Erfahrungsbericht

Was tun, wenn die Familie Feindesland ist?

Das familiäre Urvertrauen ist in Frage gestellt, wenn der Kontakt im engsten Familienkreis abbricht. Ein Kontaktabbruch kann aber auch Selbstschutz sein.

Das familiäre Urvertrauen ist in Frage gestellt, wenn der Kontakt im engsten Familienkreis abbricht. Ein Kontaktabbruch kann aber auch Selbstschutz sein.

Nicht immer bieten Eltern Halt und Schutz. Wenn die Liebe fehlt, brechen manche Menschen den Kontakt zu Mutter und Vater lieber ab. In der Zentralschweiz soll nun eine Selbsthilfegruppe für solche Menschen entstehen.

Es gibt Menschen, denen die Familie kein Hort der Geborgenheit ist, sondern vielmehr ein Ort des Grauens. Deren Eltern von Beginn weg überfordert waren damit, einem Kind Schutz und Liebe zu geben. Diese Menschen entschliessen sich dann manchmal dazu, nach jahrelangem Frust und jahrelangen Kämpfen, den Kontakt zur Familie abzubrechen. Um sich selbst zu schützen, zu heilen und nach vorne zu blicken. Eine solche Entscheidung hat vor einiger Zeit Renée gefällt (Name geändert). Sie sagt:

Und ergänzt: «Mein Urvertrauen wurde in der Kindheit gebrochen.» Sie sagt auch: «Der Kontaktabbruch zu den Eltern ist reiner Selbstschutz. Ich fühle mich sehr gut jetzt.»

Renée wird als Kind sehr junger Eltern geboren, die Mutter leidet an einer kognitiven Beeinträchtigung. Das unterernährte Kleinkind kommt bald in die Obhut der Grosseltern – die Vormundschaftsbehörde schaltet sich ein. Doch auch die Grosseltern sind überfordert, zudem besteht der Verdacht auf sexuellen Missbrauch. Renée wird hin- und hergeschoben von den einen Grosseltern zu den anderen – bedingungslos geliebt wird sie an keinem Ort. Stattdessen ist das Mädchen Schlägen, Drohungen und Schuldzuweisungen ausgesetzt.

«Ich kann kämpfen und ich überlebe»

«Ich kann kämpfen und ich überlebe.» Das sagt sich Renée, als sie ihre erste Ausbildung abgeschlossen hat, ohne die Hilfe ihrer Familie. Ihrer Mutter muss sie die Mutter sein und bekommt doch nur Böses zu hören. Als Renée heiratet und Einladungen an die Familie verschickt, antwortet ihr nur eine einzige Person. Zu diesem Zeitpunkt beschliesst sie, sich von allen «enttäuschenden Freundschaften, Familienangehörigen und Menschen in ihrem Umfeld zu distanzieren». Sie fühlt sich erstmals «viel besser und frei».

Was Renée viel zu denken gab und gibt: Schlecht behandelt wurde sie nicht nur von überforderten Eltern und Grosseltern, schlecht behandelt wurde sie auch von Mitschülerinnen im Internat, welches sie besuchen musste, von so manchen Erzieherinnen dort und von vermeintlichen Freundinnen. Renée erklärt sich das damit, dass sie keine «normale Familie und kein Selbstvertrauen» hatte, überangepasst war, um Liebe kämpfte. Es ist der hilflose Versuch einer Erklärung und die schockierende Erkenntnis, dass der Mensch und die Welt nicht per se gut sein muss.

Wie fühlt es sich an, eine «normale» Familie zu haben?

Verstörend findet Renée es auch, dass immer wieder Menschen zu ihr sagen: Welch ein Wunder, dass aus dir was geworden ist, dass du nicht abgestürzt bist. Sie nimmt sich selber anders wahr: Es ist kein Wunder. Es ist ihr Verdienst. Geholfen hat dabei eine Therapie bei einem Lebenscoach, welche die junge Frau mehr oder weniger durch Zufall beginnt. Rückblickend sagt sie:

Gerne wüsste Renée aber noch, wie es sich anfühlt, eine «normale» Familie zu haben. Und auch weil sie das nicht weiss, ist es nun ihr Ziel, sich in einer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen auszutauschen über dieses Gefühl, «keine Familie zu haben». Es ist der Wunsch, «sich gegenseitig zu unterstützen, in einem gesunden Verarbeitungsprozess» – mit sehr viel Verständnis und Respekt füreinander.

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