Rückblick
Pandemien sind gut für den technischen Fortschritt – das zeigte schon die Masernkrise in den USA

Pandemien treiben Automatisierung voran: In Amerika wurden Telefonnummern eingeführt, als zu viele Telefonistinnen erkrankten.

Adrian Lobe
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Die telefonische Steckverbindung brauchte im 19. Jahrhundert viel Personal.

Die telefonische Steckverbindung brauchte im 19. Jahrhundert viel Personal.

Bild: Getty Images

Als um das Jahr 1880 in den USA und Europa die ersten Telefone in Betrieb gingen, gab es noch keine Telefonnummern. Der Anrufer stellte per Kurbel oder Knopfdruck an seinem Apparat eine Verbindung zur Telefonzentrale her und gab an, wen er sprechen möchte.

Eine Telefonistin stöpselte die entsprechenden Kabel an der Schalttafel zusammen und stellte so eine Verbindung her. Was für ein Service! Kommunikation war noch echte Handarbeit. Mitunter musste man ein paar Stunden warten, wenn es gerade kein freies Loch gab. Weil es kaum «Abonnenten» gab – nur ein paar hundert Haushalte konnten sich damals überhaupt einen Telefonanschluss leisten –, brauchte man zunächst auch keine Nummern. Ihre Einführung verdankt sich einem pandemischen Hintergrund.

1879 grassierten im amerikanischen Städtchen Lowell die Masern. Weil es damals noch keinen Impfstoff gab und in der Telefonzentrale nur vier Leute arbeiteten, war das Kommunikationssystem bedroht. Wie sollten An­rufer verbunden werden, wenn die Telefonisten erkrankten und ausfielen? Dann wäre Funkstille.

Der Arzt Moses Greeley Parker hatte daher eine ebenso simple wie geniale Idee: Die Telekommunikationsanbieter sollten den rund 200 Abonnenten der Stadt eine vierstellige Nummer zuweisen.

Moses Greeley ParkerAmerikanischer Arzt

Moses Greeley Parker
Amerikanischer Arzt

Wenn ein Abonnent in der Zentrale anrief, musste er nur die Nummer des Angerufenen nennen. Der Mitarbeiter musste dann nicht mehr schauen, wo ein Lämpchen aufleuchtete, sondern konnte einfach «durchstellen». Das System hatte den Vorteil, dass Telefonisten schneller angelernt und im Fall einer Erkrankung ersetzt werden konnten.

Die Telefonnummer etablierte sich rasch als neuer Kommunikationsstandard. Obwohl sie zu Beginn nicht gut ankam, wie der Autor Ammon Shea im Buch «The Phone Book» schreibt:

«Die meisten Leute waren der Meinung, dass die Abonnenten ihre Telefone früher oder später lieber abgeben als sich der entmenschlichenden Unwürde, von einer Nummer identifiziert zu werden, zu unterwerfen.»

Heute gibt es nach Angabe der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) 914 Millionen Festnetznummern und 9 Milliarden Handynummern auf der Welt.

Ohne Nummer gibt es heute gar keinen Anschluss

Die Telefonnummer, ein Anachronismus aus der Analogzeit, ist zur zentralen ID in der digitalen Gesellschaft geworden, noch wichtiger als die Reisepassnummer: Man braucht sie in Onlineshops, in sozialen Netzwerken oder Messenger-Diensten.

So kann man sich bei Facebook wahlweise mit seiner E-Mail-Adresse oder Telefonnummer anmelden. Ohne Handynummer kann man in der Audio-App Clubhouse schon gar nicht mehr mitreden. Ohne Nummer kein Anschluss. Das heisst: Die Telefonnummer erfüllt einen ganz anderen Zweck als den, für den sie ursprünglich geschaffen wurde. Und das ist ein Problem.

Gerade weil die Telefonnummer nicht mehr nur an eine Leitung in einem Gebäude gekoppelt, sondern mit zahlreichen anderen Diensten verknüpft ist, sagt sie zum Teil mehr über eine Person aus als ihren Vor- und Nachnamen. Mit etwas Geschick kann man in Datenbanken heraus­finden, wo man wohnt, wie die Familienmitglieder heissen, wie viel Steuern man bezahlt, wo man überall hingereist ist und ob man einen Eintrag im Strafregister hat. Wenn früher eine Telefonnummer in die falschen Hände geriet, wurde man schlimmstenfalls Opfer von Telefonterror. Heute ist die ganze Identität bedroht.

In der Vergangenheit haben Cyberkriminelle neben E-Mail-Adressen, Passnummern und Kreditkartendaten auch immer wieder Telefonnummern erbeuten können, die im Darknet für ein paar Dollar verhökert werden. Erst vor kurzem sind Telefonnummern und weitere personenbezogene Daten von 533 Millionen Facebook-Nutzern im Internet aufgetaucht – darunter die Handynummer von Mark Zuckerberg.

Cybersicherheitsexperten sehen die Entwicklung mit Sorge. Denn die Daten lassen sich nicht nur für unerwünschte Telefonwerbung nutzen. Mit der Mobilnummer könnten Cyberkriminelle auch ohne das Gerät online Textnachrichten empfangen und beispielsweise TANs für Online-Überweisungen abgreifen, wenn der Versand per SMS erfolgt.

Mobilfunknummern stellen nicht nur ein Sicherheitsrisiko dar, sondern auch eine Gefahr für die Privatsphäre. Wer in der populären Plauder-App Clubhouse Kontakte einladen will, muss Zugriff auf sein Telefonbuch erlauben. Man sieht etwa, welcher seiner Kontakte wie viele Freunde im Clubhouse hat.