Papageienliebe
Romeo und Julia von Rio, eine tierisch-tragische Lovestory

In Rio de Janeiro gibt es noch ein einziges frei lebendes Ara-Weibchen. Aus Einsamkeit besucht es täglich ein Männchen-Ara im Zoo.

Philipp Lichterbeck
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Romeo und Julia treffen sich täglich, trotz des Zaunes.

Romeo und Julia treffen sich täglich, trotz des Zaunes.

Julia kommt jeden Morgen und bleibt bis zum Abend. Romeo wartet meistens schon auf sie, und die beiden leisten sich für den Rest des Tages Gesellschaft. Sie schnäbeln durch den Maschendrahtzaun und zupfen sich gegenseitig das Federkleid. Bei Einbruch der Dämmerung fliegt Julia wieder davon und lässt Romeo zurück in seiner Voliere im Bio Park, dem neu eröffneten Zoologischen Garten von Rio de Janeiro.

Aras sind gesellige, monogame Tiere

Wo Julia die Nacht verbringt, weiss niemand genau. Es muss aber irgendwo im Dschungel der Metropole sein, in deren Mitte der grösste innerstädtische Nationalpark der Welt liegt. Zahlreiche Wildtiere sind hier zuhause. Julia jedoch ist der einzige frei lebende Ara Rios, eine Gattung der Papageien. Das ist einerseits rätselhaft, weil keiner genau weiss, woher dieses Weibchen stammt und wie es in die Stadt gekommen ist. Andererseits ist es tragisch, weil Aras gesellige Tiere sind und man sie in der Natur nie alleine antrifft. Sie muss also auf der Suche nach Gesellschaft gewesen sein, als sie vor zwei Jahrzehnten zum ersten Mal ihre Artgenossen im Zoo besuchte.

Rund 35 Aras leben im Bio Park in einer rund 1000 Quadratmeter grossen Voliere. Man muss genau hinschauen, um Julia auszumachen. Sie sitzt oben auf der Voliere und wird immer wieder von anderen Aras und natürlich von Romeo besucht. Kennengelernt haben müssen sich die beiden bei Julias ersten Besuchen im alten Zoo.

Trotz des Zauns zwischen ihnen wurden sie ein Paar – eine Entscheidung mit Konsequenzen, denn Aras gelten als monogam. Sie gehen feste Paarbindungen ein, die sogar ihr ganzes Leben lang halten können. Wie in William Shakespeares «Romeo und Julia» ist daher auch diese tierische Beziehung eine tragische. Denn das Liebespaar wird immer durch einen Metallzaun getrennt sein. Warum sie Julia nicht hinein oder Romeo hinauslassen, werden die Zoo-Mitarbeiter häufig gefragt. Beides wäre unverantwortlich, heisst es, weil Julia in der Natur offensichtlich gut zurechtkomme. Man wisse nicht, wie sie auf eine Gefangenschaft reagieren würde. Romeo wiederum wurde im Zoo geboren und hat keine Erfahrung in der Wildnis.

Vielleicht aber findet die Geschichte der beiden Aras ein gutes Ende. Im Rahmen eines Projektes sollen Ende 2022 20 Aras in Rios Nationalpark ausgewildert werden und zur Diversifizierung der Fauna beitragen.

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