Missbrauch

Warum Opfer von sexueller Gewalt so oft schweigen – eine Trauma-Expertin im Gespräch

Jede dritte Frau wird Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. Doch die wenigsten sprechen darüber. (Symbolbild)

Jede dritte Frau wird Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. Doch die wenigsten sprechen darüber. (Symbolbild)

Der US-Bundesrichter Brett Kavanaugh, Fussballer Cristiano Ronaldo, die Attacke von Genf: Das Tabuthema sexuelle Gewalt gegen Frauen hat im vergangenen Jahr den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Im Interview erklärt die Psychotraumatologin Rosmarie Barwinski, warum das so wichtig ist.

Frau Barwinski, die MeToo-Bewegung hat einiges in Gang gesetzt. 2018 war das Jahr, in dem sexuelle Gewalt gegen Frauen vermehrt in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert wurde. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?

Rosmarie Barwinski:Es findet eindeutig eine Diskursverschiebung statt. Dieses Jahr war richtiggehend eine Aufbruchstimmung spürbar. Die weibliche Sexualität wird positiv thematisiert. Wird heute eine Frau zum Objekt degradiert, löst das in der Öffentlichkeit zunehmend eine Empörung aus. Das ist gut so.

Als Psychotraumatologin stehen Sie in nahem Kontakt zu Opfern von sexueller Gewalt. Findet diese Veränderung Eingang in Ihre Praxis als Therapeutin?

Ich nehme schon wahr, dass die Debatte den Frauen zu mehr Selbstbewusstsein verhilft. Eine wichtige direkte Folge der Debatte ist, dass sexuelle Übergriffe nicht mehr bagatellisiert werden. Wenn eine Frau spürt, dass da etwas nicht mehr in Ordnung ist, soll sie und ihr Umfeld das ernst nehmen. Die MeToo-Debatte hat es geschafft, da etwas in Bewegung zu bringen. Das sehe ich als echten Erfolg.

Rosmarie Barwinski (hier in ihrer Praxis in Winterthur) ist seit dreissig Jahren als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin tätig. Sie leitet das Schweizer Institut für Psychotraumatologie in Winterthur. An der Universität Köln unterrichtet sie als Privatdozentin.

Rosmarie Barwinski (hier in ihrer Praxis in Winterthur) ist seit dreissig Jahren als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin tätig. Sie leitet das Schweizer Institut für Psychotraumatologie in Winterthur. An der Universität Köln unterrichtet sie als Privatdozentin. 

Zwei Frauen haben dieses Jahr vor der Weltöffentlichkeit Vergewaltigungsvorwürfe publik gemacht. In beiden Fällen, jenem um US-Bundesrichter Brett Kavanaugh und demjenigen um den Fussballer Cristiano Ronaldo, wurde den Frauen Effekthascherei vorgeworfen.

Es geschieht eben genau das, wogegen die MeToo-Bewegung zu kämpfen versucht: Fälle von sexualisierter Gewalt werden bagatellisiert, die Frauen als unglaubwürdig abgestempelt. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie sich wichtig machen wollen. Ansonsten würden sie sich doch nicht erst jetzt, so viele Jahre nach der begangenen Tat an die Öffentlichkeit wenden. Dabei ist das doch genau Teil des Problems.

Im Fall von Kavanaugh liegt der ihm angelastete Übergriff über 30 Jahre zurück, bei Ronaldo soll es vor zehn Jahren zu einer Vergewaltigung gekommen sein. Warum wenden sich die Frauen so spät an die Öffentlichkeit?

Ein sexueller Übergriff ist etwas Traumatisches. Ein Opfer muss zuerst einmal realisieren, was einem da passiert ist. Oft findet nach einer Vergewaltigung eine sogenannte Wahrnehmungsabkehr statt. Oder es kommt gar zu einer Art Amnesie. Es kann sein, dass ein Opfer nichts mehr von dem Übergriff weiss. Es kann aber auch sein, dass es zwar weiss, was passiert ist, dies vom Kopf her beschreiben kann, aber die Gefühle wie abgespalten sind. Nur schon, dass ein Opfer selbst mit dem Erlebten zurecht kommt, braucht häufig viel Zeit.

Und dieser Prozess kann so viele Jahre andauern?

Die Abwärtsspirale geht noch weiter. Wenn ein Opfer erst mal realisiert hat, was genau vorgefallen ist, kommt es häufig zu einer Täter-Opfer-Umkehrung. Das heisst, dass sich ein Opfer selbst die Schuld an dem Übergriff gibt und Dinge denkt wie: «Wäre ich doch nicht um diese Uhrzeit noch aus dem Haus gegangen» und so weiter.

Woher rührt dieser Mechanismus?

Lieber ist man schuldig als hilflos. Diese Hilflosigkeit, dass man zum Opfer geworden ist, das ist ein unerträgliches Gefühl. Wenn man sich die Verantwortung gibt, handlungsfähig zu sein, kommt man ein Stück weit aus der Ohnmacht heraus. Das gibt einem ein illusorisches Sicherheitsgefühl, weil man denkt, man hätte den Übergriff tatsächlich verhindern können.

Oftmals erzählen Vergewaltigungsopfer nicht mal ihrer nächsten Bezugsperson, was ihnen passiert ist. Warum?

Aus Scham. Das klingt paradox, doch viele Opfer von sexualisierter Gewalt schämen sich dafür, dass ein anderer Mensch sie derart behandelt hat. Sie fühlen sich zum Objekt degradiert und ihr Selbstwertgefühl ist zutiefst verletzt. Es ist also ein weiter, beschwerlicher Weg, den ein traumatisiertes Opfer von sexueller Gewalt gehen muss, bevor es den Schritt in die Öffentlichkeit wagen kann. Denn wenn es dies tut, muss es psychisch so stabil sein, um den damit verbundenen Druck aushalten zu können.

Wenn sich Opfer an die Öffentlichkeit wenden, sind sie extremer Kritik ausgesetzt. Warum ist ihnen der Gang an die Öffentlichkeit nach so vielen Jahren so wichtig, dass sie dies in Kauf nehmen?

Weil bei den Betroffenen – wie bei allen Menschen – ein ganz tiefer Wunsch nach Gerechtigkeit vorhanden ist. Wenn so etwas passiert ist, geht es bei den Opfern darum, das eigene Selbst- und Weltbild wieder in Ordnung zu bringen. Der Täter soll öffentlich als Täter gesehen werden und das eigene «Opfer–Sein» soll öffentlich anerkannt werden.

Dieses «Opfer-Sein» ist im Zuge der MeToo-Debatte allerdings auch kritisiert worden. Die deutsche Philosophin Svenja Flasspöhler argwöhnte, man dränge die Frauen mit dem ständigen Opferdiskurs in eine passive Rolle.

Nun, es ist ja auch nicht toll, Opfer zu sein. Unter Jugendlichen ist «Opfer» ein Schimpfwort. Opfer zu sein bedeutet, zu einer bestimmten Kategorie dazuzugehören. Kein Mensch will das. In der Psychotraumatologie spricht man deshalb davon, dass man zum wehrfähigen Opfer wird. Daraus entstand der Ausspruch: «I'm not a victim, I'm a survivor.» (Anm. d. Red.: «Ich bin kein Opfer, ich bin Überlebende»).

Doch bleibt nicht auch ein wehrfähiges Opfer zuletzt doch Opfer?

Aber das ist kein passiver Zustand und darum geht es. Wird der Opfer-Status anerkannt, kann man wieder zu Kraft kommen und sich wehren.

Gemäss Studien geht man davon aus, dass in Europa jede dritte Frau Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt wird. Die Dunkelziffer ist bei Sexualdelikten extrem hoch, nur rund zwanzig Prozent der Frauen zeigen ihre Peiniger an. Warum?

Einerseits wegen der bereits genannten Mechanismen, die sich nach einem traumatischen Erlebnis in Gang setzen. Die Frauen finden die Kraft gar nicht, bei einer polizeilichen Befragung das Erlebte wieder und wieder durchzuspielen. Andererseits bringt die juristische Klärung nicht automatisch auch Gerechtigkeit. Zudem stammen die Täter in den allermeisten Fällen aus dem nächsten Umfeld ihrer Opfer, was den Schritt zu einer Anzeige erschwert.

Weshalb?

Wenn der Täter eine nahe Bezugsperson ist, der Partner, ein Elternteil, ein Verwandter, und man realisiert, dass einem der Mensch, den man am meisten liebt, so etwas antun kann, dann zerreisst das einen. Das Innere ist tief gespalten. Ein Teil weiss, was passiert ist, ein anderer Teil streitet ab, verleugnet, weil die Liebes- und Beziehungswünsche bestehen bleiben. Es kommt wieder zu dieser Täter-Opfer-Umkehrung. Aber nicht nur aus Hilflosigkeit, sondern auch um den Täter zu schützen.

Wird über sexuelle Gewalt gegen Frauen gesprochen, so geht dies oft mit einer Diskussion über Ausländer einher. So geschehen diesen Sommer beim Fall von Genf, wo fünf Frauen brutal von einer Gruppe Männer verprügelt wurde. Warum liegt der Reflex, die fremde Kultur zu bezichtigen, so nah?

Weil so ein illusorisches Sicherheitsgefühl aufrecht erhalten wird. Hätten wir das nicht, würden wir uns ja nicht mehr auf die Strasse trauen. Es könnte jederzeit und überall etwas passieren. Dadurch dass man die Täter und die Opfer in eine bestimmte Gruppe verlagert, also die Ausländer, welche die Frauen in den kurzen Röcken bedrängen, fühlt man sich sicher. Denn man selbst ist ja Schweizer und würde so etwas nie machen. Und anständig angezogen wird einem so etwas auch nicht passieren.

Kritiker würden antworten, dass statistisch gesehen sexualisierte Gewalt in gewissen Kulturkreisen häufiger vorkommen.

Man kann nicht verleugnen, dass in bestimmten Kulturen Gewalt und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen mehr toleriert wird. Innerhalb einer Asyldebatte sollte so etwas thematisiert werden. Aber ich finde es falsch, die zwei Diskussionen miteinander zu vermischen. Das wird schnell polemisch und ist kontraproduktiv. Die Frage ist doch: Wie geht unsere Gesellschaft generell mit sexualisierter Gewalt um? Darauf mit einer Ausländerquote zu antworten, bringt meiner Meinung nach nichts.

Das Jahr 2018 neigt sich zu Ende. Sie sagen, es hat sich einiges getan. Wo besteht noch Handlungsbedarf?

Die ganze Debatte um MeToo und sexualisierte Gewalt gegen Frauen hat zur Folge, dass Frauen selbstbewusster auftreten und endlich ein paar dringende Anliegen auf den Tisch gebracht haben. So finde ich es schon ziemlich unglaublich, dass heute eine Frau und ein Mann in derselben Position noch immer nicht gleich viel verdienen. Dass solche Diskussionen den Weg in die Öffentlichkeit finden, ist gut und auch im neuen Jahr dringend notwendig.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1