Drei Tage lang hat es in den Bergen geschneit. Praktisch im ganzen Alpenraum herrscht grosse Lawinengefahr. Im Wallis ist gestern im Gebiet Les Crosets ein 24-jähriger Pisten-Patrouilleur, der für Schneesprengungen unterwegs war, von einer Lawine erfasst worden und gestorben.

Bis zum Montagabend hatte am Alpennordhang die höchste Gefahrenstufe gegolten, die Katastrophensituation, die laut dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) nur sehr selten prognostiziert wird. Vor einem Jahr gab es eine ähnliche Lage, davor hatte zuletzt vor zwanzig Jahren grossflächig eine derartige Gefahr geherrscht. In Teilen der Nordostalpen liegt mehr als doppelt so viel Schnee wie zu dieser Zeit üblich.

Disentis im Bündner Oberland war gestern vorübergehend von der Aussenwelt abgeschnitten: Kantonsstrasse und Bahnlinie waren bis zum frühen Abend gesperrt. Stark betroffen ist auch der Kanton Uri. In Andermatt wurde die Schule geschlossen, die Ortschaft war nur noch per Bahn erreichbar; Hospental und Realp waren vollkommen abgeschnitten.

Auch Elm im Glarnerland war nicht mehr erreichbar. Auf der Schwägalp bei der Talstation der Säntisbahn, wo am Donnerstag eine grosse Lawine niedergegangen war, mussten die Räumarbeiten gestern aus Sicherheitsgründen unterbrochen werden. In Gebieten mit der höchsten Lawinengefahr wurden teilweise Leute angewiesen, in den Häusern zu bleiben.

Sechs Lawinen an einem Hang

Wie berechtigt die Warnungen sind, zeigte sich auf der Belalp im Wallis: Dort gingen an einem grossen Lawinenhang am Sonntagnachmittag ganze sechs Lawinen spontan ab. «Das war aussergewöhnlich», sagt Peter Schwitter, Sicherheitschef der Region Aletsch.

Bilder der Schneemassen in Österreich, Deutschland und der Schweiz: 

Registriert hat die Lawinen eine neue Radaranlage, welche im November installiert wurde. Diese sichert die weiter unten verlaufende Strasse. Der Lawinenhang muss im Winter immer wieder mit Sprengungen künstlich entladen werden, damit die Lawinen nie so gross werden, dass sie die Strasse erreichen. Trotz der sechs spontanen Lawinen waren laut Peter Schwitter noch acht Sprengungen nötig. Am fünf Kilometer breiten Hang sind 14 Zündrohre permanent installiert.

Auf der gegenüberliegenden Talseite, am Bortelsee oberhalb von Brig, hat eine Messstation 111 Zentimeter Neuschnee innert 24 Stunden verzeichnet. Das liegt schon nahe am Neuschneerekord von 130 Zentimetern, der im März 2018 auf dem Grimsel Hospiz im Berner Oberland sowie im April 1999 auf dem Berninapass in Graubünden gemessen wurde. Allerdings könnte laut SLF bei der aktuellen Situation eine Lawine oder eine Vereisung durch Wind einzelne Messwerte verfälschen.

Die grösste Gesamtschneehöhe vermeldet das SLF vom Weissfluhjoch bei Davos: Dort wurden gestern 249 Zentimeter Schnee gemessen, Rekord für einen 14. Januar. Vergleichbare Schneehöhen kommen gemäss SLF ungefähr alle drei bis fünf Jahre vor. Der Landesrekord ist aber noch ein gutes Stück höher: Im April vor zwanzig Jahren lagen auf dem Säntis 8,16 Meter Schnee.

Für heute Dienstag ist laut Meteo Schweiz mit einer Wetterberuhigung zu rechnen. Das SLF hat entsprechend die Lawinengefahr für den gesamten Alpenraum zurückgestuft. Aktuell gilt grossflächig Stufe 4 (siehe Karte oben). Das bedeutet noch immer eine «sehr kritische Lawinensituation». Skisportler brauchen noch etwas Geduld: Erst in zwei bis drei Tagen sinkt die Lawinengefahr voraussichtlich auf Stufe 3, bei der einige Skitouren wieder möglich sind.

Bündner kämpfen gegen Schneemassen

Bündner kämpfen gegen Schneemassen (Beitrag vom 14. Januar 2019)

Diverse Regionen im Kanton Graubünden sind tief verschneit, wie diese Bilder von Keystone-SDA aus dem Prättigau und aus Davos zeigen. Die Lawinengefahr ist in mehreren Gebieten auf die höchste Stufe angehoben worden.

Um nicht so lange warten zu müssen, nutzen sehr erfahrene Skitourengänger und Freerider manchmal ein delikates Zeitfenster: Noch während der Schnee fällt oder je nach Temperatur und Wetter auch mehrere Stunden danach haben sich die frischen Schneekristalle noch nicht miteinander verbunden. Das heisst, es können noch keine Lawinen entstehen. Eine Abfahrt in solchem ungebundenen Pulver ist für diese Insider das höchste der Gefühle – aber ein riskantes Unterfangen.

Schnee ist mal leicht, mal schwer, mal laut – und oft gefährlich: