Baumpfleger

Wo die Vögel wohnen – ein Ausflug in eine Baumkrone

Die Baumpfleger von heute finden, es gehe nicht mehr darum, «dem Teufel ein Ohr abzufräsen».

Die Baumpfleger von heute finden, es gehe nicht mehr darum, «dem Teufel ein Ohr abzufräsen».

Für ein Abenteuer gehen wir weit. Und vergessen das grüne Paradies über unseren Köpfen. Bericht über einen speziellen Beruf aus einer riesigen Buche.

Manchmal, wenn nur die Lüftung des Computers rauscht, schaue ich aus dem Fenster zu den Bäumen, die ihre Kronen im Wind wiegen. Und während Mails in mein Postfach flattern, werde ich neidisch auf die Vögel, die dort wohnen.

Wir suchen Erholung von der Arbeit, fahren in die Ferne und finden uns wieder an überfüllten Ufern oder im Gänsemarsch auf Wanderwegen. In den Baumwipfeln ist nie jemand. Auch keine Kinder. Für sie sind die meisten Baumstämme zu hoch oder ihre Eltern haben das Klettern verboten.

In London hingegen ist das Baumklettern ein urbaner Sport geworden. Sie gehen ohne Helme und Klettergurt, oft barfuss. Sie sagen, man müsse es nicht lernen, Klettern sei in unseren Genen. Es sei besser als eine Session auf der Yogamatte, intensiver als eine Stunde im Kraftraum und entspannender als im Sprudelbad. Es gibt bereits Baumkletter-Instruktoren und gedruckte Kletterbaumführer für London.

Flink ziehen sie sich hoch, als würden sie gezogen

Eines Tages hängen doch Menschen in den schlanken Eschen und der grossen Linde vor unserem Wohnblock. An Seilen ziehen sie sich hoch, schwingen zu den äusseren Ästen, zücken die Säge, sausen wieder hinab. Baumpfleger.

Zwei Baumpfleger üben Seiltechnik.

Zwei Baumpfleger üben Seiltechnik.

Im Erdgeschoss in meinem windstillen Büro schreibe ich ein E-Mail an baumklettern.ch. Ich will auch da hoch. Ein paar Wochen später rauschen in der Gartenbauschule Oeschberg über mir die Kronen von Eichen, Eschen, Schlitzblättrigen Buchen, Linden. Eine steife Luft zieht durchs Emmental. Ein paar Landschaftsgärtner, ein Forstwart und ein Landwirt sind schon in den Ästen. Elegant, fast als würden sie hochgezogen, sind sie in die Kronen zweier riesiger Buchen geklettert.

Nachdem ich den Überblick über die verschiedenen Seile an meinem Klettergurt gewonnen habe, gerate ich schon nach den ersten zwei Zügen ins Schnaufen und baumele etwas hilflos knapp über dem Boden. Als Kind war klettern leicht und die geschürfte Haut von der rauen Rinde des Zwetschgenbaumes schmerzte immer erst im Nachhinein. Ich sass dort oben versteckt und stellte fest, dass die Leute nie aufwärts schauen.

Anja Erni, Kursleiterin.

Anja Erni, Kursleiterin.

Ich klettere einer Kindheitserinnerung hinterher. Die Schlitzblättrige Buche ist gut zu mir, als ich es endlich bis in die Krone geschafft habe: glatte Rinde, zahlreiche Äste zum Umklammern, Blick auf Wald und Wiesen. Anja Erni hat sich neben mir heraufgezogen, um zu zeigen, wie man sich zuoberst sichert. Ihr Seil hat sie bei jedem Zug flink um die Fusssohlen laufen lassen, um mit den Beinen abstossen zu können. Sie ist Baumpflegerin und Leiterin «Basiskurs Seilklettertechnik».

Anja Erni sagt: «Beim Baumschneiden denke ich oft, dass es gerade keinen Ort gibt, wo ich lieber wäre. Wenn der Baum gross ist, ich weite Strecken auf den Ästen gehen kann, das Wetter stimmt, dann fliesst alles.»

Ich schaue zwischen meinen Füssen in die Tiefe. Dann ins Blätterdach über mir. Ich sitze nahe am Stamm, aber ich kann mir vorstellen, was sie meint.

So sieht man die Welt nicht jeden Tag: Blick von der Buche.

So sieht man die Welt nicht jeden Tag: Blick von der Buche.

Obwohl: Wenn Erwachsene in den Bäumen sind, haben sie meist einen Auftrag und achten auf die Sicherheit. Draussen auf den Ästen hängen zwei Baumpfleger und simulieren eine Rettung. Es ist kein sorgloses Kinderspiel mehr.

Gestellte Rettung im Baum.

Gestellte Rettung im Baum.

Aber als beim Mittagessen alles Fachwissen geteilt ist, sagt der jüngste Kursleiter: «Wenn man in einer Eiche oder einer Linde hochklettert, ist es zuerst dunkel. Man geht Richtung Licht. Das hat etwas Mystisches.» Sein Lieblingsbaum sei der Nussbaum. «Herausfordernd, oben breit und extrem gummig.» Der Baum habe keine Logik, wendet Mark Bridge ein, der dritte Kursleiter. «Es gibt richtig unsympathische Bäume», findet Anja Erni, «der Spitzahorn zum Beispiel. Hingegen in einer Eiche… da feuert alles.» Mark Bridge nickt. Hässlich seien besonders Eschenahorne, meist viel zu stark beschnitten. «Wenn ich einen Baum schneide, reagiert er sofort auf den Schnitt. Bäume sind keine Menschen, aber hochenergetische Lebewesen.» Wo immer ein Baum beschnitten wird, schlägt er im nächsten Frühling umso heftiger aus.

Baumpfleger ist ein noch junger Beruf

In den Kronen ist eine neue Generation unterwegs. Früher schnitten die Landschaftsgärtner die Äste von Leitern aus ab oder so weit, wie sie hochklettern konnten. Es wurde nahe dem Stamm gesägt. «Die Musik spielt aber in der Peripherie», sagt Mark Bridge. «Es geht nicht mehr darum, dem Teufel ein Ohr abzufräsen. Wenn man in die Krone rausklettert und dort schneidet, ist das für den Baum viel weniger invasiv.»

Obstbäume werden geschnitten, damit sie horizontale Äste bilden, die viele Früchte tragen. Stadtbäume werden geschnitten, damit niemandem tote Äste auf den Kopf fallen, weil sie zu viel Schatten machen, für zu viele Krähen eine Bühne sind oder der Stadt sonst wie in die Quere kommen.

In Städten sind die Baumpflegerinnen und Baumpfleger deshalb häufig unterwegs. Die grossen, alten Bäume, geliebt für ihr Grün und die Kühlung der Stadt, befinden sich im ständigen Stress im verdichteten Boden und einem immer heisseren Klima. «Ich habe den urbanen Forst noch nie so erlebt wie jetzt», sagt Mark Bridge.

Der Beruf hat Zukunft, wirtschaftlich gesehen. Speziell ist er nach wie vor. Baumkletterer seien ein eigener Schlag Leute, findet Bridge, es seien solche, die sonst nirgends reinpassen, Aussteiger manchmal. Wie jene Kursteilnehmerin, die sagt, sie sattle um, im Büro sei es einfach nicht mehr gegangen.

Manche der Baumschneiderinnen und Baumschneider nehmen privat sogar an Wettbewerben teil, nationale, internationale. Es geht ums Werfen der Leinen, an denen die Seile hochgezogen werden, um Rettungsmanöver an Orten, wo keine Sanitäter hinkommen, und sie absolvieren abgesteckte Parcours in Baumkronen.

Während die ersten Baumpfleger in den 90er-Jahren als junge Wilde ohne Vorschriften in den Ästen unterwegs waren, ist der Beruf heute seriöser. Die Wettbewerbe definieren den Stand der Technik. Bridge sagt: «Elegante und damit auch effiziente Bewegungsabläufe setzten sich so durch.»

Von der grossen Linde vor meinem Büro wirbeln jetzt immer öfter Blätter zu Boden. Der Wind zerrt sie weg von ihrem schönen Platz.

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