Kolumne
Beziehungen: Gehen Sie vor Ihrem Partner aufs WC?

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Warum es nicht der Anfang vom Beziehungsende ist, wenn sie voreinander pinkeln.

Maria Brehmer
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«Bei vielen Paaren verschwindet mit der Verliebtheit auch die Neugier.»

«Bei vielen Paaren verschwindet mit der Verliebtheit auch die Neugier.»

Sandra Ardizzone

Wetten, dass in jedem modernen Film, im dem die Geschichte einer unglücklichen Beziehung thematisiert wird, die Partner voreinander pinkeln?

Das Bad scheint eine beliebte Bühne zu sein, wenn es darum geht, die Abgründe von Paaren besonders plastisch darzustellen.

WC-Filmszenen spielen sich meist so ab: Sie oder er putzt sich die Zähne vor dem Spiegel oder benutzt Zahnseide, der Partner oder die Partnerin sitzt währenddessen auf dem Klo. Sie sprechen gelangweilt über Belangloses, manchmal auch gelangweilt über Entscheidendes.

So oder so: Die beiden schauen ziemlich abgelöscht drein. Fünfzehn bis dreissig Filmminuten später sind sie getrennt, jemand ist fremdgegangen oder will sich selbst verwirklichen, braucht «was Neues». Kommen die beiden wieder zusammen, dann nur, wenn einer von beiden etwas getan hat, das ihn oder sie wieder interessant gemacht hat für den anderen. Ist besonders mutig oder grosszügig gewesen oder so.

Bloss nicht zu vertraut!

Die trügerische Moral solcher Geschichten: Geht nie voreinander aufs WC, wenn eure Beziehung halten soll. Seid euch bloss nicht zu vertraut, sonst sucht sich einer was Spannenderes.

So wird’s in Filmen erzählt, so stehts in Ratgebern, und: So haben wir es vielleicht auch schon selbst erlebt. Ich jedenfalls hatte nach Monaten oder Jahren der Beziehung meine Scham jeweils abgelegt und scheute mich kaum mehr, vor meinem Freund zu pinkeln.

Als meine Langzeitbeziehungen in die Brüche gingen, konnte dann nur eins schuld gewesen sein: Wir waren zu nah gewesen, wir waren unsexy füreinander geworden. Wir hatten es verpasst, attraktiv zu bleiben für den anderen. Von wegen Vertrauen ist gut für die Beziehung. Jedenfalls nicht, wenn sie zur schamlosen Vertrautheit wird.

Merkmale der Verliebtheit beibehalten

Kürzlich las ich in einem guten Roman über eine gute Beziehung – also eine, in der beide laut Beschreibungen die meiste Zeit glücklich waren. Ich musste Passagen mehrfach lesen, um den Details des Paares Glücks auf die Schliche zu kommen.

Offensichtlich war, dass sie sich gut verstanden, dass sie vertraut miteinander waren. Was sich erst bei der aufmerksamen Lektüre offenbarte: Sie liessen einander an ihren Leben teilhaben, und das konsequent.

Sie antworteten auf die Frage, wie der Tag gewesen sei, nicht mit «gut», sondern erzählten. Sie erzählten Anekdoten aus ihrer Kindheit, sie offenbarten Gefühle, sie hakten nach, wenn jemand einsilbig war. Sie fragten, sie redeten – und sie verbrachten gemeinsam Zeit im Bad.

Ob sie voreinander pinkelten oder nicht, war nicht entscheidend. Entscheidend war, dass sie über die Verliebtheitsphase hinaus Merkmale der Verliebtheit beibehielten. Und dazu gehörte nicht, sich vor dem anderen für irgendwas zu schämen.

Bleiben Sie neugierig!

Zu Beginn einer Beziehung wollen wir alles voneinander wissen. Bei vielen Paaren verschwindet mit der Verliebtheit auch die Neugier. Vertrautheit stellt sich ein, wenn man sich lange nahe ist, sie ist ein Merkmal gesunder Beziehungen. Unsere Neugier füreinander müssen wir pflegen. Vielleicht geht das ja sogar im Bad?

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