Rückblick

Neues Buch beleuchtet Geschichte der Schweizer Juden: Wie sie aus zwei Dörfern in die ganze Welt auswanderten

Synagoge Endingen im Jahre 2011: Für einen jüdischen Gottesdienst braucht es zehn Männer, sie finden nur noch gelegentlich statt.

Synagoge Endingen im Jahre 2011: Für einen jüdischen Gottesdienst braucht es zehn Männer, sie finden nur noch gelegentlich statt.

40 Autoren arbeiten die Geschichte des Schweizer Judentums in einem dicken Band auf. Die Wurzeln liegen im Aargau, im Surbtal, in den beiden Dörfern Lengnau und Endingen.

Herkunft – ein komplexer Begriff. Am auffälligsten vielleicht, dass er immer gleichzeitig zwei Bewegungen in sich enthält; etwas, das man verlassen und hinter sich lassen will, weil es beladen ist; und etwas, zu dem es einen hinzieht, weil es der Ort im Raum oder in der Zeit ist, «wo alles begann». Manchmal möchte man seine Herkunft vergessen machen und manchmal möchte man sich seiner Herkunft vergewissern.

Alle Religionen und Kulturen haben ihre spezielle Beziehung zu diesem Herkunftskomplex. Besonders aber das Judentum. Der alttestamentliche Gott wird nicht müde, zu versichern:

Mizrajim, das Land Ägypten, ist der Ort, wo die Israeliten «Fremde» waren, das wird immer wieder betont. Herkunft ist hier ausgesprochen nicht «Heimat», sondern gerade das Gegenteil. Es ist der Ort, von dem man aufbricht; im Alten Testament, um nach einer langen Reise durch die Wüste schliesslich im Gelobten Land anzukommen.

Die Schweiz war für die Juden nicht unbedingt ein Gelobtes Land. Die Eidgenossenschaft hatte den Juden die beiden Surbtaler Dörfer Endingen und Lengnau als Aufenthaltsort zugewiesen. So wurde der Aargau zur Herkunft der meisten jüdischen Familien. Viele wanderten im 19. Jahrhundert in alle Weltgegenden aus. Auch die vielleicht berühmteste jüdische Familie, die Guggenheim-Dynastie, stammt aus dem Aargau und wanderte in die USA aus.

Unsere Zeit hat ja eine Schwäche für Erinnerungsorte. Lengnau und Endingen seien das «Rütli der Schweizer Juden», die Metapher prägte der Lengnauer Publizist Roy Oppenheim.

Roy Oppenheim Schweizer Radio- und Fernsehmanager

Roy Oppenheim Schweizer Radio- und Fernsehmanager

Den geografischen Ursprungsort konnte er nicht gemeint haben, denn der ist in der helvetischen Rütli-Mythologie nicht vorhanden. Wahrscheinlich muss man eher in Kategorien der Ursprungsvergewisserung denken: dort, wo wir glauben, dass das, was unsere Identität ausmacht, begonnen hat.

Es hat einmal im Aargau begonnen

Der Menora-Ring aus Kaiseraugst stammt aus dem 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. Er befindet sich als Dauerleihgabe des Römermuseums Augusta Raurica im Jüdischen Museum der Schweiz in Basel.

Der Menora-Ring aus Kaiseraugst stammt aus dem 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. Er befindet sich als Dauerleihgabe des Römermuseums Augusta Raurica im Jüdischen Museum der Schweiz in Basel.

Wie auch immer man mit dieser komplex-komplizierten Geschichte umgeht, es ist unabwendbar, dass man die Geschichte der Schweizer Juden mit diesen Gemeinden im Surbtal verknüpft. Deshalb handeln in diesem grossen Werk auch viele Beiträge über und von dieser Gegend im Surbtal.

Den Kanton Aargau gibt es ja erst seit 1803, die jüdische Besiedlung ist älter. Und es dürfte auch an anderen Orten in der Eidgenossenschaft Juden gegeben haben, wenn auch vielleicht nicht viele. Martin Bürgin beleuchtet diesen Teil der Geschichte in seinem Beitrag. Man erfährt dort viel Neues und wird die Geschichte nicht mehr nur so erzählen, dass auf Geheiss der Eidgenossen die Schweizer Juden in Lengnau und Endingen zwangszugewiesen und gewissermassen ghettoisiert worden seien.

Was eher bleiben kann, ist die Aargauer Geschichte der Schweizer Juden. «Emanzipation» ist dafür manchmal ein eher beschönigender Begriff. «Wenn man im Wahne steht, die Schweiz mit ihren 25 kleinen Staatsbehörden sei das Eldorado der Freiheit, so würde man hiervon wohl am besten geheilt, wenn man die dortige Behandlung der Israeliten berücksichtigt.» Das schrieb die AZJ, die «Allgemeine Zeitung des Judentums», in der deutschen Ausgabe von 1837.

Bis die Juden in der Schweiz die gleichen Rechte hatten wie die restlichen Schweizer, ist eine lange, mühselige und für die Nachgeborenen manchmal peinliche Geschichte. Auch die Bundesverfassung von 1848 schuf noch keine Rechtsgleichheit. «Die Bundesverfassung von 1848 schuf bekanntlich keine Rechtsgleichheit. Artikel 41 schränkte die Niederlassungsfreiheit und Artikel 48 die Gleichheit im Gerichtsverfahren auf ‹Schweizer Bürger christlicher Konfession› ein. Es stand den Kantonen somit frei, Juden die Niederlassung zu gewähren oder zu verweigern. Auch die Glaubensfreiheit wurde nur den ‹anerkannten christlichen Konfessionen› konzediert.» Das schreibt Patrik Süess in seinem Beitrag.

Jüdischer Kulturraum im Aargau Hrsg. von Jacques Picard und Angela Bhend Verlag hier und jetzt Zürich 2020 160 farbige und schwarz-weisse Abbildungen. 560 S., Fr. 59.–.

Jüdischer Kulturraum im Aargau Hrsg. von Jacques Picard und Angela Bhend Verlag hier und jetzt Zürich 2020 160 farbige und schwarz-weisse Abbildungen. 560 S., Fr. 59.–.

Die jüdischen Gemeinden reagierten darauf mit «Betrübnis» und konnten nicht verstehen, «dass diese Ausschliessung uns wider alles Erwarten trifft, dass wir keinen Grund kennen, warum uns diese Zurücksetzung auch in der neu zu schaffenden Bundesverfassung die bessere Aussicht für die Zukunft unserer Jugend entziehen soll».

Es dauerte noch bis 1866, als man die Schweizer Juden gleichstellen musste, weil Frankreich durchgesetzt hatte, dass es keine Diskriminierung seiner jüdischen Bürger dulde. Die Schweiz wollte den Vertrag und lenkte ein. Die volle Religionsfreiheit erhielten die Schweizer Juden erst 1874 durch die Revision der Bundesverfassung. Wobei eigentlich den Juden das Recht auf ihren Kult nie abgesprochen wurde.

Die Geschichte der Schweizer Juden in Porträts

Das Buch widmet diesen Ereignissen berechtigterweise viel Raum, aber noch mehr beleuchtet es die Geschichte des Schweizer Judentums in Porträts. Es sind Leute, die man kennt, wie die Schweizer Bundesrätin Ruth Dreifuss oder Varlin alias Willy Guggenheim.

Ruth Dreifuss Alt-Bundesrätin

Ruth Dreifuss Alt-Bundesrätin

Als in bürgerlichen Stuben noch Bücherschränke standen, fehlten in keiner die vier Bände von «Alles in allem», diese grossartige Chronik von Kurt Guggenheim. Wer etwas älter ist, kennt noch Janos Tamas, eine prägende Figur für das Musikleben, einige werden ihn noch als Musiklehrer an der Kantonsschule Aarau erlebt haben.

«Ben Hur» werden zwar nicht alle gesehen haben, aber alle haben von diesem Film gehört. Ein Hollywoodschinken der grossartigsten Sorte. Charlton Heston spielte den Helden und sein Regisseur stammte aus Endingen: William Wyler. Es ist wohl nicht Wylers bestes Werk, «Little Foxes» (1941) mit der Hollywoodlegende Bette Davis bleibt da eher in Erinnerung. Karen Roth-Krauthammer, die Autorin des Wyler-Beitrags, legt den Wert auf die politische Seite von Wyler. Und im Buch ist natürlich auch das Foto ent­halten, wie Wyler im Restaurant Schützen einen Jass klopft.

William Wyler Schweizer Filmregisseur

William Wyler Schweizer Filmregisseur

Nicht fehlen darf «Melnitz», die berühmte Familiensaga von Charles Lewinsky. Man kann dort nachvoll­ziehen, wie sich die Schweizer Juden von Lengnau und Endingen aus in die Schweiz und in die Welt vortasteten. Zuerst nach Baden, dann nach Zürich und von dort in die ganze Welt.

Beim jüdischen Purim-Fest (eine Aufnahme aus Endingen von 1907) dürfen die Kinder Lärm machen.

Beim jüdischen Purim-Fest (eine Aufnahme aus Endingen von 1907) dürfen die Kinder Lärm machen.

Der jüdische Kulturweg und das Projekt «Doppeltür»

Während mehr als 200 Jahren waren Lengnau und Endingen die Zentren des jüdischen Lebens in der Schweiz. Roy Oppenheim schildert in einem Beitrag die Versuche, dieses einzigartige ­Kulturerbe – bisher nirgends öffentlich dokumentiert – zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auf dem Jüdischen Kulturweg lässt sich auf Tafeln und durch Führungen die Geschichte der Surbtaler Juden nachvollziehen. Das Projekt «Doppeltür» soll noch andere Zugänge bieten und die Lücke schliessen.

Roy Oppenheim stellt die Frage: «Sind wir heute so weit, das Judentum– religiös, kulturell, gesellschaftlich – als Teil unserer eigenen schweizerischen Kultur zu akzeptieren und die während Jahrhunderten bestehenden, verhängnisvollen Vorurteile abzu­legen?»

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