Vor 9000 Jahren

Spannender Fund aus der Steinzeit zum Thema Gleichberechtigung: War die Frau im Grab eine Jägerin?

Schon in der Urzeit könnten Frauen und Männer gemeinsam Tiere erlegt haben.

Schon in der Urzeit könnten Frauen und Männer gemeinsam Tiere erlegt haben.

In einem 9000 Jahre alten Frauengrab in den Anden wurde eine Jagdausrüstung gefunden. Der Fund stellt unsere Rollen-Klischees infrage.

Die Steinzeitmänner stellten gefährlichen Tieren nach, während die Frauen sich um die Kinder kümmerten und Früchte und Knollen sammelten – dieses Bild steckt in unseren Köpfen. Doch es könnte falsch sein. Ein Team um den Anthropologen Randall Haas von der University of California in Davis berichtet in der Zeitschrift «Science Advances» von einem Grab, in dem vor fast 9000 Jahren im heutigen Staat Peru eine junge Frau mit der kompletten Ausrüstung für Grosswildjagden bestattet worden war.

Das Forschungsteam war auf das Gebiet aufmerksam geworden, nachdem ein Einheimischer dort Steinwerkzeuge gefunden hatte. Seit 2018 haben die Ausgrabungen auf 3925 Metern über Meer mehr als 20000 Fundstücke zu Tage gebracht. Die meisten davon waren Bruchstücke, die beim Herstellen von Steinwerkzeugen als Abfall anfallen. Es fanden sich aber auch fünf Gräber mit den Überresten von sechs Menschen, von denen zwei neben den Knochenresten auch Speerspitzen und Klingen enthielten.

Die kräftige Struktur der Knochen und eine Analyse des Zahnschmelzes zeigt, dass einer der Toten ein Mann war. Direkt bei den Überresten des Mannes fanden sich eine Speerspitze aus Feuerstein und eine weitere aus Vulkangestein. Ob es sich dabei um Grabbeigaben für einen Jäger handelt oder ob er mit diesen Waffen getötet wurde, wissen Randall Haas und sein Team allerdings nicht.

Die begrabene Frau war noch keine 20 Jahre alt

Klarer ist die Situation beim zweiten Grab, in dem nach der Form der Knochen und einer Analyse des Zahnschmelzes eine Frau lag. Der Zustand der Zähne deutet darauf hin, dass die Frau bei ihrem Tod 17 bis 19 Jahre alt gewesen war. Eine Radiokohlenstoff-Analyse der Knochen zeigt, dass sie vor knapp 9000 Jahren starb. Das bestätigen auch sechs Steinspitzen für Speere, deren Form typisch für diese Epoche ist.

Diese Spitzen lagen unmittelbar über dem Oberschenkelknochen direkt neben 14 weiteren Steinwerkzeugen wie Messern und Schabern, mit denen die Steinzeitmenschen damals ihrer Beute das Fell abzogen, und weiteren Utensilien, mit denen die Tierhäute gegerbt wurden. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine komplette Jagdausrüstung, die zum Beispiel in einem Lederbeutel getragen wurde, der sich im Laufe der Jahrtausende zersetzt hat. In den meisten Fällen würden die Toten von Dingen begleitet, die sie auch im Leben häufig bei sich trugen, argumentieren Randall Haas und seine Kollegen. Sie folgern daraus, dass die Frau Jägerin gewesen war.

Archäologin warnt vor erneut Vorschnellen Rückschlüssen

Die Archäologieprofessorin Brigitte Röder von der Universität Basel, die nicht an der Studie beteiligt war, warnt aber vor voreiligen Schlüssen. «Die Vorstellung, von Grabbeigaben auf die hauptsächliche Tätigkeit einer Person schliessen zu können, muss man sehr infrage stellen», sagt sie. «Es gibt Indizien, dass das nicht funktioniert.» Auch Michael Petraglia, der am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena das Leben der frühen Steinzeit untersucht, kann sich andere Erklärungen vorstellen. «So könnte vielleicht auch ein Angehöriger oder enger Freund der Verstorbenen diese Jagdutensilien mit auf den letzten Weg gegeben haben», sagt er.

Dass aber in der Steinzeit auch Frauen grössere Tiere gejagt haben, erscheint plausibel. «Skelette aus der Altsteinzeit Europas zeigen ähnliche Verletzungsmuster für männliche und weibliche Individuen», sagt Brigitte Röder. «Das lässt sich so interpretieren, dass die Geschlechter ähnlichen Gefahren ausgesetzt waren.»

So stellen sich Künstler die Jägerinnen der Steinzeit in den Anden Südamerikas vor - so modern-sportlich gekleidet waren die Leute allerdings bestimmt nicht.

So stellen sich Künstler die Jägerinnen der Steinzeit in den Anden Südamerikas vor - so modern-sportlich gekleidet waren die Leute allerdings bestimmt nicht.

Falls die Frau aus dem Grab in Peru einst tatsächlich zur Jagd gegangen war, dürfte sie vor allem die noch heute in den Anden lebenden Vicuñas – verwandt mit den Lamas – erbeutet haben. Von diesen tauchten bei den Ausgrabungen bisher 17 Knochen auf. Weitere fünf Knochenfunde stammen wohl vom Nordandenhirsch, der ebenfalls noch heute in der Gegend zuhause ist.

Der Fund in Peru ist kein Einzelfall

Randall Haas und sein Team haben sich nach anderen, ähnlichen Funden in Nord- und Südamerika umgesehen. Als sie die Studien über 429 Überreste von Steinzeitmenschen aus einer vergleichbaren Epoche anschauten, entdeckten sie dabei 27, die mit Jagdutensilien bestattet waren und deren Geschlecht bekannt war. Elf davon waren Frauen, die anderen 16 Männer. Mit einer statistischen Analyse schätzen sie daraus, dass 30 bis 50 Prozent der Grosswildjäger dieser Epoche auf dem Doppelkontinent Jägerinnen gewesen sein sollen.

Von dieser Schätzung hält Brigitte Röder wenig – zu unsicher der Zusammenhang zwischen Grabbeigaben und Tätigkeit der begrabenen Person. Ähnliche Funde aus Frauengräbern kennt sie aber von diesseits des Atlantiks: «Dass in Gräbern aus der Alt- und Mittelsteinzeit Jagdgeräte als Beigaben bei weiblichen Skeletten gefunden werden, ist nicht häufig, kommt aber immer mal wieder vor.»

Auch wenn das Grab in Peru viele Fragen offen lässt, kann es zumindest einen Denkanstoss geben. Brigitte Röder: «Wir können dieses eine Frauengrab als Warnung betrachten:

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