Reisen
Plitsch, platsch, hinein ins Weltnaturerbe!

Die ostfriesische Insel Norderney gilt als Ferienort für ältere Leute, die sich etwas gönnen. Jetzt verjüngt die norddeutsche Insel ihr Image und lockt mit dem Wattenmeer, mit den Heilkräften des Meeres und einem breiten Bewegungs- und Entspannungs-Angebot.

Walter Brunner
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Reisen auf der Insel Norderney
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Das Restaurant Marienhöhe liegt elf Meter über Meer – auf der flachen Insel gilt dies bereits als Aussichtspunkt.
Geschützte Urlaubslethargie: In den Strandkörben gibt es eine Pause vom pfeifenden Wind. Der gehört zur norddeutschen Insel wie die riesigen Sandflächen.

Reisen auf der Insel Norderney

Walter Brunner

Bei jedem Schritt platscht, schmatzt und spritzt es. Die nackten Füsse versinken rasch in der braun-schwarzen Mischung aus Sand und Schlick. Wenn man einen Fuss wieder herauszieht, rülpst und furzt es, und nicht nur die Kinder lachen. Was da bei jedem Schritt schleimig zwischen den Zehen hochquillt und sich unter den Nägeln festsetzt, ist nicht schnöder Dreck, sondern Unesco-Weltnaturerbe: das Wattenmeer. Zieht sich das Wasser bei Ebbe zurück, wird das Watt um Norderney sichtbar. Plötzlich liegt die kleine ostfriesische Insel etwas verloren auf einer unendlichen Sandfläche. Das Watt ist so flach, dass es früher zu Fuss und mit Kutschen überquert wurde. Es darf nur unter kundiger Führung betreten werden.

Berit Finkennest leitet unsere Tour ins Watt. Die Vogelkennerin hat einen Spaten dabei, um Muscheln, Wattwürmer oder kleine Schnecken auszugraben, die sich hier tummeln. Das Watt ist voller Leben, und es ist ein irritierendes Gefühl, bei jedem Schritt auf lebende Tiere zu treten. Sie werden dadurch in den weichen Grund gedrückt. Weniger Glück haben sie bei den Zugvögeln, die hier in riesigen Schwärmen einfallen und für ihren langen Flug Energie tanken. Einige von ihnen, beispielsweise der Knutt, verdoppeln bei ihrem Aufenthalt ihr Körpergewicht, sagt Berit Finkennest. Von März bis Mai sowie im September und Oktober sind auf Norderney besonders viele Zugvögel unterwegs.

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Das Wrack

Wenn man sich Norderney mit der Fähre nähert, ist die flache Insel kaum zu sehen. Sie wagt sich nur wenige Meter aus dem Meer heraus. Der höchste Punkt ist eine 24,4 Meter hohe Sanddüne – sie ist die höchste Stelle von ganz Ostfriesland. Man nimmt den Bergemangel mit Humor: Das Restaurant Marienhöhe liegt 11 Meter über Meer; das Haus gleich daneben, ein paar Schritte tiefer, nennt sich Mariental. Norderney ist 14 Kilometer lang und bis zu 21⁄2 Kilometer breit. Das Klima ist mild, es gibt weder Schwüle noch Frost.

Das Wetter kann rasch wechseln, nur der Wind bleibt: Eine gut schliessende Wind-und-Regen-Jacke ist Pflicht. Regenschirme leben nicht lange und landen im Abfall. Am Westende der Insel liegt das Städtchen Norderney, der Rest der Insel besteht aus einer Nutzzone und einem Naturschutzgebiet, das nur auf den markierten Wegen betreten werden darf. Es ist landschaftlich schön, man sieht Verursacher und Folgen der Hasenplage, Fasane und vielleicht Damwild, das bei Ebbe zugewandert ist. Am Ostzipfel der Insel belohnen Seehunde und ein Schiffswrack die Wanderer. Allerdings darf man die Seehunde nur aus der Ferne betrachten.

Reiseinformationen

Anreise Mit der Bahn nach Norddeich Mole, dann mit der Fähre nach Norderney. Mit dem Auto geht es auch, doch gelten auf der Insel viele Verbote. Bei der Ankunft erhält man die Norderney-Card, die bei der Abreise kontrolliert wird. Es empfiehlt sich, die Gebühr für die Card (Kurtaxe) sofort zu bezahlen und die Karte immer bei sich zu haben. Sie ermöglicht Vergünstigungen und Gratiseintritte.

Schlafen Die Übernachtung kostet für zwei Personen pro Woche zwischen 360 und 3890 Euro. Wer früh bucht, zahlt weniger. Auch bei der Verpflegung ist die Preisspanne gross. Die meisten Inselgäste mieten eine Wohnung und kochen selber.

Sport Die 26 km Velowege sind auch geeignet für Rollstühle und Rollatoren. Empfehlenswert ist ein Besuch im Badehaus (9 bis 27 Euro) und in den Museen Watt-Welten, Bademuseum und Fischerhaus.
www.norderney.de

Der Wind

Der Wind weht immer, und immer kraftvoll. Wer sich nichts ahnend am Weststrand auf ein Bänklein setzt, fühlt sich wie auf einem Moped – ohne Helm. Das ist wunderbar für Segler und Windsurfer und ideal, um Drachen steigen zu lassen. Doch Vorsicht, der Wind könnte auch einen Hund oder einen Kinderwagen hochheben. Velofahrer profitieren vom Rückenwind, wenn sie vom Städtchen aus nach Osten in die Dünen fahren. Auf dem Rückweg haben sie allerdings zuverlässig Gegenwind.

Die Museen

Treiben es Wind und Wetter gar zu bunt, lohnt sich ein Museumsbesuch. «Watt-Welten» steht beim Fährhafen und informiert spielerisch und spannend über das Wattenmeer. In Aquarien sind jene Wattbewohner zu sehen, die sich bei Ebbe nicht blicken lassen. Es gibt sogar ein Streichel-Aquarium, wo man Krabben anfassen kann. Das Museum wirkt wie ein Spielplatz: Man kann Sanddünen wachsen lassen, Fische erkennen oder einen Ventilator drehen, um etwas über den Wirkungsgrad von Windgeneratoren zu lernen.

Ein weiteres Museum ist dem Bade-Tourismus gewidmet, der sich auf Norderney entwickelte. Manche alte Baderegel reizt heute zum Lächeln, zum Beispiel die damaligen Kleidervorschriften und die strikte Trennung von Frauen und Männern. Wie Norderney zur Nazizeit mit den Juden umgegangen ist, wird hier nicht verschwiegen.

Das Meer

Um 1750 entdeckte ein englischer Arzt die heilende Kraft des Meeres. Kaum 50 Jahre später war Norderney ein Kurbad. Seit 2014 gehört die Insel zur ersten zertifizierten Thalasso-Region Europas. Thalasso heisst: Man behandelt Krankheiten mit Meerwasser, Sonne, Schlick und Meeresluft ohne Pollen und Feinstaub. Das kann am Strand geschehen oder im Badehaus, eine Art Super-Hallenbad mit Meerwasser. Hier gibt es Bäder von kalt bis heiss, Saunas, ein Familienbecken mit vielen Spielmöglichkeiten, abgetrennte Nischen mit Sitzbädern und vieles mehr. Da kann man sich seine ganz persönliche vergnügliche Thalasso-Therapie zusammenstellen.

Norderneys Thalasso-Experte Friedhart Raschke erforscht die Wirkung des Meeres seit Jahrzehnten – vom Wind, der die Durchblutung fördert, bis zur Sonnenstrahlung, die am Meer messbar stärker ist als an Land. Er betont die Doppelwirkung von Thalasso durch Aktivität und Entspannung. Raschke sagt: «Entschleunigung und Spiritualität wird immer mehr gefragt.» Thalasso als Therapie gegen Depression und Burnout, gegen Asthma und Hautkrankheiten: Laut Raschke hat jeder fünfte Badegast ein Arztrezept. Neu stehen auf einigen Dünen Plattformen, auf denen drehbare Körbe montiert sind. Man setzt sich in einen Korb, dreht sich auf die angenehmste Seite und entspannt sich.

Thalasso ist im Prinzip alles, was man nicht mehr als 300 Meter vom Meer entfernt macht, und wenn man nur am Strand in der Nase bohrt. Partyfreunde dürfte es enttäuschen, dass trinken und rauchen auf der Promenade ausgenommen sind. Doch mit nackten Füssen durch das Watt wandern – mehr Thalasso geht nicht.