Ausspioniert
Versteckte Kameras: «Mein Leben ist nicht dein Porno»

Weltweit gibt es bereits mehr Kameras als Menschen. Viele davon sind illegal und versteckt: Zum Beispiel in Airbnb-Wohnungen. Auch in der Schweiz. Aber ein viel grösseres Problem hat Südkorea.

Adrian Lobe
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Verdreckt der Airbnb-Gast gerade die Küche? Und was treibt er im Schlafzimmer? Manche Vermieter überwachen die Wohnungen illegal.Thinkstock

Verdreckt der Airbnb-Gast gerade die Küche? Und was treibt er im Schlafzimmer? Manche Vermieter überwachen die Wohnungen illegal.Thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Kameras sind überall. In Bahnhöfen, Supermärkten, Parkhäusern, Stadien, Zügen, Autos, Kühlschränken, Tablets, Smartphones und natürlich in Digitalkameras. Die Zahl der Kameras weltweit soll bis 2022 auf 45 Milliarden ansteigen, prognostizieren die Analysten der Wagniskapitalfirma LDV Capital. Dann kommen auf jeden Menschen auf der Welt rund fünf bis sechs Kameras.

Der Siegeszug der Kameras erklärt sich damit, dass die Technologie immer billiger wurde. Eine Dashcam, die man im Auto installiert, um Verkehrsdelikte und Unfallgeschehen dokumentieren zu können, kostet weniger als 100 Euro. Doch damit verbunden ist auch ein zunehmendes Mass an Überwachung: Im computergestützten Polizeistaat China werden bis im Jahr 2020 voraussichtlich 626 Millionen Videokameras im öffentlichen Raum in Betrieb sein. Doch es ist nicht nur Big Brother, es sind auch viele «Little Brothers», welche Bürger überwachen.

In Südkorea kämpft die Polizei derzeit gegen eine grassierende Schnüffelei im öffentlichen Raum: Spanner platzieren in Umkleidekabinen von Kaufhäusern, Schwimmbädern oder in öffentlichen Toiletten versteckte Kameras, um Menschen heimlich beim Umziehen oder Toilettengang zu filmen.

80 Prozent der Opfer sind Frauen. Zwischen 2012 und 2016 gab es 26'000 polizeilich gemeldete Vorfälle, allein im vergangenen Jahr wurden 6000 Fälle von Voyeurismus zur Anzeige gebracht. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist. In der Hauptstadt Seoul protestierten diesen Sommer 40 000 Frauen. Die Demonstranten hielten Schilder in die Höhe wie «Mein Leben ist nicht dein Porno!».

Die Polizei spürt Kameras auf

Polizeibeamte durchkämmen unterdessen Toiletten und Schwimmbäder mit Detektoren und Infrarot-Scannern, die Kameralinsen erkennen, um die in Rauchmeldern, Uhren oder USB-Sticks versteckten Kameras aufzuspüren. Eine Sisyphosarbeit. Little Brother lauert überall. Die Täter agieren äusserst dreist und flink, von der Montage bis zur Abnahme vergehen häufig nur 15 Minuten. Die BBC schrieb über eine «Spionagekamera-Porno-Epidemie».

Südkoreas Präsident Moon Jae-in klagte resigniert, Spionagekameras seien «Teil des täglichen Lebens» geworden. Die heimliche Filmerei hat landestypische Ursachen: So ist die südkoreanische Gesellschaft zwar sexualisiert, die Zahl asexueller Beziehungen im internationalen Vergleich aber überdurchschnittlich hoch. Doch das Phänomen ist auch andernorts verbreitet.

In Neuseeland wurde kürzlich ein Mann verurteilt, der im Bad seines Ferienhauses eine Kamera in einer Duschgeltube versteckt hat, um seine weiblichen Gäste heimlich unter der Dusche zu filmen. Der Voyeur soll zwischen Dezember 2017 und Februar 2018 30 Frauen gefilmt haben und die Nacktaufnahmen auf Pornoseiten hochgeladen haben. Der Polizei sagte der Täter, er habe dies aus der Lust am «Nervenkitzel und Entdeckungsrisiko» gemacht.

Das ist kein Einzelfall. Gäste der Vermietungsplattform Airbnb stiessen in Ferienwohnungen wiederholt auf versteckte Kameras, die diskret in Rauchmeldern oder Korbtaschen verborgen waren – unter anderem in Schlafzimmern, um sexuelle Handlungen zu filmen. Der Voyeurismus kennt keine Scham. Eine Touristin aus Deutschland, die in einer Wohnung in Kalifornien eine Kamera entdeckte, verklagte Airbnb.

Schweizer wollte Grüsel outen

Auch in der Schweiz gibt es Fälle illegaler Überwachung. So nahm ein Zürcher Regisseur mit einer Spionagekamera Frauen in Club-WCs beim Urinieren auf. Eine Angestellte entdeckte den verdächtigen Gegenstand, der mit einem Klebestreifen an der Wand befestigt war.

In Zürich installierte der Mitinhaber eines Optikers eine Kugelschreiber-Kamera auf der Firmentoilette – nicht, um pornografisches Material zu sammeln, sondern unhygienische Kunden zu überführen, die beim Urinieren daneben zielten oder Fäkalien nicht ordentlich beseitigten.

Der «Big-Brother-Optiker», wie ihn «20 Minuten» titulierte, wurde wegen versuchter Verletzung des Geheim- und Privatbereichs zu einer bedingten Geldstrafe von 5400 Franken sowie einer Busse von 1400 Franken verurteilt.

In Hotelzimmern haben Gäste bereits Minikameras in Lüftungsgittern im Badezimmer und in Brandmeldern im Schlafzimmer entdeckt. Für das im Akkord arbeitende Hotelpersonal ist es schwierig, Minikameras zu identifizieren, weil sie für die Reinigung ohnehin kaum Zeit haben. Reiseblogs geben derweil Tipps an die Hand, wie man sein Zimmer auf versteckte Kameras filzt. Im Digitalzeitalter wird der Reisende zum Detektiv.

Nimmt man die mannigfaltigen illegalen Mitschnitte, die sich auf einschlägigen Pornoportalen finden, zum Massstab, dürfte das Problem weitaus gravierender sein. Viele Opfer wissen vermutlich gar nicht, dass sie heimlich in ihrem Hotelzimmer gefilmt wurden.

Soziologisch und psychologisch ist das Phänomen des Voyeurismus relativ gut erforscht. Es geht um den Reiz des Verbotenen, das Ausleben bestimmter unterdrückter sexueller Fantasien. Interessant an diesen Fällen ist aber, dass mit der Verbreitung von Überwachungstechnologien die Hemmschwelle für Überwachung sinkt.

Bei Elektronikketten gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Überwachungskameras, die man im Online-Shop bestellen kann – zum Beispiel getarnte Überwachungskameras in Schraubenkopf-Optik, im Schlüsselanhängergehäuse oder im Kugelschreiber. Big Brother kommt im Gewand des Schreibwerkzeugs daher.

Dass die Tech-Gurus im Silicon Valley das «Camera-First»-Zeitalter ausrufen und die Kamera zur neuen Tastatur erklären, ist die bittere Pointe dieser Entwicklung. Immerhin: Das heimliche Filmen wird immer noch als übergriffig empfunden. Insofern ist das Zeitalter der Privatsphäre auch noch nicht vorbei.