Rohstoffe
Goldgräber in der Tiefsee: Wo kein Mensch hingeht, heben Maschinen die Schätze

Künftig wird wohl weniger Öl aus dem Meer gepumpt. Still wird es auf dem Meeresgrund nicht: Das Wettschürfen um Rohstoffe geht los. Die Maschinen dafür stehen bereit.

Niklaus Salzmann
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Die Maschinen, um den Meeresboden bei Papua-Neuguinea aufzubrechen, stehen bereit.

Die Maschinen, um den Meeresboden bei Papua-Neuguinea aufzubrechen, stehen bereit.

Bild: Nautilus Minerals

Tiefer und tiefer dringen wir Menschen in die Meere ein, um Erdöl und Erdgas zu finden. Im vergangenen Jahr kündigte das französische Unternehmen Total einen neuen Rekord an: In 3628 Meter Tiefe will es im Atlantik vor Angola eine Bohrung machen lassen. Das entspricht einer Distanz vom Grund des Thunersees bis zur Spitze des Eigers. Dort unten am Meeresgrund herrscht ein Druck, als wären auf jeden Quadratmeter hundert Lastwagen gestapelt. Offenbar lohnt es sich noch immer, mit riesigem Aufwand nach fossilen Brennstoffen zu suchen.

Doch selbst wenn der Kampf gegen den Klimawandel einst die Erdölgewinnung im Meer unrentabel machen sollte: Es rücken andere Rohstoffe im Meeresboden in den Fokus. Immer mehr Fahrzeuge haben bekanntlich statt eines Benzintanks eine grosse Batterie. Um diese Batterien herzustellen, braucht es Metalle wie Kupfer, Nickel, Kobalt und Mangan. Alles Metalle, die im Meeresgrund zu finden sind.

Noch ist die Tiefsee ausserhalb der Ölvorkommen weitgehend unberührt. Doch die ersten Maschinen stehen bereit. Es sind Raupenfahrzeuge, an denen vorne grosse Rollen mit gefürchigen Zähnen befestigt sind, die sich in den Meeresgrund fressen sollen. Drei unterschiedliche Untersee-Abbaufahrzeuge sind auf der Website der «Deep Sea Mining Finance» zu sehen. Sie sollen in den Gewässern um Papua-Neuguinea in gut 1500 Meter Tiefe nach kupfer- und goldhaltigen Erzen graben. Ja, auch Edelmetalle stecken im Meeresboden – neben Gold auch Silber und sogar Platin.

Ferngesteuerte Prototypen sollen die Arbeit verrichten

Da der Abbau in der Tiefsee ein ganz neues Feld ist, müssen viele Gerätschaften eigens entwickelt werden. Und sie müssen alle ferngesteuert funktionieren, in diese Gefilde werden keine Menschen entsendet. Mit dem Abbrechen der Gesteine ist es nicht getan. Sie müssen eingesammelt werden, zum Beispiel mit einem staubsaugerartigen Gerät, und an die Wasseroberfläche gepumpt werden. Dort stellt sich die Herausforderung, das Material – angestrebt wird mehr als eine Million Tonnen pro Jahr – an Bord eines Schiffes zu bringen. Das Gefährt, das diese Aufgabe erfüllen soll, ist laut Angaben des Unternehmens fast fertig.

Der Beginn des kommerziellen Abbaus in den Gewässern von Papua-Neuguinea hat sich immer wieder verzögert. Die kanadische Firma Nautilus Minerals, die das Gebiet erkundet hatte, ist 2019 pleitegegangen. Übernommen hat die «Deep Sea Mining Finance Ltd.», hinter welcher der russische Oligarch Alischer Usmanow sowie eine Holdinggesellschaft aus Oman stehen.

Jeder will mitmachen - am liebsten in den eigenen Gewässern

Aber auch staatliche Unternehmen zeigen Interesse, die Unterwasser-Goldgruben anzuzapfen. Japan ist auf grosse Vorkommen an Seltenen Erden gestossen, die für den Bau elektronischer Geräte benötigt werden. Ein wirtschaftlicher Abbau in naher Zukunft sei wahrscheinlich. Und Norwegen hat im Januar bekannt gegeben, neben Öl und Gas künftig auch Mineralien aus seinen Gewässern holen zu wollen. Millionen von Tonnen Kupfer und Zink sollen dort im Meeresboden lagern. Erste Lizenzen könnten schon 2023 ausgestellt werden.

Doch bei all den wirtschaftlichen Interessen ist da noch eine grosse Frage offen: Wie wirkt sich das Ganze auf die Natur aus?

Schwer zu sagen. Diese Zonen sind so mühsam zugänglich, dass sie von Biologinnen und Biologen erst wenig erforscht wurden. Eines lässt sich aber bereits sagen: Ausgerechnet dort, wo der Meeresboden reich an Rohstoffen ist, fühlen sich auch viele Tiere wohl.

Schwämme und Korallen erholen sich kaum

Beim Abbaugebiet um Papua-Neuguinea handelt es sich um sogenannte Massivsulfide. Diese finden sich in Zonen, wo Kontinentalplatten auseinanderdriften. Dort ist die vulkanische Aktivität hoch und es gelangt Wasser aus heissen Quellen ins Meer. Dank der chemischen Verbindungen dieser Quellen können Bakterien gedeihen, von denen sich wiederum Tiere ernähren. Viele Organismen der Tiefsee, etwa Schwämme und Korallen, wachsen aber extrem langsam und haben nur wenige Nachkommen. Das macht es für die Bestände schwierig, sich nach einem Eingriff zu erholen, wie im «World Ocean Review» von 2014 festgehalten ist.

Nebst den Massivsulfiden sind auch Manganknollen kommerziell interessant: unscheinbare Gesteinsklumpen, die eine Reihe von Rohstoffen enthalten, die in der Elektronik- und Elektrofahrzeugindustrie gefragt sind. Sie sind von der Grösse zwischen einer Kartoffel und einem Salatkopf und liegen lose auf dem Boden im Indischen Ozean und im Pazifik. Mit Geräten ähnlich einer Kartoffelerntemaschine können sie eingesammelt werden.

Die Lizenzen zur Erkundung der Vorkommen werden erteilt von der Internationalen Meeresbodenbehörde, der 167 Staaten und die EU angehören. Dreissig Erkundungslizenzen wurden bislang ausgegeben, die meisten für Manganknollen. Die Mitgliedsstaaten wollen auch aushandeln, wie bei künftigem Abbau der Schutz der Natur berücksichtigt wird.

Nicht unter das Abkommen fällt der Abbau in nationalen Gewässern. Norwegen plant vorerst eine Studie, um die ökologischen Auswirkungen in seinen Gewässern abzuschätzen. Und für das Abbaugebiet bei Papua-Neuguinea hat die damals zuständige Firma im Jahr 2008 vorgeschlagen, Tiere umzusiedeln in jene Gebiete, in denen der Abbau bereits beendet ist. Die Absicht dahinter hat nichts mit den Interessen der Natur zu tun: Ziel ist es, zu verhindern, dass in gewissen Gebieten kein Abbau zugelassen wird.