Wetter

Warum «Sabine» kein Orkan ist und andere Antworten zum Jahrhundertsturm

Noch bis Mittwoch wird der Sturm Sabine über die Schweiz ziehen. Wir liefern derweil die wichtigsten Antworten zu einigen stürmischen Fragen.

Der SRF-Meteorologe Felix Blumer ist vorsichtig mit Superlativen, wenn es ums Wetter geht. Den Sturm Sabine stellt er aber in eine Reihe mit «Lothar» im Jahr 1999 und «Kyrill» 2007. Beides Winterorkane, welche katastrophale Folgen hatten. Dem Sturm zum Trotz hat sich Blumer gestern auf Skipisten gewagt und dort kaum Skifahrer angetroffen. Die Wetterwarnungen hatten ihre Wirkung. Warum «Sabine» trotz Windstärken bis zu 180 km/h kein richtiger Orkan ist, beantwortet Meteorologe Blumer.

Ist «Sabine» ein Jahrhundertereignis?

Abgerechnet wird erst am Schluss. Doch Vergleiche mit den grossen Stürmen Lothar 1999 und Kyrill 2007 sind möglich. Auf jeden Fall ist «Sabine» einer der grössten Stürme in den letzten 100 Jahren. Einen Sturm wie diesen gibt es alle zehn, zwanzig Jahre.

Wo liegt der Ursprung von Sturm Sabine?

Der Ursprung «Sabines» ist ähnlich wie jener des gewaltigen Sturms Lothar vor zwanzig Jahren: eine extreme Westströmung mit vielen eingelagerten Tiefdruckgebieten. Die Strömung hat bei Neufundland angefangen, ist über Island und Schottland auf den europäischen Kontinent gezogen und hat vor allem in Deutschland gewütet. Jetzt zieht das Tiefdruckgebiet weiter nach Osteuropa. Wirken wird der Sturm noch bis in der Nacht auf Mittwoch. Allerdings ist nicht sicher, ob das dann immer noch «Sabine» ist oder ein Sturm aus den vielen anderen Tiefdruckgebieten.

Schäden durch Sturmtief Sabine in Neuenburg

10.2.2020: Schäden durch Sturmtief Sabine in Neuenburg

  

Warum heisst der Sturm «Sabine»?

Im deutschsprachigen Raum werden die Namen für Stürme von der Freien Universität Berlin vergeben. Es ist sogar möglich, sich den Namen eines Hochs und Tiefs unter wetterpate.de zu kaufen. Am Sonntag kostete ein Hoch 299 Euro, ein Tief 199 Euro. Das Hoch ist teurer, weil es beständiger ist. Die Hochs sind im Jahr 2020 männlich, die Tiefs weiblich. Das wechselt – im nächsten Jahr sind die Hochdruckgebiete weiblich. Wenn ein Tiefdruckgebiet wie «Sabine» ganz Mitteleuropa zudeckt, reicht der deutsche Name nicht aus und so erhält der gleiche Sturm dann auch andere Namen. «Sabine» ist auch «Ciara».

Sturm Sabine im Kanton Zug: Das Sturmtief Sabine war auch in der Zentralschweiz spürbar. Wie hier in der Stadt Zug am Zugersee.

Sturm Sabine im Kanton Zug: Das Sturmtief Sabine war auch in der Zentralschweiz spürbar. Wie hier in der Stadt Zug am Zugersee.

Wann wird ein Baum von einem Sturm ausgerissen?

Das hängt von der Grösse, der Art und des Gesundheitszustands des Baums ab. Entscheidend ist die Windrichtung des Sturms. In den Föhntälern stehen alle Bäume schräg Richtung Norden, weil der Föhn aus Süden kommt. Kommt die Sturmböe für einmal von Norden, kann das für den Baum bös enden.

Kann man bei 140 km/h noch Windgeschwindigkeit stehen?

An der Expo 2002 und im Nachgang zu «10 Jahre Lothar» hat man einen Windkanal der ETH betreten können, in dem man sich den hohen Windgeschwindigkeiten stellen konnte. Der Meteorologe Felix Blumer war mit SRF-Moderatorin Sabine Dahinden im Kanal. Die Moderatorin hat es bei 150 km/h umgehauen, Blumer konnte sich knapp auf den Beinen halten. Der Sturm im Windkanal ist allerdings gleichmässig. Im Freien machen uns die Böen zu schaffen. Da geht es innerhalb von einer Sekunde von 50 auf 150 km/h und da verliert ein Mensch schnell das Gleichgewicht. Das gilt auch für Gebäude, die bei Böen in Schwingung kommen. Generell gilt: Bei 120 km/h wird es schwierig stehen zu bleiben, bei 150 sollte man nicht mehr nach draussen gehen, weil es einem davon blasen kann.

Wie genau lässt sich ein Sturm vorhersagen?

Die Wettermodelle zeigten schon vor einer Woche, dass es von Montag bis in den Mittwoch hinein extrem stürmen wird. Auch was die Heftigkeit des Sturms Sabine betrifft, war klar, dass es in den Bergen zu Windgeschwindigkeiten im Bereich von 160 bis 180 km/h und in tieferen Lagen zu 120-km/h-schnellen Orkanböen kommen wird. Wo der Sturm dann genau zuschlägt, hängt vom Einfallwinkel des Winds und der Böen ab. Und das lässt sich erst etwa 12 bis 24 Stunden im Voraus sagen. Es gibt in der Schweiz typische Orte, die besonders gefährdet sind. Zum Beispiel das Appenzellerland durch den Laseyer-
Wind, der bis zu 200 km/h erreicht und schon mal die Appenzeller Bahn aus den Schienen weht.

Zürich Flughafen: Wackelige Landungen und gestrichene Flüge

Zürich Flughafen, 10.2.2020: wackelige Landungen und gestrichene Flüge

Wird «Sabine» zu Recht als Orkan bezeichnet?

Per meteorologischer Definition auf der Beaufortskala gilt ein Sturm ab einer Mittelwind-Geschwindigkeit von 118 km/h als Orkan. Und zwar dann, wenn diese Geschwindigkeit über eine Stunde lang überschritten wird. Diese für die Windstärke-Skala entscheidende Stunde stammt aus der Seefahrt. Die Seefahrer hat interessiert, wie weit sie in einer Stunde kommen. Eine Stunde lang über 118 km/h gibt es in der Schweiz nicht und somit eigentlich auch keine Orkane. Schweizer Meteorologen sprechen deshalb von Orkanböen, wenn die Böen schneller als 118 km/h sind, so wie bei «Sabine» bis zu 180 km/h. Orkane gibt es in der Schweiz nicht, weil Berge und Hügel im Weg stehen.

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Autor

Bruno Knellwolf

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