In San Diego, der zweitgrössten kalifornischen Stadt, werden die Strassenlampen erneuert. Dadurch soll der Stromverbrauch verringert werden. Doch nebenbei wird das Netz auch mit über 2500 ziemlich speziellen Lampen aufgerüstet.

Die unscheinbaren Beleuchtungssysteme sind Hochleistungsrechner, ausgestattet mit einem Intel-Atom-Prozessor, Bluetooth und Wi-Fi, hochauflösenden Kameras, akustischen Sensoren, einer integrierten Wetterstation, die Temperatur, Luftdruck und Vibration misst, sowie einem halben Terabyte Speicherplatz, um die Daten zu verarbeiten. Die Laterne scheint nicht nur, sie spioniert auch. Fünfzig Stück von ihnen waren im vergangenen Jahr bereits testweise installiert worden.

Die smarten Lampen, die von einer Tochterfirma von General Electric betrieben werden, sollen zunächst einen Radius von 36 bis 54 Metern vermessen. Das Beleuchtungssystem soll dazu dienen, Autofahrern freie Parkplätze zuzuweisen und Falschparker zu melden. Anhand der Sensorendaten soll der Verkehrsfluss optimiert werden.

Chad Marlow, Datenschützer bei der Bürgerrechtsaktion American Civil Liberties Union (ACLU), argwöhnt, dass die als Strassenbeleuchtung getarnten Spähposten speziell in Gegenden mit geringem Einkommen oder einem hohen Anteil von Afroamerikanern platziert werden könnten, oder vor Moscheen. Sozial schwache oder marginalisierte Gruppen in der Gesellschaft, die ohnehin schon häufiger und intensiver überwacht werden, könnten in dauerhafte Kontrollschleifen geraten.

Besorgte Datenschützer

Die Behörden von San Diego kündigen bereits an, dass die Strassenlaternen auch das Netz der sogenannten Shotspotter erweitern könnten. Shotspotter sind akustische Überwachungssysteme, wie sie in den vergangenen Jahren in diversen US-Städten installiert wurden. Sie lokalisieren Schüsse und alarmieren automatisch die Polizei. Das System funktioniert so: Wenn irgendwo ein Schuss fällt, zeichnen Sensoren das Geräusch auf.

Mittels Triangulation, einem Verfahren, bei dem Laufzeit und Position der Schallquelle berechnet werden, wird der Schall geortet. Diese Information wird dann an ein Kontrollzentrum weitergeleitet. In Milwaukee sitzen Spezialisten, die anhand bestimmter Muster Audiodateien aus dem über 3500 Kilometer entfernten Newark in Kalifornien auswerten und im Verdachtsfall die Polizei verständigen.

Laut einem Bericht des Magazins «Time» haben die Analysten der Firma Shotspotter im Jahr 2016 über 80 000 Schüsse registriert. In Städten wie Chicago, wo im Durchschnitt fast zwei Menschen am Tag erschossen werden, mögen Schussdetektoren ein legitimes Mittel der Kriminalitätsbekämpfung sein. Datenschützer sind allerdings besorgt, was die Mikrofone ausser Schüssen sonst noch mithören.

Die Bürgerrechtsorganisation ACLU behauptet, dass die Mikrofone heimlich Menschen belauschen können. Wenn die Mikros aus der Ferne aktiviert werden und sich in Konversationen einklinken könnten, wären sie ein Instrument der Massenüberwachung, kritisieren die Datenschützer auf ihrer Website.

Die Herstellerfirma Shotspotter hält dagegen, dass die akustischen Sensoren auf Häuserdächern platziert würden und so konfiguriert seien, dass sie nur auf besonders laute Geräusche wie Schüsse reagierten. Doch wenn man bedenkt, dass Spiele-Apps heimlich Smartphone-Mikrofone aktivieren und Fernsehwerbung belauschen, erscheinen die Herstellerangaben nicht allzu glaubwürdig.

Mittel zum Verbrechen verhindern

Laut einem Bericht der «New York Times» sollen die Schussdetektoren in der Stadt New Bedford im US-Bundesstaat Massachusetts vor einigen Jahren einen lauten Streit auf der Strasse aufgezeichnet haben, der auf einen Schusswechsel folgte. Das geht über den eigentlichen Zweck der Hardware weit hinaus.

Und die Technik hat sich seitdem weiterentwickelt. Algorithmen könnten aus Audiodateien bestimmte Signalwörter filtern, US-Geheimdienste tüfteln bereits an solchen Filtertechniken. So hat der Auslandgeheimdienst NSA ein Tool entwickelt, das Sprachaufnahmen automatisch in Text übersetzt und katalogisiert. Die Polizei, so die Befürchtung der Datenschützer, könnte sich in Echtzeit in Gespräche von Personengruppen einklinken und mithören – und notfalls präventiv eingreifen.

Dass Bürger im öffentlichen Raum überwacht werden, ist allerdings keine neue Erkenntnis. Überwachungskameras in Parkhäusern oder Bahnhofhallen zeichnen Besucher auf. Automatische Kennzeichenerkennung erfasst Autofahrer. Und Fussgänger überwachen sich mit Ortungsdiensten und GPS, die mal eine Militärtechnologie waren, selbst. Doch wenn Überwachungstechnologien als harmloses Mobiliar in den urbanen Raum geschmuggelt werden, findet auch keine Debatte darüber statt.