ist, soll der Wechsel rückgängig gemacht werden dürfen. Bei Verdacht auf Gehirnerschütterung kann der unabhängige Neurologe noch auf dem Platz Sportverbot für mindestens 24 Stunden verhängen. Und bei absichtlichem Spiel gegen den Kopf sollen fehlbare Spieler härter bestraft werden.

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