Seit über 15 Jahren verbreitet Wikipedia Wissen rund um den Erdball. Laut dem Wikipedia-eigenen Eintrag über sich selbst bietet die Online-Enzyklopädie allein für den deutschsprachigen Raum fast zwei Millionen Artikel an. Nur das schwedische Pendant mit etwas mehr und die englische Version mit knapp 5 Millionen Artikeln sind noch bedeutender. 

Längst ist Wikipedia das wichtigste Nachschlagewerk, auch in der Schweiz. Oder wann gingen Sie zum letzten Mal in die Buchhandlung auf der Suche nach einem Lexikon?

Herkömmliche Enzyklopädien setzen auf Expertenwissen. Anders Wikipedia: Jeder
kann Artikel verbessern, abändern oder neue erstellen. Das ruft Menschen und Organisationen auf den Plan, die in eigener Sache Einträge schönfärben oder an ihrem Image polieren wollen. Das zeigte der gestern von der «Nordwestschweiz» publik gemachte Wikipedia-
Bschiss aus der Bundesverwaltung.

Vorsicht bei ideologisch aufgeladenen Wertediskussionen!

Wikipedia funktioniert, weil sie das Wissen vieler Nutzer sammelt und so einen grösseren Nutzen stiftet. Wikipedia ist gut. Sehr gut vor allem, was Zahlen, Statistiken, überhaupt technische und naturwissenschaftliche Themen betrifft. Wer wissen will, wie ein Düsentriebwerk funktioniert, ist bei Wikipedia ebenso gut beraten wie derjenige, der sich für die Funktionsweise von Energiesparlampen oder die Vorgänge bei der Gentechnik interessiert.

Vorsichtiger sollte sein, wer sich über die gesellschaftspolitischen Dimensionen dazu informieren will. Wer mehr über die Beschaffung neuer Kampfjets,
die Energiewende oder die ethischen Diskussionen der Gentechnik wissen möchte, der sei gut beraten und überlege sich gut, die Wikipedia-Einträge als bare Münze hinzunehmen. Denn riecht etwas nur im Entferntesten nach Politik, sind die Manipulatoren schnell am Werk.

Dabei sind die Anforderungen an einen Wikipedia-Eintrag klar. In ihrem Handbuch für die Nutzer beschreibt es Wikipedia so: Die Inhalte müssen relevant für eine Enzyklopädie und woanders nachprüfbar veröffentlicht worden sein. Und die Wikipedia-Autoren sollten die Erkenntnisse nur zusammengefasst haben.

Wikipedia erfindet die Welt also nicht neu, sie informiert aber umfassend und frei zugänglich. Weder müssen die Benutzer zuerst in einer Buchhandlung nach einem Lexikon suchen, noch kosten die Inhalte Geld. Das im Gegensatz zu anderen Lexika: Hinter dem Historischen Lexikon der Schweiz zum Beispiel stehen Steuergelder und handverlesene Historiker, die gesicherte Fakten weitergeben. Und die Online-Artikel des Munzinger-Archivs gibt es nur
gegen Bezahlung.

Schwarmintelligenz – der Begriff passt besser in die Tierwelt

Gerade in diesem freien und niederschwelligen Zugang zu Wissen liegt die grosse Stärke von Wikipedia. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass gewisse Inhalte nur mit Vorsicht
zu geniessen sind. Denn immerhin – und darin liegt die zweite grosse Stärke von Wikipedia: Die Änderungen der Einträge lassen sich minuziös nachverfolgen. Wikipedia besticht mit voller Transparenz, während man bei herkömmlichen Lexika nicht nachvollziehen kann, weshalb es ein Begriff ins Lexikon schafft oder nicht.

Ein schwaches Argument hingegen liegt in demjenigen der Schwarmintelligenz. Es gehört in
die Welt der Tiere verbannt. Fische oder Vögel mögen sich kollektiv besser schützen und fortbewegen als allein. Schwarmintelligenz sichert ihr Überleben. Dass mehr Menschen aber immer zu besseren Resultaten beitragen sollen, ist eine Mär.

In einem Versuch beobachtete die ETH, wie Probanden dem wahren Wert eines zu schätzenden Gegenstands verblüffend nahe kamen, wenn man den Mittelwert ihrer abgegebenen Tipps berücksichtigte. Dies jedoch nur, solange die Tipp-Abgaben geheim vor sich gingen und nicht vorher eine Diskussion stattgefunden hatte, welche die Probanden in ihrer Beurteilung beeinflussen konnte. Bei Wikipedia aber gibt weder jeder für sich seine Version der Wahrheit ab, noch werden diese gesammelt und zu einer richtigen Wahrheit vermengt. Wikipedia-Einträge entstehen in einer laufenden Diskussion. Und so kann es passieren, dass ein Quäntchen PR-Floskel hier und dort ein Körnchen Wahrheit ablöst. So wie bei der Schönfärberei aus dem Bundeshaus.

daniel.fuchs@azmedien.ch