Philosophie des Körpers
«Wir sind nun mal Wesen aus Fleisch und Blut»

Die Philosophin Michela Marzano über das Älterwerden und das Streben nach Schönheit

Sonja Panthöfer
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Frau Marzano, was macht den Körper für Sie als Philosophin interessant?

Michela Marzano: Ich interessiere mich für den Körper, weil jeder Einzelne von uns «in» und «durch» seinen Körper auf der Welt ist. Jeder Mensch kennt das positive Gefühl, ganz in seinem Körper zu sein, aber manchmal wollen wir ihn uns auch buchstäblich vom Leib halten, zum Beispiel dann, wenn er uns seine Mängel und Bedürfnisse aufzwingt. Zugleich ist der Körper aber unsere einzige Möglichkeit, in dieser Welt zu leben und anderen Menschen zu begegnen.

Heutzutage hat fast jeder etwas an seinem Körper auszusetzen, gerade mit zunehmendem Alter. Wie erleben Sie das?

Da bin ich persönlich keine Ausnahme, ich empfinde das Älterwerden als schwierig. Auch mir macht es Angst – wie den meisten anderen –, dass die Zeit verstreicht und ihre Spuren in meinem Gesicht und auf meinem Körper hinterlässt. Der Körper verweist uns eben auf all das, was wir nicht sein wollen.

Nämlich?

Unser Körper erinnert uns beständig an unsere Zerbrechlich- keit und Vergänglichkeit. Wir sind nun mal Wesen aus Fleisch und Blut. Der Körper ist das Wahrzeichen unserer Menschlichkeit und Endlichkeit.

Beim Thema Endlichkeit verschliessen wir gern Augen und Ohren ...

.... verständlicherweise! Aber wenn wir uns nicht für den Körper interessieren, können wir weder unser Verlangen begreifen, immer wieder die Grenzen zu überwinden, auf die uns unser Körper zurückwirft, noch die Ohnmachtsgefühle, die wir manchmal verspüren. Es ist die beste Art und Weise, die überaus grosse Verwundbarkeit der menschlichen Existenz zu studieren.

Aufgrund der technischen und wissenschaftlichen Fortschritte, die uns heute zur Verfügung stehen, lassen sich die Grenzen doch immer besser ignorieren.

Selbst dann, wenn wir die Grenzen immer weiter verschieben – die Grenzen bleiben. Die Grunderfahrung der menschlichen Existenz ist nun mal, dass wir «sterblich» sind. Der Philosoph Hans Jonas hat es so formuliert: «Leben ist sterblich nicht obwohl, sondern weil es Leben ist.»

Sie schreiben in Ihrem Buch «Philosophie des Körpers»: Jede Gesellschaft hat «ihren» Körper, so wie sie «ihre» Sprache hat. Welchen Körper hat unsere Gesellschaft?

Der Körper, von dem man heute spricht, ist ein «beherrschter» Körper, ein Körper unter «Kontrolle». Wir glauben, unsere Körperlichkeit dank der Allmacht des Willens zu beherrschen. Es existiert ein regelrechter Körperkult, selbst wenn dieser Körper in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Wir meinen im Grunde einen idealen Körper, der allerdings mit dem tatsächlichen Körper rein gar nichts zu tun hat. Nehmen Sie zum Beispiel das Fernsehen und das Internet: Wir werden dort immer mehr mit Bildern vollkommen beherrschter Körper konfrontiert.

Der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist dafür mit seinem «modernisierten» Gesicht ein erschreckendes Beispiel. Seit Februar sitzen Sie mit ihm im italienischen Parlament. Wie wirkt er auf Sie?

Berlusconis Gesicht lässt mich an eine Maske denken: die Maske der Macht. Es sieht so aus, als ob der einzige Weg für ihn, Macht auszuüben, darin bestünde, jeglichen menschli- chen Ausdruck zu tilgen. Ein solch erstarrtes und verschlossenes Gesicht lässt keinerlei Dialog mit dem Gegenüber zu.

Inwiefern sind Prominente mit ihren Körperbildern Vorbilder?

In einer Zeit, wo der Schein und die Bilder so wichtig geworden sind, werden Menschen selbstverständlich von Prominenten und deren Haltung gegenüber ihrem Körper beeinflusst. Wenn sich ein weiblicher Star liften lässt, um Falten verschwinden zu lassen, sendet er damit anderen Frauen eine klare Botschaft: Wenn ihr berühmt werden wollt, müsst ihr euch auch operieren lassen.

Welchen Stellenwert haben Schönheits-Ops, Diäten oder auch Sport?

Jeder Mensch, «der es sich wert ist» ist, muss sich heutzutage seines Körpers annehmen, es reicht nicht aus, nur «er selbst zu sein». Der Körper muss schön, schlank, gesund und sexy sein. Indem wir unsere Körperformen bestimmen und beherrschen, glauben wir, auch unser Leben in den Griff zu bekommen. Sogar dann noch, wenn wir das genaue Gegenteil damit erreichen: Je mehr wir versuchen, Kontrolle auszuüben, desto mehr entgleitet uns der Körper. Der «gestylte» Körper ist nicht nur Schönheitssymbol, sondern steht für sozialen Erfolg, Glück und Ruhm.

Aber ist eine kleinere Schönheits-OP wie eine Nasen- oder Lippenkorrektur nicht harmlos, vergleichbar mit einer neuen Frisur?

So eine kleine «Schönheitskorrektur» lässt sich durchaus mit einem neuen Haarschnitt vergleichen. Ähnlich wie eine neue Frisur können ästhetische Veränderungen aber weder unser Leben ändern noch uns neues Selbstvertrauen geben. Genau darin besteht ja der Trugschluss: zu glauben, dass unser Selbstbewusstsein davon abhängt, wie sehr wir den Schönheitsidealen entsprechen.

Wissen wir einfach nicht mehr, was uns und unserem Körper guttut? Sind wir «Körperanalphabeten», wie es die österreichische Schriftstellerin Sabine Gruber nennt?

Sie hat vollkommen recht. Wir tun uns alle schwer damit, unseren Körper mit seinen Grenzen und seiner Zerbrechlichkeit anzunehmen. Wir möchten, dass er sich stets gemäss unseren Erwartungen verhält. Gerade deshalb sind wir so darum bemüht, ihn zu kontrollieren. Doch der Körper holt uns immer wieder ein, wie alle wissen, die jemals ernsthaft krank gewesen sind. Wenn unser Körper krank ist, sind wir es auch.

Sie waren selbst sehr krank, sprechen also aus Erfahrung.

In der Tat. Denn ich war lange Jahre magersüchtig. Und soll ich Ihnen etwas sagen? Lange Zeit hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich jemals – so wie jetzt mit Ihnen – darüber sprechen könnte. Meine Krankheit war mein Geheimnis. Dann aber habe ich nach und nach das Bedürfnis verspürt, von meiner Krankheit zu erzählen ...

... und haben darüber ein Buch geschrieben. Warum?

Weil Anorexie nichts ist, wofür man sich schämen muss. Es ist keine Schande, sondern ein «Symptom». Das Buch trägt den Titel «Légère comme un papillon» (zu deutsch: «So leicht wie ein Schmetterling»). Und genau so wollte ich sein: so «perfekt» und «leicht» wie ein Schmetterling. Beinahe wäre mir das auch gelungen, in puncto Kilos, versteht sich.

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