«Jung&Alt»-Kolumne
Was ist nun wichtiger – die Flanke oder die Frisur?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche fragt sich Hasler, ob es stimmt, dass die Jugend heute individualistischer ist als früher.

Ludwig Hasler
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Er will individuell sein, am Schluss sieht er doch wieder gleich aus wie die anderen, die auch anders sein wollen: Der Hipster. (Symbolbild)

Er will individuell sein, am Schluss sieht er doch wieder gleich aus wie die anderen, die auch anders sein wollen: Der Hipster. (Symbolbild)

Keystone

Liebe Samantha

Du als wandelndes Thur­gauerin­klischee, das gefällt mir. Dann kennst du allerlei Apfelsorten, klar. Nur alte Männer kannst du nicht auseinanderhalten. Weil überall so viele sitzen und alle sich gleichen, sagst du, Ogi wie Maurer wie Gress wie Hasler: die individuellen Züge abgenutzt, nur noch Gattungswesen, austauschbare Exemplare eines biologischen Auslaufmodells?

Neben frischen Äpfeln (mein Favorit: Topaz, direkt aus dem Thurgau) sehen wir natürlich aus, wie wir sind, alt. Unsere Körper folgen, wie alle Materie, den Gesetzen der Schwerkraft. Ich zitiere sonst gern Albert Camus, ab 25 sei jeder Mensch selber verantwortlich für sein Gesicht. Doch erstens hatte der Mann leicht reden, er starb mit 47. Zweitens sehe ich grad an mir, das Fleisch schert sich immer weniger um ­meinen Formwillen. Das gleicht manche Unterschiede mit den Jahren aus, bis du überall alte Männer erblickst.

Und wenn Unterschiedlichkeit uns gar nicht interessiert? Du erzählst (mit Andreas Reckwitz) vom Drang nach Singularität in deiner Generation, vom Wunsch, etwas Besonderes zu sein, unverwechselbar, individuell. Da könnten wir uns wirklich unterscheiden. Ich glaube, wir wollten nie partout speziell sein. Wir streckten uns, pauschal gesprochen, mehr nach Zugehörigkeit als nach Singularität, statt uns abzugrenzen, passten wir uns lieber an. Konformität war uns kein Schimpfwort, auch nicht in der 68er-Phase, 68er waren und sind total konform – mit dem Gruppengeist, samt Klamotten und Umgangsformen.

Dafür landeten wir nicht gleich in der dialektischen Falle, die du skizzierst: Wo alle ganz speziell sein wollen, wird die Spezialität für alle wieder gleich. Echt gemein. Schlimmer noch: Die Sehnsucht, selber speziell zu sein, hindert einen daran, etwas Spezielles zu bewirken. Schau mal in ein Fussballspiel; was fällt dir zuallererst auf? Die Frisuren! Ehrlich, ich weiss nicht, was denen wichtiger ist – die Flanke oder die Frisur. Lassen sich alle paar Tage regelrechte Kunstwerke auf den Schädel drehen. Fussballer! Virile Typen! Wollen total indivi­duell sein – und sehen aus wie alle: wie drapierte Äffchen.

Auch zu meiner Zeit kannten Fussballer allerlei Spezialitäten, sicher nicht die Frisur. Beim FC Luzern spielte damals ein bulliger Typ, der Name ist mir entfallen (alter Mann, vergesslich), er hatte einen Bauch, kein Sixpack, mit dem Ball aber rannte er, als ginge es um sein Leben, er schwitzte wie ein Ross – und alle liebten ihn. Wir hielten ihn für etwas ganz Besonderes – weil er sich restlos verausgabte, für unsere Sache, ohne Rücksicht auf sich, samt Frisur und Figur.

Das ist menschenmögliches Glück, oder nicht? Woher dann die Sehnsucht nach Singularität?

Ludwig

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