Papierenes Erbe
Remo Largos Schatz: Der Kinderarzt hinterlässt eine Million Blätter – das bringt seine Nachfolger unter Druck

Die Daten, die Remo Largo über Jahrzehnte gesammelt hat, sind für die Wissenschafter von unschätzbarem Wert. Doch Largos Nachfolger haben ein Problem: Bis 2023 muss alles Papier weg sein.

Niklaus Salzmann
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Niklaus Salzmann

Der Dachstock an der Attenhoferstrasse 43 in Zürich ist voll. Randvoll. Bis zuhinterst, bis zuoberst ziehen sich die Holzregale, darauf ein Stapel Papier neben dem anderen, die einen verschnürt, die anderen offen. An einigen sind mit Büroklammern Post-it-Zettel befestigt, die für Aussenstehende kaum Klarheit schaffen: «Fragebogen 321, 758–823 nicht eingegeben» steht da zum Beispiel, und jemand hat offensichtlich in Nachhinein in anderer Farbe noch die Zahlen 1001 und 1002 dazu geschrieben. Auf einem anderen Zettel: «eingegeben(?)».

Bei den meisten Blättern handelt es sich um maschinengeschriebene Fragebogen, von Hand ausgefüllt, zum Teil mit einem Stempel gekennzeichnet: «gelocht». Doch da guckt auch mal ein handgeschriebener Brief oder ein Fussabdruck auf einem Papier hervor. Sogar im engen Gang zwischen den Regalen am Boden liegen noch einige Stapel.

Ein Teil der Daten, die Remo Largo gesammelt hat, lagert in einem Estrich an der Attenhoferstrasse in Zürich.
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Die Beschriftung mit gelben Zetteln stammt noch aus Largos Zeiten.
Oskar Jenni hat die Abteilung Entwicklungspädiatrie des Universitäts-Kinderspitals Zürich - und damit auch den Datenberg - im Jahr 2005 von Remo Largo übernommen.
Was von Hand ausgefüllt wurde, soll nun maschinell eingelesen werden.
Dass ein Teil der Daten einst auf Lochkarten übertragen wurde, hilft heute nicht weiter.
Aus den gesammelten Daten entstanden unter anderem die Kurven, die das typische Wachstum eines Kindes aufzeigen.
Sogar die Fussabdrücke wurden von den Teilnehmenden der Studien genommen.

Ein Teil der Daten, die Remo Largo gesammelt hat, lagert in einem Estrich an der Attenhoferstrasse in Zürich.

Severin Bigler

Der Mann, der das Material hinterlassen hat, ist vor 15 Jahren pensioniert worden und im November gestorben: Remo Largo. Eltern kennen ihn als Autor des Dauerbestsellers «Babyjahre». In der Wissenschaft ist er durch die Daten, die hier im Dachstock lagern, bekannt geworden. Es sind Beobachtungen zur kindlichen Entwicklung. Körpergrösse, sprachliche Fähigkeiten, Grobmotorik, was ein Kind isst und wie viel es fremdbetreut wird, das und vieles mehr hat er über Jahrzehnte hinweg von Hunderten Kindern von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr erfasst. Um solche Daten, in Form von Blättern mit Zahlencodes, handelt es sich bei den Papierstapeln grösstenteils.

Die weltweit einzige Studie dieser Art

Wie ein sauberes wissenschaftliches Archiv wirkt der Estrich der Abteilung Entwicklungspädiatrie des Universitätskinderspitals Zürich an der Attenhoferstrasse nicht. Ist das Material jetzt, nach dem Ableben Remo Largos, nur noch ein Haufen Altpapier? Keineswegs. Oskar Jenni, der 2005 die Nachfolge von Remo Largo antrat und die Abteilung nun gemeinsam mit Bea Latal leitet, sagt:

Es ist ein Schatz, den wir bergen können.

Es sei weltweit die einzige Studie, in der die Entwicklung eines Menschen von der Geburt bis ins Pensionsalter verfolgt werden könne, sagt er im Videointerview:

Was hier lagert, ist nur ein Bruchteil des Materials. An einem anderen Standort gibt es nochmals dreissig Paletten voll. Rund eine Million Blätter sind es insgesamt. Zum Teil gehen die Fragebogen sogar noch auf die Zeit vor Remo Largo zurück: Im Jahr 1954 begannen die sogenannten Zürcher Longitudinalstudien. Dabei wurden Kinder von der Geburt bis zum frühen Erwachsenenalter rund 25 Mal ausgemessen, befragt, beobachtet.

Largo hat in den Siebzigern die Studien weitergeführt und auch Kinder der ersten Probandinnen und Probanden aufgenommen. Als er in Pension ging, waren die Entwicklungsdaten von rund tausend Kindern erfasst. Nun sind die ersten Teilnehmenden im Pensionsalter – und werden von Jennis Team zu neuen Untersuchungen eingeladen. Die grosse Frage, auf die Jenni Antworten sucht: Welche Faktoren in der Kindheit beeinflussen, wie gesund ein Mensch physisch und psychisch im Erwachsenenalter ist?

65 Jahre alte Röntgenbilder werden nun ausgewertet

Mit modernen Methoden lässt sich aus den alten Daten einiges herauslesen, an das die Forschenden damals noch gar nicht gedacht hatten. Zum Beispiel wurden in den Fünfzigern die Hände der Kinder geröntgt. Daraus lässt sich heute ableiten, wie gross die Knochendichte war. Jenni untersucht die Knochendichte nun bei denselben Menschen im Alter von 65. Ist vielleicht in der Kindheit schon absehbar, wer später zu Osteoporose neigt?

Remo Largo

Remo Largo

Corinne Glanzmann

«Dass die Zürcher Studie im Unterschied zu ausländischen über so lange Zeit weitergeführt wurde, ist zu einem grossen Teil Remo Largos Verdienst», sagt Jenni. Doch Largos Nachfolger haben ein Problem: Bis 2023 muss alles Papier weg sein. Dann müssen Jenni und Latal das ehrwürdige Wohnhaus mit dem überfüllten Estrich aufgeben, das gesamte Kinderspital zieht in ein neues Gebäude, das derzeit nach den Entwürfen der Stararchitekten Herzog & de Meuron gebaut wird.

Unter Zeitdruck müssen deshalb nun alle Daten, die Remo Largo und dessen Vorgänger gesammelt haben, digitalisiert werden. Einiges – gekennzeichnet mit dem Stempel «gelocht» – wurde zwar einst auf Lochkarten übertragen, doch die liessen sich nicht effizient auf zeitgemässe Datenträger transferieren; die Fragebogen müssen erneut erfasst werden. Nur ein kleiner Teil wurde unter Largo bereits so in einer Datenbank eingegeben, dass Jenni damit arbeiten kann.

Derzeit sind Archivspezialisten daran, alles einzuscannen. Doch das ist nur der erste Schritt. Danach muss alles, was in die Fragebogen von Hand eingetragen wurde, aus den Scans maschinell gelesen und in eine Datenbank eingetragen werden. Da kommen moderne Technologien, die Jennis Vorgänger noch nicht zur Verfügung standen, wie gerufen. Selbst die Röntgenbilder sollen automatisch ausgewertet werden – ein dänisches Team hat einen Algorithmus entwickelt, der daraus selbstständig das biologische Alter eines Kindes bestimmt.

Doch da wären noch die Schachteln voller Videobänder, die bei Oskar Jenni im Büro stehen. Was er damit macht, weiss er selber noch nicht. Er sagt:

Die Studien sind zuweilen überfordernd.

Das Datenmaterial ist schier unerschöpflich, über drei Generationen von Forschenden sind daraus rund dreihundert Publikationen hervorgegangen, und ein Ende ist nicht absehbar. Jenni möchte die in den Fünfzigern geborenen Teilnehmenden nicht nur jetzt untersuchen, sondern erneut, wenn sie 70 und wenn sie 75 Jahre alt sind.

Gut möglich, dass dabei die eine oder andere Überraschung herauskommt. «Bislang wird sehr viel Augenmerk auf die frühe Kindheit gelegt», sagt Jenni. «Ich kann mir aber gut vorstellen, dass andere Übergangsphasen wie die Pubertät ebenso bedeutend sind für die langfristige Entwicklung eines Menschen.»

Die Studien könne man noch zwanzig, dreissig Jahre weiterführen, sagt er. Nach seiner eigenen Pensionierung, da ist der 53-jährige Oskar Jenni überzeugt, werde eine vierte Generation von Forschenden sich mit diesen Daten befassen.