Master of Wine

Unser Weinexperte analysiert das Bordeaux-Jahr 2017 und mahnt: wählen Sie sorgfältig!

Eines der berühmtesten Weingüter von Bordeaux: Das Château Pichon-Longueville Baron (Gemeinde Pauillac).

Eines der berühmtesten Weingüter von Bordeaux: Das Château Pichon-Longueville Baron (Gemeinde Pauillac).

Master of Wine und «Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Paul Liversedge beurteilt das Bordeaux-Jahr, dessen Wein nächstens en primeur zu kaufen ist. Sein Fazit: Der Jahrgang schwankt stärker als in den Jahren zuvor.

Mit dem Jahrgang 2017 erleben wir eine Rückkehr zu einem eher «klassischen» Bordeaux-Stil. Ein Blick zurück zeigt: Auf den reifen, kraftvollen Jahrgang 2015 folgte 2016 ein Top-Jahrgang. Die besten Weine des Bordeaux-Jahres 2017 präsentieren sich nun mit einer spürbaren Frische und sanften, unaufdringlichen Tanninen.

Sie haben einen leichten bis mittleren Körper und sind mit typischen Alkoholwerten von 13 bis 13,5 Prozent vom linken Ufer und 13,5 bis 14,5 Prozent vom rechten Ufer weniger alkoholhaltig als in den vergangenen grossen Jahren 2009, 2010 und 2015. Der Veilchenduft betört, und die Frucht schmeckt nach saftigen, dunklen Beeren.

Der Stil der 2017er-Rotweine unterscheidet sich dabei stark von den vorherigen Jahrgängen – am ehesten erinnert er an eine Kombination aus den reifen Fruchtaromen von 2011, der Frische von 2008 und der klassischen Struktur von 2006.

Der Wow-Faktor der beiden vorgängigen Jahrgänge fehlt. Auch ist die Qualität nicht so einheitlich wie 2014. Es gibt zwar einige sehr gute 2017er-Weine, vor allem von den besten Produzenten der Weingüter in Pauillac, St. Julien, Pessac Leognan und Pomerol. Aber der Jahrgang birgt auch viele Enttäuschungen: Weine, bei denen der Säuregehalt zu hoch und der Körper am Gaumen mittelmässig ist. Deshalb ist es in diesem Jahr besonders wichtig, die Auswahl sorgfältig zu treffen.

Das Jahr des Frosts

2017 brachte einen frühreifen Bordeaux-Jahrgang hervor: Ungewöhnlich warmes, sonniges Wetter führte zu einem frühen Knospenausbruch. Deshalb verursachte der Frost Ende April schwere Schäden in vielen Gebieten von Bordeaux. Stark betroffen waren St. Emilion (auf den Weinbergen unterhalb des Kalksteinplateaus), Entre Deux Mers, Pessac Léognan und Barsac. Dort verloren einige Produzenten einen Teil oder sogar ihre gesamte Ernte – darunter Château Climens, Chantegrive und De Fonbel.

Glücklicherweise erlebten die Weinberge im Medoc, die sich in Sichtweite der Gironde-Bucht befinden, keinen oder nur einen sehr geringen Frostschaden. Der Fluss hatte die Temperaturen in den kalten Aprilnächten bis zu 1° C aufgewärmt, wodurch die Trauben geschützt wurden. Weingüter, die weiter im Landesinnern liegen, waren viel stärker von den Frostschäden betroffen.

Im Weinkeller des Château Lynch-Bages (Pauillac)

Im Weinkeller des Château Lynch-Bages (Pauillac)

Mai und Juni waren heiss und trocken, was perfekt war für die Blütezeit, während Juli und August weniger warm, aber weiterhin trocken waren.

Die Trauben für die trockenen Bordeaux-Weissweine konnten Ende August unter idealen Bedingungen gepflückt werden. Für sie war 2017 ein sehr guter Jahrgang. Die Sauvignon blancs haben eine frische, lebendige Säure und reine, teilweise exotische Fruchtaromen, während die Semillon-Trauben eine schöne Textur und Komplexität hervorbringen.

Starker Regen und kühles Wetter in den ersten beiden September-Wochen sorgten dafür, dass die Merlot-Trauben an Standorten, wo sie früher reifen, nicht ihren optimalen Reifegrad erreichten und daher unter nicht idealen Bedingungen gepflückt werden mussten. Seien Sie daher vorsichtig bei vielen Merlot-dominierten St. Emilions und Weinen aus den Entre-Deux-Mers-Regionen. Einige von ihnen weisen eine ziemlich hohe Apfelsäure auf – und es fehlt ein mittleres Gewicht am Gaumen.

Durch dieselben Regenfälle entstand in Sauternes jedoch wohltuende Botrytis oder «Edelfäule», was dazu führte, dass einige köstliche, reichhaltige und exotische Weine mit komplexer Süsse hergestellt werden konnten.

Ein sonniger und trockener Oktober ermöglichte es, Merlot- und Cabernet- Sauvignon-Trauben an Standorten, wo sie später reifen, in einer sehr guten Qualität zu ernten. Daher stellt 2017 ein viel erfolgreicheres Jahr für Cabernet Sauvignon und für das nördliche Medoc-Gebiet im Allgemeinen dar.

Insgesamt hatte der Frost den Trauben 2017 stark zugesetzt: Das gesamte Produktionsvolumen lag in Bordeaux 33 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Und dies, obwohl die drei berühmten Namen des nördlichen Medoc – Pauillac, St. Estèphe und St. Julien – eine grössere Ernte aufwiesen als in den fünf Jahren zuvor.

Rotweine vom linken Ufer

Die Region Pauillac bietet mit dem 2017er-Jahrgang eine durchweg hohe Qualität. Die besten Weine schmecken nach dunklen Fruchtaromen, üppig-samtigen Tanninen, Frische und Eleganz. Pichon Baron, Pichon Comtesse, Pontet Canet und Mouton Rothschild sind hervorragende Beispiele dafür. Die Spitzenweine aus St. Julien gefallen mit vollerem Körper auch sehr gut – vor allem im mittleren Gaumen. Speziell empfehlenswert sind jene von den drei Léovilles, Ducru Beaucaillou und Beychevelle.

Frostschäden gab es 2017 trotz den Wachskerzen.

Frostschäden gab es 2017 trotz den Wachskerzen.

Die besten St. Estephes zeigen ausgeprägte Eleganz, Frische und Zurückhaltung: Cos, Calon Segur und Montrose sind in diesem Jahr besonders klassisch. Die Weine von Margaux sind rein und frisch und haben einen lebhaften Rotfruchtcharakter. Aber einige von ihnen zeigen eher wenig Gewicht im mittleren Gaumen. Meine klaren Favoriten aus dieser Region sind Palmer und Rauzan Segla. Die Rotweine aus Pessac Léognan zeigen Frische und ein bisschen mehr Gewicht und Dichte als jene vom Médoc. Ihr Charakter ist geprägt von reifen, violetten Beeren.

2017 war kein gutes Jahr für die zweiten und besonders für die dritten Weine aus den grösseren Châteaux am linken Ufer. Einige Trauben, die durch den Frost beschädigt wurden, konnten nicht richtig reifen. Es war daher wichtig, sie auszusortieren und nicht in die Produktion des Grand Vin der Châteaux zu mischen. Für einige kleinere Hersteller war es nicht möglich, diesen Vorgang durchzuführen. Der Säuregehalt ihrer Weine ist daher ausgeprägt.

Rotweine vom rechten Ufer

Die besten Weine des Pomerol-Gebietes bestechen durch Opulenz, Gewicht und Rundheit. Ihre üppigen Tannine ergeben mit der typischen Frische und Eleganz dieses Jahrgangs eine reizvolle Kombination. Die kleineren Weingüter produzierten allerdings weniger aufregend. Mein Tipp: Bleiben Sie hier bei den besten Namen wie etwa Vieux Château Certan und La Conseillante.

Die Qualität der Weine von St. Emilion schwankt in diesem Jahrgang stark; sie haben am meisten unter dem Frost gelitten. Es gibt eine Handvoll ausgezeichneter Weine von der Spitze des Kalksteinplateaus, vor allem Figeac und Tertre Roebœuf. Seien Sie hier dennoch vorsichtig!

En primeur kaufen?

Es gibt einige sehr gute Weine, vor allem von den besten Produzenten des nördlichen Medoc, Pomerol und Pessac Léognan. Aber wählen Sie bitte mit Bedacht. Die Qualität des Jahrgangs schwankt stärker als in den drei Jahren zuvor. Ich rate Ihnen: Recherchieren Sie, lesen Sie verschiedene Zeitungsartikel, vergleichen Sie Weinbewertungen, und wenden Sie sich am bes- ten an einen vertrauenswürdigen Weinhändler.

Zudem gilt: Vorsicht vor hohen Preisen! Es droht ein ähnlicher Effekt wie 2011. Dieser Jahrgang war aufgrund der Vorgänger von 2009 und 2010 überteuert. Auch bei den 2017erWeinen dürften die Verkaufspreise wahrscheinlich nicht gleichermassen stark fallen wie die Qualität. Als grobe Richtlinie gilt: Die Weine sollten ähnlich teuer sein wie jene des 2014er-Jahrgangs (als sie herauskamen) plus 10 Prozent, wegen des aktuell höheren Euro-Kurses.

Zusammenfassung

Sie müssen Bordeaux 2017 nicht unbedingt en primeur kaufen. Es sei denn, Sie suchen:

  • 1) nach den beliebtesten Bordeaux-Marken weltweit, deren Preise im Allgemeinen nach ihrem En-primeur-Verkauf steigen. Zum Beispiel Lynch Bages, Talbot, Beychevelle oder Clerc Milon.
  • 2) nach den besten Weinen dieses Jahrgangs (unter der Annahme, dass die Preise angemessen sind). Sehen Sie sich meine Tabellen neben dem Text an, und informieren Sie sich durch weitere Presseberichte.
  • 3) nach Ihren liebsten Weinen in verschiedenen Formaten. Zum Beispiel Magnum oder Doppel-Magnum.

Ansonsten empfehle ich Ihnen, zu warten: Entweder bis die Weine in zwei Jahren in Flaschen abgefüllt sind oder bis der Euro gegenüber dem Schweizer Franken an Wert verliert und Sie eventuell zu etwas günstigeren Preisen einkaufen können.

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