Alles nur geliehen

Teure Taschen kann man neuerdings auch mieten – es gibt sogar ein Schweizer Abo dafür

Mieten von Luxustaschen ist wie Leasing eines Autos: Man kommt zu einem Statussymbol, das man sich eigentlich nicht leisten kann.

Mieten von Luxustaschen ist wie Leasing eines Autos: Man kommt zu einem Statussymbol, das man sich eigentlich nicht leisten kann.

Luxus definiert sich nicht mehr über den Besitz. Was bei Musik und Filmen seinen Anfang nahm, ist nun auch bei teuren Taschen Programm: Man kauft nicht, man mietet. Die Modebranche gerät unter Zugzwang.

Die Schweizer Firma On bringt einen Schuh auf den Markt, den man nicht kaufen kann. Sondern nur mieten. Für 39 Franken pro Monat. Will man ihn nicht mehr, gibt man ihn zurück. Will man einen neuen, weil er durchgelaufen ist, bekommt man einen, einfach so. Der alte wird recycelt.

Das Modell Cyclon des Labels On kann man nur mieten.

Das Modell Cyclon des Labels On kann man nur mieten.

Das Label, bei dem Roger Federer als Investor eingestiegen ist, setzt damit auf ein Konzept, das sich gerade zum Renner entwickelt. Es geht nicht mehr darum, Kunden einmal ein Produkt zu verkaufen, sondern sie möglichst ein Leben lang zu binden. Dieses Abo-Modell ist bekannt von Streaming-Diensten wie Spotify oder Netflix und zahlreichen anderen Apps. Ein Modell, an das sich nicht nur die Millennials gewöhnt haben. Viele kaufen sich längst keine CDs und DVDs mehr. Sie zahlen nicht mehr für den Besitz der Güter, sondern lediglich für den Zugang. Warum sollte in der analogen Welt nicht funktionieren, was in der digitalen längst Standard ist?

Nichts geht verloren, alles wird genutzt

Mieten statt kaufen: Das Konzept funktioniert gerade bei teuren Handtaschen prima. Der Brite Matt Heiman bietet mit seinem Start-up Cocoon Hunderte verschiedene Damenhandtaschen von Luxuslabels wie Gucci, Saint Laurent oder Chanel zum Ausleihen an. 49 Pfund beträgt die monatliche Gebühr. Er erklärt die Vorteile des Modells so:

Denn das Sharingkonzept führe dazu, dass weniger Taschen produziert werden müssten.

Frauen, die bereits eine Luxustasche besitzen, können sich bei Cocoon mit ihr einkaufen. Sie stellen sie anderen Nutzern zur Verfügung und können stattdessen eine andere Tasche ausleihen. Heiman spricht von einer Kreislaufwirtschaft. Nichts geht verloren, alles wird genutzt. Eine neue Form des Konsumismus, die nötiger ist denn je.

Ein durchschnittlicher Konsument kauft heute fünf Mal mehr Kleider als 1980. Die Modebranche setzt 2,5 Billionen Dollar pro Jahr um – und ist für zehn Prozent der Klimaemissionen verantwortlich. In zehn Jahren, so schätzen Marktforscher, werden bereits 3,3 Billionen Dollar erwirtschaftet.

«Wenn wir das Klimaziel von Paris erreichen wollen, braucht es ein Umdenken in der Branche», meint die US-Autorin Dana Thomas, die in ihrem Buch «Fashionpolis» die Modeindustrie kritisch durchleuchtet. Neben Secondhand seien Abo-Modelle vielversprechend, sagt sie, und denkt dabei nicht nur an Taschen, sondern auch an Kleider und Schuhe. On hat dies bei Letzterem in die Tat umgesetzt.

Die Kultserie «Sex and the City» machte der Idee Beine

Im Film «Sex and the City» war Taschenmiete bereits vor 12 Jahren  ein Thema: Carries Assistentin lieh  sich eine Louis Vuitton.

Im Film «Sex and the City» war Taschenmiete bereits vor 12 Jahren ein Thema: Carries Assistentin lieh sich eine Louis Vuitton.

Hierzulande stehen den Kundinnen die Taschen von Cocoon noch nicht zur Verfügung. Vielleicht, weil es bereits eine Alternative gibt: Metoyoubag (Von-mir-zu-dir- Tasche) der Schwestern Ekatarina und Elena Derkatch aus St. Gallen.

Kostet 100 Franken für einen Monat: Der «Bag of the Month» unter metoyoubag.com , eine Tasche von Louis Vuitton.

Kostet 100 Franken für einen Monat: Der «Bag of the Month» unter metoyoubag.com , eine Tasche von Louis Vuitton.

Die beiden machen keinen Hehl daraus, woher die Inspiration für ihr Geschäftsmodell kommt: aus der Kultserie «Sex and the City», genauer aus deren ersten Verfilmung aus dem Jahr 2008. Louise, die Assistentin von Protagonistin Carrie, kann sich im Gegensatz zu ihrer Chefin keine teure Handtasche leisten. Sie hält beim Vorstellungsgespräch trotzdem ihre «Patchwork Denim Bowly»-Tasche von Louis Vuitton auf dem Schoss. Sie sagt euphorisch:

Die Firma gibt es auch im wahren Leben, und sie gehört zu den Ersten, die Taschen vermietet haben. Nebst den Schwestern Derkatch inspirierte die Idee aus New York seither Hunderte Unternehmer rund um den Globus. Etwa für Designerkleider (ragfari.ch), für Bio-Babykleider (miniloop.ch) oder Uhren (dials.ch).

Mieten von Luxustaschen ist wie Leasing eines Autos: Man kommt zu einem Statussymbol, das man sich eigentlich nicht leisten kann. Man gibt vor, etwas Besseres zu sein. Sind Abos für Luxusgüter also bloss etwas für Bluffer? Wer so denkt, geht von dem alten Konzept des Luxus aus, der sich über den Besitz definiert. Der neue Luxus besteht darin, frei zu sein in der Wahl seiner Accessoires. Sich nicht auf eine teure Tasche festlegen zu müssen, sondern stets jene nutzen zu können, die gerade passt. Das kann auch einmal eine überteuerte von Chanel sein.

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