Belgischer König

Wegen Rassismus-Debatte: Statuen des schlimmsten Kolonialherren werden gestürzt – doch wer war Leopold II.?

Auch in Belgiens Hauptstadt Brüssel wird gegen Leopolds Statuen protestiert.

Auch in Belgiens Hauptstadt Brüssel wird gegen Leopolds Statuen protestiert.

Der belgische König Leopold II. verantwortete im Kongo ein Terrorregime. Jetzt holt ihn und das ganze Land die Vergangenheit ein.

Da steht er nun. Leopold II. (1835–1909), König der Belgier aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Mit roter Farbe verschmiert, gedemütigt und entehrt. Er, der seinem Land in seiner 44-jährigen Regentschaft ungeahnten Reichtum brachte. Mit seinen Boulevards und Prachtbauten die belgische Hauptstadt Brüssel in eine moderne Metropole verwandelte, im ganzen Königreich Spuren seiner Grösse hinterliess. «Le roi batisseur», den Baumeisterkönig, nannten sie ihn dafür. Und jetzt das.

Spätestens seit die «Black Lives Matter»-Proteste von den USA nach Belgien übergeschwappt sind, gerät Leopolds Andenken endgültig ins Wanken. Statuen müssen ­weichen, eine parlamentarische Untersuchungskommission wurde eingesetzt. Und es geschah das, was lange als undenkbar galt: König Philippe, der aktuelle Regent, entschuldigte sich für seinen Urgrossvater.

In einem Brief, den belgische Zeitungen diese Woche veröffentlichten, schrieb der aktuelle König:

Adressat: der kongolesische Präsident Félix Tshisekedi. Zum Tag des 60. Jubiläums der kongolesischen Unabhängigkeit anerkennt Philippe, dass es unter der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo «Akte der Gewalt und Grausamkeit» gegeben hat.

Natürlich ist längst bekannt, dass Leopold II. im «Freistaat Kongo» ein Schreckensregime verantwortete. Exakte Zahlen gibt es keine. Forscherkonsens ist, dass acht bis zehn Millionen Kongolesen der brutalen Herrschaft zum Opfer fielen, die Hälfte der da­maligen Gesamtbevölkerung.

Ein halbes Jahrhundert vor den Nürnberger Prozessen schrieb der US-Journalist George Washington Williams bereits von «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Das weltbekannte Buch «Herz der Finsternis» von Conrad Joseph ist ebenfalls von den Schrecken inspiriert, die sein Verfasser auf einer Kongo-Reise gesehen hatte.

Wer nicht lieferte, verlor seine Hände

Finster und schwarz war die Herrschaft Leopolds im Kongo. Schwarz wie die Haut seiner Bewohner: «Wir haben es dort mit einer Rasse zu tun, die während Tausenden von Jahren Kannibalen waren. Da ist es unerlässlich, Methoden anzuwenden, die sie aus ihrer Trägheit aufrütteln und ihnen die heilige Pflicht der Arbeit nahebringen», schrieb Leopold 1890 in einem Brief an den belgischen Premierminister.

Instrument dieser «Aufrüttelung» war die Chicotte, eine scharfkantige Peitsche aus gezwirbelter Nilpferdhaut, die tiefe Wunden hinterlässt und als Disziplinierungsmethode Nummer eins Verwendung fand.

© Brooklyn Museum

Wenn die Kongolesen von den Kautschuk-Plantagen zu wenig Ertrag mitbrachten, wurden ihnen die Hände abgehackt. Daneben wurde das Händeabhacken zur Strafe für alles Mögliche. Um den Gebrauch von Munition nachzuweisen zum Beispiel, mussten die Soldaten von Leopolds Privatarme die rechte Hand der Getöteten mitbringen. Weil sie oft auf die Jagd gingen und dabei Patronen verschossen, beschafften sie sich die Hände anderweitig.

Der König selbst, der im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten den Kongo als seinen Privatbesitz hielt, setzte nie einen Fuss in das Land. Stattdessen beauftragte er skrupellose Abenteurer wie den Amerikaner Henry Morton Stanley oder den belgischen Militär Léon Fiévez, den Kongo für ihn auszubeuten. Sie kreierten ein Netz an Kautschuk-Plantagen, auf denen die Eingeborenen als Sklaven schuften mussten. Oft bis zum Tode.

Kautschuk als Rohstoff für Gummiprodukte war um die Jahrhundertwende so begehrt, dass er Leopold zu einem der reichsten Männer seiner Zeit machte. An Zynismus kaum zu übertreffen: Der König verkaufte sich in Europa gleichzeitig als selbstloser Menschenfreund und Förderer der Völkerverständigung. Anlässlich der Weltausstellung 1897 baute er im Park von Tervuren nahe Brüssel «Afrika-Dörfer» auf, die eingeschiffte Kongolesen in ihrer «natürlichen Umgebung» zeigen sollten.

Es war der junge Brite Edmund Dene Morel, der schliesslich dafür sorgte, dass die Öffentlichkeit von den Gräueln im ­Kongo erfuhr. Als Angestellter der Reederei Elder Dempster stellte er fest, dass die Schiffe aus dem Kongo mit Kautschuk, Elfenbein und anderen Waren zurückkamen, während sie dorthin nur mit Waffen und Munition aufbrachen. Irgendetwas konnte hier nicht stimmen. Vom Freihandel zum gegenseitigen Nutzen, von dem Leopolds Propaganda sprach, konnte keine Rede sein.

«Die Statuen sind eine Beleidigung für alle seine Opfer»

Daraufhin startete Morel das, was als die erste internationale Menschenrechtskampagne bezeichnet werden kann. Er schrieb Zeitungsartikel und gab die schockierenden Berichte von Missionaren wie dem Amerikaner William Henry Sheppard wieder. Er setzte auf die neue Technologie der Fotografie, um die fürchterlichen Praktiken wie das Abhacken der Hände zu dokumentieren.

Ein Bild, das schon damals viel Beachtung fand, zeigt den Kongolesen Nsala, der auf die abgehackte Hand und den Fusss seiner fünfjährigen Tochter zeigt.

© Keystone (9. Juni 2020) Bild: Alice Seeley Harris

In der Folge stieg der internationale Druck, und Leopold musste den Kongo 1908 an den belgischen Staat abtreten. Von nun an gingen die Gewaltexzesse zurück, auch wenn das System der wirtschaftlichen Ausbeutung weiterlief.

Mit den Protesten um den Tod des US-Afroamerikaners George Floyd wird auch Belgien von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt. Eine Petition mit über 80 000 Unterschriften fordert die Demontage sämtlicher Leopold-II.-Denkmäler. Der 14-jährige Noah, der die Petition lanciert hat und dessen Eltern aus dem Kongo stammen, sagt:

Aufwühlend ist die Debatte für das ganze Land. Auch für Pierre Kroll. Er ist einer der bekanntesten Karikaturisten Belgiens und im Kongo geboren. Sein Vater war Plantagen­farmer, und die Familie musste den Kongo 1960 im Zuge der Unabhän­gigkeit verlassen. Er betont, dass er offen sei für die Forderung nach Abbau der ­Statuen.

Gleichwohl bedauert er, dass in der heutigen Gesellschaft nichts mehr komp­liziert sein dürfe. Stehenlassen oder ein­reissen, dazwischen gebe es nichts. Wie seine persönliche Beziehung sei auch die Beziehung von Belgien zum Kongo eine Art Band. Kroll:

Für ihn wäre es wichtiger, dass die belgischen Schulkinder endlich mehr über die Kolonialisierung erführen. Tatsächlich wird diese Zeit in belgischen Lehrplänen kaum behandelt. Wenn es nach Kroll ginge, könnte man auch einmal im Jahr die Leopold-Denkmäler mit Graffiti eindecken. Oder ihnen die Hände abhacken, wie es Leopold mit den Kongolesen getan habe. Kroll:

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1