Justiz

Wenn ein Pfirsich-Emoji ins Gefängnis führt

Ein Pfirsich-Emoji hat diverse Bedeutungen.

Ein Pfirsich-Emoji hat diverse Bedeutungen.

Ist ein Pfirsich-Symbol eine anzügliche Anspielung oder schon sexuelle Belästigung? Das ist immer öfter eine Frage für den Richter.

Im Jahr 2015 schickten die 29-jährigen Amerikaner David Fuentes und Matthew Cowan eine Facebook-Nachricht an einen Bekannten. Der Inhalt: drei Emojis. Ein Faust-, ein Zeigefinger- sowie ein Krankenwagen-Symbol. Die Botschaft: «Wir schlagen dich krankenhausreif!» Kurz darauf wurden die beiden Männer von der Polizei verhaftet und von einem Gericht wegen Stalkings zu einer Haftstrafe verurteilt.

Emojis befassen immer häufiger die Gerichte. So wurde 2016 ein Mann im französischen Pierrelatte von einem Gericht zu sechs Monaten Haft verurteilt, nachdem er seiner Ex-Freundin ein Pistolen-Emoji geschickt hatte. Die Richter werteten das Symbol als Drohung.

Der US-Rechtswissenschafter Eric Goldman hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass die Zahl der Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang Emojis ansteigt. Waren es 2014 noch fünf Fälle, die vor US-Gerichten verhandelt wurden, ist die Zahl 2018 auf 53 gestiegen.

Emojis gelten als neue Weltsprache: Jeden Tag werden auf der Welt sechs Milliarden Emojis verschickt. Dass sich darunter auch Justiziables findet, ist angesichts der Menge logisch. Das Problem ist nur, dass die Zeichen Richter vor Auslegungsprobleme stellen. Ist die Flasche mit knallendem Korken-Emoji eine Willenserklärung, mit der man einen Vertrag besiegelt (ein Gericht in Israel hatte diese Frage zu klären)?

Ist ein Lippenstift-Emoji eine sexuelle Belästigung? Das Pfirsich-Emoji ist in der Alltagssprache als weiblicher Po codiert und wird häufig beim Sexting, also beim verruchten Texten, verwendet. In jüngster Zeit wird es auch als Symbol für das Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident Donald Trump gebraucht, weil Pfirsich auf Englisch «peach» bedeutet.

Totenkopf-Emoji ist kein Symbol für den Tod

Die Richter sind mit ihren Verständnisschwierigkeiten nicht allein: Laut einer Studie sind 25 Prozent der Nutzer uneins, ob ein Emoji positiv oder negativ besetzt ist. Das hängt vom Einzelfall ab. So symbolisiert das Totenkopf-Emoji nicht den Tod, sondern eine fehlende Internetverbindung, die sich für Digital Natives wie der Tod anfühlt.

Zuständig für die Standardisierung der Zeichen ist das Unicode-Konsortium, ein Verein nach kalifornischem Recht, dem Tech-Konzerne wie Apple, Microsoft und Google angehören.

Ein weiteres Problem ist, dass Emojis bei Empfängern mit anderer Software unterschiedlich dargestellt werden können. Das Pfirsich-Emoji sieht bei LG zum Beispiel ganz anders aus als bei Facebook (nämlich weniger anzüglich). Plattformbetreiber wie Apple, Google oder Facebook haben bei der Implementierung des Codes in ihre Betriebssysteme Gestaltungsmöglichkeiten.

So könnten sie das Weinglas statt mit Rotwein auch mit Weisswein füllen. Das heisst: Ein Pistolen-Emoji, das im Facebook-Messenger oder auf einem LG-Gerät verschickt wird, sieht bei Apple, Google oder Microsoft ganz anders aus: Dort wird nämlich eine harmlose Wasserpistole angezeigt.

Die Tech-Giganten wollen die Nutzer damit sprachlich entwaffnen. Was gut gemeint ist, sorgt in der Rechtspraxis allerdings für Schwierigkeiten: Bleibt der Tatbestand der Drohung bestehen, wenn aus einem Revolver eine Wasserpistole wird?

Um zu verhindern, dass Plattformen eigene Symboliken entwickeln, schlägt Rechtswissenschafter Goldman vor, dass das Unicode-Konsortium klarere Vorgaben hinsichtlich der Ausgestaltung der Zeichen macht. Plattformbetreiber sollten zudem sanktioniert werden, wenn, wie im Fall des Wasserpistolen-Emojis, die eigentliche Bedeutung konterkariert würde. «Wir brauchen ein Emoji-Wörterbuch», fordert Goldman.

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