Leben

(Zu) viele Touristen: Diese Orte sind überfüllt, haben kapituliert oder sind ganz geschlossen für die Massen

Wandern in der Cinque Terre.

Wandern in der Cinque Terre.

Die Herbstferien sind zur beliebten Reisezeit der Schweizer avanciert: Viele wollen nochmals an die Sonne oder freuen sich auf eine Städtereise. Aber nicht nur am Strand oder in beliebten Metropolen, auch im Alpstein, an bekannten Orten in der Schweiz oder in der Welt muss man als Tourist oft in der Schlange stehen.

Der Oktober hat sich längst zum beliebten Reisemonat gemausert: Im Oktober 2018 sind über den Flughafen Zürich Kloten 2'904’250 Passagiere geflogen. Das entspricht einer Zunahme von 5,3 Prozent gegenüber dem Oktober 2017. Auch dieses Jahr werden die Zahlen trotz Protesten rund um den Klimaschutz weiter zulegen, wie Statistiken des Flughafens zeigen. Wer wegfliegt ist also in guter Gesellschaft und keineswegs alleine an den schönsten Orten dieser Welt. Aber auch in der Schweiz stehen sich Touristen an manchen Orten auf den Füssen.

«Ein Land, das alle besucht haben wollen»

Die Schweiz ist eine «Aspirational Destination», ein Land also, das alle irgendeinmal besucht haben wollen. Das sagt Christian Laesser, Professor für Tourismus an der HSG in der NZZ. «Wenn sich beispielsweise eine indische Grossfamilie darüber streitet, wohin man verreisen soll: Auf die Schweiz können sie sich wahrscheinlich einigen.»

Aber nicht nur Inder sind ein Zielpublikum im Schweizer Tourismus auch China ist ein wachsender Markt:

Idyllische Bilder posten

Hinzu kommen viele Influencer – viele von ihnen mit nur einem Ziel: Malerische Orte besuchen, Selfies vor der bekannten Kulisse posten und damit bei den Daheimgebliebenen Eindruck schinden. Kein Wunder, wollen dann auch jene hin, welche diese idyllischen Bilder gesehen haben. Das bleibt nicht ohne Folgen für viele Orte – auch in der Schweiz:

Touristen auf der Rigi.

Touristen auf der Rigi.

Die Besucherzahlen auf der Rigi – die Königin der Berge – sind zwischen 2009 bis 2018 von 553'000 auf 912'000 jährlich gestiegen.

Auch die Destination Jungfraujoch verzeichnet im Jahr 2018 einen Besucherrekord: Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Gäste um 2,4 Prozent. Im ersten Halbjahr 2019 zeigen die Zahlen ebenfalls nach oben: 470’900 Besucher reisten zum Jungfraujoch. Das sind 1 Prozent mehr als während derselben Periode im Vorjahr.

Bekanntestes Beispiel für einen durch Youtube ausgelösten Hype auf eine Schweizer Destination ist in jüngster Zeit wohl Lavertezzo im Valle Verzasca:

Ein Videoblogger stellte im Jahr 2017 ein gut ein Minuten langes Filmchen mit dem verheissungsvollen Titel «Die Malediven von Mailand» auf Facebook. Die Gratiswerbung, in der die «verrückte» Schönheit von Lavertezzo gepriesen wurde, sorgte für einen Touristen-Boom im Verzascatal, Verkehrschaos inklusive.

Viele wandern gern im Alpstein

© CH Media

Aber auch in der Ostschweiz stossen gewisse Destinationen an ihre Grenzen. Das Berggasthaus Aescher kann ein Liedchen davon singen, seit es als Titelfoto auf dem «National Geographic» mit dem Titel «Places of a Lifetime» zierte. Die Folgen dieser Ehre: Massen strömen täglich ins Berggasthaus unter der Ebenalp, das langjährige Pächterpaar wollte das nicht mehr mitmachen und kündigte.

Die Berühmtheit des «Aeschers» hat in den letzten Jahren auch auf den restlichen Alpstein abgefärbt: Am Seealpsee müssen Massnahmen getroffen werden, weil immer mehr Menschen die Schönheit dieser Gegend entdecken.

Deutsches Bodenseeufer als Touristenmagnet

Das deutsche Bodenseeufer wird von April bis Oktober überschwemmt von Touristen. Das 1300-Seelendorf Hagnau liegt dabei mit 100 Übernachtungen pro Einwohner an der Spitze, gefolgt von Meersburg (5000 Einwohner) mit 68,6 Übernachtungen pro Einwohner und Jahr.

Meersburg am Bodensee.

Meersburg am Bodensee.

Auch die 600-Einwohner-Gemeinde Immenstaad (53 Übernachtungen pro Einwohner), Lindau (25'000 Einwohner) mit 32 Übernachtungen pro Einwohner und Überlingen (22'000 Einwohner) mit 31 Übernachtungen pro Einwohner sind beliebte Feriendestinationen. Im Vergleich dazu: Kreuzlingen auf der Schweizer Seite verzeichnet mit 4,25 Übernachtungen pro Einwohner deutlich weniger Touristen. Wer an einem schönen Herbst- oder Sommertag also einen gemütlichen Tag in Meersburg erleben möchte, muss mit viel Gesellschaft rechnen.

105 Destinationen in Europa leiden an Overtourism

Responsible Travel hat zusammen mit Google eine «Overtourism Weltkarte» definiert. Auf dieser Karte sind 98 Ziele in 63 Ländern, die vom Massentourismus belastet sind. Die EU geht ihrerseits davon aus, dass 105 Destinationen allein in Europa unter Overtourism leiden.

Das Weltkulturerbe Cinque Terre in Ligurien/Italien beispielsweise ist schon seit Jahren ein gefragtes Wanderziel. Doch jetzt werden die fünf Dörfer vom Massentourismus förmlich überrollt: Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt die Kreuzfahrtschiffe, die vermehrt im nahen La Spezia vor Anker liegen, da Destinationen in Tunesien und der Türkei weggefallen sind. 2,5 Millionen Besucher strömten beispielsweise im Jahr 2015 in die bunten Dörfer, die malerisch an den Klippen kleben. Im Jahr 2020 soll als erste Massnahme ein Flipflop-Verbot auf den Wanderwegen eingeführt und mit hohen Bussen durchgesetzt werden.

Jeder will ein Selfie vor dieser Kulisse: Touristen in Riomaggiore in der Cinque Terre, Italien.

Jeder will ein Selfie vor dieser Kulisse: Touristen in Riomaggiore in der Cinque Terre, Italien.

Weitere bekannte Opfer des Kreuzfahrtbooms sind die Lagunenstadt Venedig und die griechische Insel Santorini. In Venedig sind Massnahmen gegen die schwimmenden Riesenhotels längst ein Politikum. In Santorini wurden im Jahr 2017 die Anzahl Kreuzfahrttouristen auf 8000 (!) pro Tag limitiert. Probleme sind vor allem die Wasserversorgung und generell die Infrastruktur auf der Insel.

Auch Grossstädte wie Rom, Barcelona, Athen oder Paris ächzen unter den Touristenströmen. Doch in den Metropolen können die Massen eher bewältigt werden, wie in mittelgrossen Städten wie Dubrovnik, das dieses Jahr bis Mitte Juli 20 Prozent mehr Touristen gezählt hat als noch im Vorjahr.

Tausende wollen auf den Uluru

Einen extremen Overtourism erlebt derzeit der Uluru oder früher Ayers Rock in Australien: Ab dem 29. Oktober ist es gesetzlich verboten, auf den 348 Meter hohen roten Sandsteinberg zu steigen. Deshalb strömen in diesen Tagen Tausende von Besuchern aus aller Welt in das rote Zentrum des Kontinents, um ein letztes Mal den Uluru zu besteigen.

Eine Topattraktion ist auch The Wave in Arizona. Den Touristenansturm hat man hier mit einer Kontigentierung in den Griff bekommen. Nur 20 Personen pro Tag erhalten eine Permit für den Besuch des «instagrammablen» Naturdenkmals.

Der Zugang zu The Wave in Arizona ist auf 20 Personen pro Tag beschränkt:

Der Zugang zu The Wave in Arizona ist auf 20 Personen pro Tag beschränkt:

Vorläufig ganz geschlossen für Touristen bleibt einer der bekanntesten Strände Thailands. Die «Maya Bay» in der Nähe der Insel Koh Phi Phi wurde durch den Film «The Beach» weltberühmt und zum Touristenmagneten. Dutzende Boote pro Tag haben die Korallenwelt vor diesem thailändischen Inselparadies zerstört.

Die «Maya Bay» auch bekannt als «the beach» aus dem gleichnamigen Film bleibt vorläufig für Touristen gesperrt.

Die «Maya Bay» auch bekannt als «the beach» aus dem gleichnamigen Film bleibt vorläufig für Touristen gesperrt.

Auch der Zugang zum Machu Picchu in Peru ist seit dem 1. Juni dieses Jahres beschränkt. Noch vor Kurzem besuchten täglich rund 6000 Menschen die Ruinenstadt auf zwei vorgegebenen Rundgängen. Die jahrhundertealten Steinoberflächen wurden dadurch belastet. In einer zweiwöchigen Testphase blieben den Touristen lediglich drei Stunden, um die Stätte zu besuchen. Die Behörden führten dann ab dem 1. Juni dauerhaft neue Regeln ein.

Die Inka-Stätte Machu Picchu ist begehrtes Fotomotiv. Jetzt wurde der Zugang eingeschränkt.

Die Inka-Stätte Machu Picchu ist begehrtes Fotomotiv. Jetzt wurde der Zugang eingeschränkt.

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