Kleinst-Unternehmerinnen

Neues Leben, handgemacht: Schweizer Mütter entdecken ein neues Business

Negar Marazzi hat es mit ihrem Label Coupure in die Hochglanzmagazine Vogue oder Harper’s Bazaar geschafft.

Negar Marazzi hat es mit ihrem Label Coupure in die Hochglanzmagazine Vogue oder Harper’s Bazaar geschafft.

Mit der Geburt ihrer Kinder entdecken Mütter die Handarbeit für sich. Ein eigenes Label ist schnell geschaffen, und die hohe Qualität der Produkte ist gefragt. Mit Online-Shops und über die sozialen Medien erfinden die Frauen die Heimarbeit neu.

Ein kalter März im Jahr 1943: Eine Frau arbeitet zu Hause, in einer bescheidenen Stube im Oberaargau. Seit sie acht Jahre alt ist, gleitet Wolle durch ihre Hände, ihre Stricknadeln klappern. Tag für Tag, sie kennt nichts anderes.

Ihre Lismete ist ein Batzen für den Haushalt, ihre Heimarbeit ein Zustupf zum kargen Einkommen ihres Mannes. 80 Rappen zahlt der Fabrikant für ein Paar Wollsocken. Was an Gotthelfs Zeiten erinnert, liegt noch nicht so lange zurück: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts strickten und stickten Hausfrauen und Mütter zu Hause. Im Akkord.

Jetzt ist die Heimarbeit wieder da. Seit einigen Jahren machen die heutigen Schweizer Mütter wieder Business mit Selbstgemachtem. Die Nachfrage nach schönem, lokalem Handwerk hält an. Aber das Problem mit der Rendite ist ungelöst.

Die Nähmaschinen rattern zwar erneut in den heimischen Stuben, doch einen Fabrikanten, der die Näharbeiten abholt, gibt es nicht mehr. Die Heimarbeit hat ihr ärmliches Gewand abgestreift; ihr Auftritt ist heute virtuell.

Es ist die Digitalisierung, die sie in einer neuen Form zurück- und eine ganze Generation von Frauen hervorbringt, die ihre Handarbeiten online vermarkten und verkaufen.

Viele sind Mütter, die nach der Geburt ihrer Kinder das Nähen, Stricken oder Basteln für sich entdeckt haben. Sie fertigen Kindermode, Accessoires oder Deko-Artikel an. Was altbacken klingt, kommt hip und selbstbewusst daher. Als Labels und in eigenen Web-Shops.

Neues Hobyy fürs neue Leben

Zum Beispiel Barblina Völlm. Sie hat ihr Label Eli-ju vor zwei Jahren gegründet. Wer sich durch ihre Kollektion klickt, käme nicht auf die Idee, dass sich die gelernte Coiffeuse erst nach der Geburt ihres Erstgeborenen hinter die Nähmaschine gesetzt hat. Aber warum? «Mit den Kindern verändert sich das Leben, der Alltag. Man geht nicht mehr viel aus, entdeckt aber neue Interessen.»

Bei ihr war es das Schneidern. Eine Leidenschaft, die rascher wuchs, als ihre Kinder die nächste Konfektionsgrösse erreichten. Also begann Völlm zu verschenken: Babystrampler, Overalls, Hosen, Röcke. Dabei hörte sie immer wieder die Frage, weshalb sie nicht verkaufe.

Nach der Geburt ihres Ältesten hat Barblina Völlm die Leidenschaft fürs Nähen entdeckt. Damit war der Grundstein für ihr Label Eli-ju gelegt.

Nach der Geburt ihres Ältesten hat Barblina Völlm die Leidenschaft fürs Nähen entdeckt. Damit war der Grundstein für ihr Label Eli-ju gelegt.

Das wurde auch Natalie Vogel gefragt. Während ihres zweiten Mutterschaftsurlaubs sei sie aufgekratzt, fast ruhelos gewesen. Auf Youtube entdeckte sie Videos, in denen das Nähen erklärt wird. Als sie diese durch hatte, suchte sie nach weiterführenden Blogs und Tutorials. Dabei war das Internet für sie nicht nur Lehrmeister, sondern wurde auch zum Absatzmarkt ihres Labels Eva-lou.

Vogel baute sich ihren eigenen Web-Shop. Dort verkauft sie nun seit drei Jahren handgemachte Babydecken, Wickeltaschen oder Wimpelketten. Ein Online-Shop mit Selbstgemachtem berge nur geringe finanzielle Risiken, sagt Vogel. «Ich wusste, ich habe dadurch nichts zu verlieren, ausser im schlimmsten Fall meine eigenen Arbeitsstunden.»

Endlich selbstbestimmt

Bei Ahu Sommer begann es mit Lederfinkli. Und dass sie zwei Monate vor Geburt des ersten Kindes krankgeschrieben wurde. «Ich musste mich beschäftigen», sagte die Mutter von heute drei Söhnen. Inzwischen fertigt sie mit ihrem Label A-so-ko Täschli für Laufräder an, Nuggibändeli, Windeltaschen oder Pixibücherhüllen. Auch sie hat sich im Internet schlaugemacht und die Anleitungen für sich angepasst. «Das ist etwas nur für mich, meine Insel neben den Kindern», sagt sie.

Diese Frauen haben eine erfüllende Arbeit gefunden mit viel Selbstbestimmung. «Das machen, was man wirklich will, und genau so, wie man es will», erklärt Simone Müller ihre Motivation. Sie hat mit einer Freundin während zweimal zwei Monaten einen Pop-up-Store mit Selbstproduziertem betrieben – zuerst in Lenzburg und dann in Zürich.

Ahu Sommer in ihrem Atelier in Oerlikon –mit dem jüngsten ihrer drei Söhne. Hier produziert sie zum Beispiel Lederfinkli unter dem Label A-so-ko.

Ahu Sommer in ihrem Atelier in Oerlikon –mit dem jüngsten ihrer drei Söhne. Hier produziert sie zum Beispiel Lederfinkli unter dem Label A-so-ko.

«Mein Label ist mein drittes Baby», sagt Natalie Vogel. «Ich kann mich damit verwirklichen, bin mein eigener Chef und kann sämtliche Abläufe selber durchführen.» Das Nähen sei ein Ort der Entspannung für sie. Aber davon leben? «Im Moment nicht», sagt Vogel. «Es schaut zwar etwas raus, aber es reicht nicht.» Ahu Sommer sagt zur Rentabilitätsfrage: «Nicht direkt. Zuerst war es ja nur ein Hobby, da denkt man nicht an den Profit.»

Wer sich auf Schweizer Spielplätzen die Mode anschaut, merkt sofort: Das Selbstgemachte wird breit getragen. Diese Kinderkleider heben sich von der Konfektionsmode ab –  nicht etwa, weil sie weniger professionell aussehen, sondern gerade durch ihre Qualität und Originalität. Im Vergleich mit der Massenware werden diese Produkte für gutes Geld verkauft.

Ein Esslatz für 30 Franken, eine gehäkelte Babyrassel für 40 Franken, Lederfinkli oder ein Pulli für mindestens 50 Franken. Die Kunden sind bereit, das zu bezahlen, obwohl die Kinder schnell rauswachsen. Weil Swiss made, weil für Kinder und weil die Dinge oft als Geschenke gekauft werden.

Sogar wenns noch teurer ist, finden sich Käuferinnen und Käufer: In den Design-Boutiquen, die überall aus dem Boden geschossen sind. Die Boutiquen verlangen von den Herstellerinnen eine Marge von 40 bis 70 Prozent.

Selber einen Laden zu eröffnen, ist für die Heimwerkerinnen ebenfalls nicht attraktiv. Maura Stocker, Initiantin der Organisation «Networking Mom», weiss: «Nicht nur die Fixkosten steigen durch eine Boutique erheblich, auch geht die gewonnene Flexibilität einer Selbstständigkeit wieder verloren.» Im Webshop stünden die Türen hingegen ohne Präsenzzeit 24 Stunden lang offen.

Doch auch das reicht oft nicht: Die Arbeit der heutigen Heimwerkerinnen ist kein Zustupf zum Haushaltsbudget mehr. Um Geld zu verdienen, verkaufen sie in ihren Web-Shops Artikel, mitunter aus dem Ausland, oder gehen einem Brotjob nach. Andere können ihren Traum ausleben, weil der Mann genug verdient.

Denn Handarbeit aus der Schweiz ist kaum wettbewerbsfähig. Zu gross ist die Konkurrenz aus dem Ausland. Extrem zeigt sich das an gehäkelten Tier-Rasseln. «Zwar ist das Material dazu günstig, aber der Zeitaufwand steht in keinem Verhältnis mit dem Ertrag», sagt Ahu Sommer.

Übersättigter Markt

Die meisten Produzentinnen nehmen das hin. Ärgern tun die zu tiefen Preise die Profis. Sabine Doppler, Gestalterin aus Baden, sagt: «Für Professionelle rentiert Handarbeit deshalb nur, wenn sie ganz spezielle Produkte entwerfen. Für mich hat sich das eigene Atelier gelohnt, da ich dort meine Kreationen direkt verkaufen konnte, weil ich sehr schnell bin beim Nähen und mir für höchste Effizienz eine richtige Produktionsstrasse einrichtete.»

So konnte sie ihren Teil zum Haushaltsbudget beitragen. Heute jedoch hat sie umgesattelt und arbeitet als Primarlehrerin. Auch Simone Müller, gelernte Textildesignerin, konnte es sich nicht leisten, den Pop-up-Store mehr als zweimal zwei Monate zu betreiben. «Ich habe zwar noch immer viele Ideen, aber der Markt ist übersättigt.» Sie ist heute fest angestellt als Requisiteurin.

Eine rentable Marktlücke zu finden, ist sehr schwierig. Geschafft hat das Negar Marazzi mit ihrem Label Coupure. Die zweifache Mutter fertigt Scherenschnitt-Bilder und Geburtsanzeigen an und sagt: «Würde ich in einem 100-Prozent-Pensum arbeiten, könnte ich davon leben.» Für Marazzi war die Selbstständigkeit der Weg, um in der Schweiz überhaupt beruflich Fuss fassen zu können.

Die gebürtige Iranerin lebte und arbeitete zuvor in den USA und in Frankreich; als strategische Beraterin im Bereich der Telekommunikation. Als sie mit ihrem Mann nach Zürich zog, stellte sie rasch fest: Ohne Deutschkenntnisse stellt sie niemand ein. «Also musste ich mit einer eigenen Idee Kunden zu mir bringen.»

Diese fand sie in einer traditionellen Schweizer Handarbeit, den Scherenschnitten. Neben ihrem Online-Shop hat sie inzwischen zusätzlich einen Atelier-Shop in Zürich. Es falle ihr einfacher, dort zu arbeiten, sagt die frühere Heimwerkerin: «Es tut ganz gut, von zu Hause wegzukommen.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1