Frau Moser, der Weltklimarat zeichnet in seinem neuesten Bericht ein düsteres Bild und fordert rasche Massnahmen gegen die Klimaerwärmung. Kann eine solche Warnung auch das Verhalten der einzelnen Menschen positiv verändern?

Stephanie Moser: Es ist immer positiv, wenn das Thema Klimaerwärmung in der Öffentlichkeit diskutiert wird und die Problematik damit auch im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger wach bleibt. Doch für eine mögliche Wirkung auf das Verhalten von einzelnen Personen braucht es mehr als nur das Thematisieren des Problems.

Sondern?

Es reicht nicht, nur zu sagen, dass die Klimaerwärmung fortschreitet. Es ist wichtig, auch konkrete Lösungen zu thematisieren, damit die Menschen sehen, was sie persönlich tun können.

Zum Beispiel?

Mit dem Zug zu fahren, anstatt zu fliegen. Die Klimaerwärmung als problematisch wahrzunehmen und nicht zu wissen, was man selber zur Lösung beitragen kann, erzeugt das Gefühl von Machtlosigkeit. Dies kann das Gegenteil des gewünschten Effektes erzeugen, sprich: Das Problem wird einfach verdrängt.

Nehmen wir Ihr Beispiel von der Flugreise. Den meisten ist bewusst, dass dies schlecht für die Umwelt ist. Warum fliegen wir dennoch?

Wenn wir einmal voraussetzen, dass man sich dessen wirklich bewusst ist und die Klimaerwärmung auch nicht verleugnet, gibt es drei mögliche Erklärungen. Die erste: Man beschönigt sein Verhalten und argumentiert, dass man sich ja ansonsten vorbildlich verhält und damit die umweltschädliche Flugreise kompensiert. Zum Beispiel, weil man fleissig PET-Flaschen recycelt. Das heisst, oft fehlt ein Bewusstsein darüber, welches mehr oder weniger wirksame Massnahmen gegen die Klimaerwärmung sind.

Und die anderen beiden Erklärungen?

Die zweite Erklärung: Die klimafreundlichere Variante, also der Zug, ist im Vergleich zum Fliegen zeitintensiv und teuer, also unattraktiv. Dies nehmen aktuell nur Menschen auf sich, denen der Klimaschutz wirklich sehr wichtig ist. Die dritte Erklärung: Man schiebt die Verantwortung von sich. Sagt sich, dass der eigene Verzicht auf die Flugreise im Vergleich mit allen anderen, die trotzdem fliegen, keinen positiven Einfluss auf die Umwelt hätte. Denn das Flugzeug würde ja sowieso abheben.

Inwiefern hat denn das eigene Verhalten einen Einfluss auf die Umwelt? Sprich: Wie viel können wir wirklich bewirken?

Wenn wir alle in denjenigen Bereichen, welche aus der Konsumperspektive am stärksten für den Klimawandel verantwortlich sind, unser Verhalten umstellen würden, könnte sehr wohl ein grosser Effekt erzielt werden.

Was müssten wir konkret ändern?

Keine fossilen Energieträger mehr verwenden für Wohnen, Autofahren und Fliegen, sowie weniger Fleisch und tierische Produkte essen. Dazu müssen wir uns aber zu den fürs Klima wirklich wichtigen Verhaltensänderungen durchringen. Wir können aber auch viel erreichen, wenn wir nicht nur unseren privaten Konsum überdenken, sondern uns auch aktiv für klimafreundlichere Produkte und Rahmenbedingungen einsetzen.

Wie kann man aus seinem klimaschädlichen Verhaltensmuster ausbrechen?

Indem man bei grossen Anschaffungen wie Fahrzeugen, Heizung oder Haushaltsgeräten auf klimafreundliche Ausführungen setzt. Dazu sollte man den Ersatz frühzeitig planen und sich informieren. So ist man im Schadensfall vorbereitet und muss nicht spontan entscheiden. Auch bei alltäglichem Verhalten, wie Freizeit oder Einkaufen, hilft es, wenn man sich klare Ziele setzt und sich diese schriftlich festhält. Zum Beispiel kann man sich für den nächsten Einkauf vornehmen, nur Waren einzukaufen, die nicht mit dem Flugzeug transportiert wurden, oder ein fleischloses Menü planen. Diesen Vorsatz schreibt man sich dann am besten im vornherein auf den Einkaufszettel. Das Beispiel zeigt aber auch, was es ebenfalls braucht, um klimafreundlicher zu leben: Zeit.

Warum Zeit?

Derzeit untersuchen wir, ob Menschen, die Teilzeit arbeiten und damit zwar weniger Einkommen aber mehr Zeit haben, für die Umwelt zuträglicher sind. Das wäre wunderbar, nicht? (lacht). Damit könnte man zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen: nachhaltiger und dank einer besseren Work-Life-Balance erst noch zufriedener leben.

Was hat Teilzeitarbeit mit Nachhaltigkeit zu tun?

Genau das möchten wir in unserer Untersuchung herausfinden. Es gibt Studien, die zeigen, dass Länder mit tieferer Erwerbsarbeitszeit auch geringere Treibhausgasemissionen aufweisen. Auch gibt es Studien, die zeigen, dass insbesondere Menschen mit höheren Einkommen für klimaschädlichen Konsum verantwortlich sind. Mehr Zeit und damit eine bessere Work-Life-Balance könnte aber auch zu grösserer Zufriedenheit und damit weniger Frustkäufen führen. Zeit zu haben ist zudem eine Voraussetzung, um sich überhaupt erst für zum Beispiel langsamere, dafür umweltfreundlichere Verkehrsmittel entscheiden zu können.

Wie steht es mit der Schule? Sollte das Thema Klimaerwärmung noch stärker im Unterricht behandelt werden?
Klar ist es wichtig, dass die Klimaerwärmung in der Schule behandelt wird. Doch es wäre falsch, jetzt einzig der Schule die Verantwortung zuzuschieben. Denn der Einfluss der Kinder, etwas zu ändern, ist gering und damit wären wir wieder bei der Machtlosigkeit. In der Verantwortung stehen, neben uns Konsumentinnen und Konsumenten, vor allem die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger. Sie können die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, damit klimafreundlicheres Leben möglich, einfacher und attraktiver wird.

Nennen Sie ein Beispiel.

Damit Konsumentinnen und Konsumenten auf klimafreundlichere Produkte setzen können, müssen solche in den Läden auch angeboten werden. Oder das Beispiel Verkehr. Bei guten Zugverbindungen und attraktiven Velowegen sind Leute, die pendeln, eher dazu bereit, auf ein eigenes Auto zu verzichten.

Wie sinnvoll ist es, die Bürger mittels Gesetzen zu nachhaltigem Verhalten zu erziehen?

Gesetze sind aus meiner Sicht nicht dazu da, um Bürger zu erziehen. Vielmehr sollten sie das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen allen Beteiligten sein, um gemeinsam für alle verbindliche Spielregeln zu schaffen, so dass klimafreundliches Verhalten für alle attraktiver und klimaschädliches Verhalten unattraktiver wird.

Doch werden solche Gesetze von der Bevölkerung akzeptiert?

Dies hängt vor allem davon ab, ob die Gesetze als für die Umwelt wirksam und die damit verbundenen Einschränkungen als erträglich und fair verteilt beurteilt werden. Ein spannendes Fallbeispiel ist die Einführung von Road Pricing in Stockholm. Dieses System wurde zuerst als Pilotprojekt eingeführt. Als es um die definitive Einführung ging, votierte die Bevölkerung dafür. Denn in der Zwischenzeit hatten viele Stockholmerinnen und Stockholmer die Vorteile dieses Systems selbst erleben können.