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Warum die Deutschen ihr Spaghetti-Eis lieben

Das Spaghetti-Eis schmeckt ein bisschen nach Scherz - wie die Zigarettenkaugummi aus der Kindheit.

Das Spaghetti-Eis schmeckt ein bisschen nach Scherz - wie die Zigarettenkaugummi aus der Kindheit.

Ein Klassiker, aus deutschen Eiscafés nicht wegzudenken: Spaghetti-Eis. Seit 50 Jahren begeistert die Kreation aus Vanilleglace und Erdbeersauce. Nur nicht in der Schweiz. Ein grosses Missverständnis.

Klassisch wie Erdbeer oder Pistazie. Ausgefallen wie Randen-Ingwer, Lime-Basilikum. Oder experimentierfreudig wie Blauschimmelkäse, Gerösteter Reis. Bei Glacesorten gilt in der Schweiz das Motto eines deutschen Baumarkts: Geht nicht, gibt’s nicht. Was man aber vergeblich sucht in den schicken Gelaterie, vor denen Hipster gerne auch mal eine halbe Stunde auf zwei Kugeln Glace warten: Spaghetti-Eis. Und nein, das ist nicht Glace, die nach Pasta schmeckt, sondern ein vanillemundiger Klassiker.

Seit 50 Jahren Kult

Eine grosse Portion italienisches Lebensgefühl, auf einem Berg deutscher Schlagsahne: Spaghetti-Eis ist Kult. Seit 50 Jahren lieben deutsche Eiscafé-Besucherinnen und -besucher die Italianità zum Löffeln. Eine heisse Eisliebe, die alle anderen merkwürdig beäugen. Warum muss man Vanilleglace durch eine Spätzlepresse auf einen Berg Sahne drücken, mit Erdbeersauce übergiessen und weissen Schokoladenraspeln bestreuen?

Fragt man den Erfinder, ist die Antwort logisch.

Dario Fontanella hat nach eigenen Angaben das Spaghetti-Eis erfunden. Nicht im Piemont, der Emilia Romagna oder der Toskana, nein, im süddeutschen Mannheim, über das sich die Einheimischen streiten, ob es korrekt «Monnem» oder «Mannem» genannt wird.

Kinder weinten: Nudeln statt Glace!

Dario Fontanella war in den Osterferien 1969 bei seinem Vater, der in Mannheim ein Eiscafé führte. Der 16-jährige Dario hatte bei einem Skirennen in seiner Heimat Venetien ein Montebianco gekostet, ein Vermicelle-Dessert. Das inspirierte ihn, und so drückte er an Ostern Erdbeer-, Zitronen- und Pistazien-Eis durch eine gekühlte Spätzlepresse, in Anlehnung an die Farben der italienischen Flagge.

Doch sein Vater sagte nur, er habe noch nie bunte Spaghetti gesehen, er solle es mit Vanilleeis versuchen. Das Spaghetti-Eis war geboren. Dario Fontanella experimentierte mit kleingehackten Himbeeren und Erdbeersauce als Sugo, raspelte weisse Schokoeier (es war ja Ostern) als Parmesan drauf: und hatte einen täuschend echt aussehenden Eisbecher erschaffen. Er bekniete seinen Vater, seine Kreation auf die Speisekarte zu nehmen.

Spaghetti-Eis-Erfinder Dario Fontanella drückt in seinem Eiscafé Vanilleglace durch eine Spätzlepresse.

Spaghetti-Eis-Erfinder Dario Fontanella drückt in seinem Eiscafé Vanilleglace durch eine Spätzlepresse.

Aller Anfang ist schwer, auch beim Spaghetti-Eis. Kinder weinten, weil sie anstatt einer grossen Portion Glace einen Teller Nudeln vorgesetzt bekamen. Die deutsche Kundschaft bestellte Schlagsahne zum Spaghetti-Eis, was in Dario Fontanellas Augen die Optik störte. Bitte, ein Sahneberg auf einer Portion Pasta? Als er in den Sommerferien bei seinem Vater war, versteckte er die Sahne unter den Spaghetti. «Das hatte auch den Vorteil, dass die Portion grösser aussah», sagte er einmal. Und sie friert unter dem Glaceberg leicht an.

Die Deutschen essen 25 Millionen Spaghetti-Eis-Portionen pro Jahr

Trotzdem: Warum haben die Deutschen eine so unbändige Freude am Spaghetti-Eis, dass in Deutschland geschätzte 25 Millionen Spaghetti-Eis-Portionen pro Jahr verkauft werden? Wo der Verband italienischer Eisverkäufer in Deutschland versichert: «Kein anderer Eisbecher garantiert eine so sichere Einnahme.»

Nicht in der Schweiz. Nur wenige Gelaterie haben Spaghetti-Eis auf der Karte. Und wenn, dann bestellen das hauptsächlich deutsche Gäste. Die Gelateria Tellhof in Zürich bietet Spaghetti-Eis an, als einzige in Zürich. «Das ist ein Klassiker, den wollte ich unbedingt auf der Karte haben», sagt Mit-Inhaberin Susanne Kissling. Spaghetti-Eis sei ihr meist verkaufter Coupe. «Wir katapultieren viele deutsche Kunden in ihre Kindheit zurück.» Schon mancher Gast habe gesagt, das Spaghetti-Eis schmecke im Tellhof besser als im heimischen Eiscafé. Kissling und ihre Crew verwenden natürliche Komponenten. Sie haben eine Schlagrahmmaschine (keine Dosensahne), machen die Sauce selber aus Bio-Erdbeeren. Die Bourbon-Vanille-Schoten für die Glace lagern im Tresor. «Schweizer sind vielleicht zurückhaltender, weil sie Spaghetti-Eis nicht kennen», vermutet Kissling. In Deutschland gehöre das zur Glace-Kultur.

Schweizer Industrie-Glace war zu gut

Warum es in der Schweiz bis vor wenigen Jahren kaum eine Gelateria gab, kann Hansmartin Amrein nur spekulieren. Der Mitgründer der Gelateria di Berna, die als erste hippe Gelateria die Schweiz aufmischte, vermutet, dass es in der Schweiz lange Zeit einfach kein Bedürfnis gab nach hausgemachtem, italienischem Gelato. «Die Schweiz war sehr lange gesegnet mit guter Industrie-Glace, die hatten das Feld besetzt», sagt Amrein. Allen voran Mövenpick. «Nur frische italienische Gelato konnte das toppen.»

Die Gelateria di Berna bietet kein Spaghetti-Eis an, auch wenn sie damit guten Umsatz machen könnte, sagt Amrein. Kinder würden das lieben. Er selber hat einmal ein Spaghetti-Eis gegessen, in einer Eisdiele in Köln, und nein, «ehrlich gesagt, es hat mir nicht geschmeckt». In seiner Gelateria steht das Grundprodukt im Vordergrund, seine Vanilleglace soll nicht von Erdbeersauce übertüncht werden. «Sobald man Eisbecher kreiert, legt man die Kraft auf die Gestaltung des Bechers und nicht in die Herstellung der Glace.» Er tüftelt lieber an neuen Kreationen wie Topinambur- oder Arvenharz-Glace.

Deutsche Liebe: 6935 Eissalons

Hansmartin Amrein hat natürlich recht, billige Chemievanilleglace schmeckt nicht plötzlich gut, nur weil sie sich als Pasta tarnt. Doch hinter der unerschütterlichen Liebe der Deutschen an ihrer Lieblingsglace steckt noch mehr. Das Statistische Bundesamt hat gezählt: 6935 Eissalons listet es für das Jahr 2016 in Deutschland. Man möchte wetten, dass jeder von ihnen, zwischen Garmisch-Partenkirchen und Flensburg, von Mönchengladbach bis Eisenhüttenstadt, Spaghetti-Eis auf der Karte hat. Aus Tradition, aus Nostalgie. Spaghetti-Eis, das schmeckt nach Erinnerung, nach erstem schüchternen Date in der Eisdiele, nach zu grosser Portion zum Geburtstag mit der Tante. Auch literarisch fand es Einzug: Schriftsteller Thomas Brussig beschreibt in seinem Roman «Wie es leuchtet», wie Ostdeutsche kurz nach dem Mauerfall Spaghetti-Eis als Geschmack des Westens entdeckten.

Sahnige Süsse der Vanilleglace, dazu fruchtige Säure der Erdbeersauce, knackige Schokoladenraspel: Wer kann da widerstehen?

Sahnige Süsse der Vanilleglace, dazu fruchtige Säure der Erdbeersauce, knackige Schokoladenraspel: Wer kann da widerstehen?

Vielleicht ist es aber simpler. Ein Spaghetti-Eis schmeckt unverfälscht, nach Sommer, pur und einfach (Vanille, Erdbeere, Schokolade!), mit einem Hauch Exotik (gefrorene Sahne!). Durch das Pressen in Nudelform wird die Vanilleglace cremiger, luftiger, schmelziger. Sahnige Süsse der Vanilleglace, dazu fruchtige Säure der Erdbeersauce, knackige Schokoladenraspel. Und es schmeckt nach ein bisschen Scherz, hihi, süsse Glace als salzige Pasta verkleidet, ein nostalgischer Spass wie einst mit Kaugummizigis und Traubenzuckerarmband. Für 1969 war die Kreation revolutionär: Damals gab es Glace nur in klassischer Kugelform. Heute ist es Retro – und immer noch gut.

Nur Mut, Eidgenossen!

Nur Mut, wackere Eidgenossen! Statt einer fancy Rüebli-Quinoa- oder Ziegenkäse-Rhabarber-Glace mal ein Spaghetti-Eis versuchen. Und mit kindischer Freude falsche Pasta löffeln. Ein grosser, feiner Sommerspass.

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