Reportage

Zum Glück ist Ruths Maske orange – warum Menschen mit Behinderung nicht mehr Mühe mit Masken haben als andere

Klienten der Stiftung Lebenshilfe verpacken die Abstimmungsunterlagen. Trennwände schützen vor Tröpfchen beim Sprechen.

Klienten der Stiftung Lebenshilfe verpacken die Abstimmungsunterlagen. Trennwände schützen vor Tröpfchen beim Sprechen.

Die Behindertenheime wollen ihre Bewohner kein zweites Mal einschliessen. Dies ist der Bericht von einem Ort, der es nun trotzdem tun muss, an dem viele stolz ihre Maske tragen – und einige es nie tun werden.

«Dreieck, Dreieck!», sagt die junge Frau und deutet auf die Besucherin. Diese versucht zu verstehen: «Meinen Sie meine Maske?» Sie hat nur Corona im Kopf. Nicht so die Frau mit Behinderung. Die Werkstattleiterin der Töpferei in der Stiftung Lebenshilfe in Reinach AG erklärt, dass die Klientin am Morgen Kindergartenkinder mit dem Leucht-Dreieck gesehen habe und nun auch so eines möchte.

Ein autistischer Mann, der gerade noch Abstimmungsunterlagen eingepackt hat, steht auf und zeigt auf ein Wägelchen. Die Betreuerin stellt es an den gewohnten Platz, «er will, dass alles ist wie immer», erklärt sie. Eine Maske zu tragen kommt für ihn nicht in Frage. Beim Besuch vor einer Woche tragen in den kunsthandwerklichen Werkstätten für Menschen mit Schwerst- und Mehrfachbehinderungen nur die Angestellten Masken, es wird versucht mit Plexiglaswänden, das Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Draussen in den Gängen tragen auch die meisten Klienten mit Behinderung eine. Corona, das können auch die Behindertenheime. Besser, als man annehmen könnte.

Jetzt denkt auch die Politik an die Behindertenheime

Stressig ist die Zeit auf jeden Fall. In der Stiftung «Benessere» in Schaffhausen seufzt Giorgio Behr, Gründer und selbst Vater eines Sohnes in einer Wohngruppe: «Wenn jemand Corona-Symptome hat, gibt es jedes Mal Alarmstimmung und eine lange Ungewissheit mit neuen Einsatzplänen bis das Testresultat vorliegt. Zum Glück war es immer negativ. Ich hoffe, dass wir bald Schnelltests machen können.»

Einen positiven Fall hatte bisher die Stiftung für Menschen mit Behinderungen Arwo in Wettingen AG. Es war eine Klientin, die in der Stiftung arbeitet, aber nicht wohnt. «Bisher hatten wir Glück», sagt dort Geschäftsführer Roland Meier, «aber es kann sich schon morgen ändern.»

Dessen war sich auch Geschäftsführer Martin Spielmann bewusst, als wir die Stiftung Lebenshilfe besuchen. Wie in den anderen beiden Institutionen war auch in Reinach das Besuchsverbot aufgehoben und man hoffte, es nie mehr durchsetzen zu müssen. Spielmann sagte: «Wenn die Pandemie bis im Frühling dauert, können wir die Leute doch nicht so lange einschliessen. Wenn wir morgen zehn Coronafälle haben, sieht es natürlich wieder anders aus.»

Bald darauf gibt es positive Fälle in der Stiftung

Eine Woche später wurden zwei der 280 Angestellten positiv auf Corona getestet. Spielmann rief an und sagte: «Wir schliessen die Werkstätten für Menschen mit Schwerst-, Mehrfachbehinderungen vorerst für zwei Wochen.» Als im Sommer einmal ein Mitarbeiter positiv getestet wurde, musste nur die betroffene Wohngruppe zehn Tage in Quarantäne. Nun sind grössere Massnahmen nötig, weil vier weitere Personen Symptome hatten – zwei davon erhalten kurz darauf den positiven Testbericht.

An seiner Haltung ändere das nichts, sagt Spielmann: «Wir haben nicht das Recht die Klienten wie Heiminsassen zu behandeln.» Wenn es keine Coronafälle in der Stiftung gebe, sollten selbst Menschen mit Schwerst-Behinderungen arbeiten können. «Die meisten gehen sehr gerne arbeiten und sie haben eine Identität als Drucker oder Weber. Ihre Arbeit ist auch relevant. Oder wer sonst hätte die Abstimmungsunterlagen abgepackt oder andere Aufträge erledigt?» Bei den Risikopersonen wie den älteren Klienten schaue er genauer hin. Und er zieht nun in Erwägung, dass sie vielleicht doch länger in ihren Wohngruppen bleiben müssten, wenn sich die Lage nicht entspannt.

Erhöhtes Risiko zu sterben für Menschen mit Downsyndrom

Die Aargauer CVP-Nationalrätin Marianne Binder machte Ende September eine Interpellation beim Bundesrat und schrieb, dass Quarantäne bei Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung kaum praktikabel sei, da sie die Massnahme nicht nachvollziehen könnten. Sie fragte, wie ihr Wohl und ihre Rechte im Rahmen einer Quarantäne gewährleistet seien. Die Antwort des Bundesrates steht noch aus.

Dennoch zeigte eine britische Studie, dass Menschen mit Trisomie-21 (Down-Syndrom) ein zehnmal so hohes Risiko haben an Covid-19 zu sterben. Dies selbst, wenn man Herz-Kreislauf-Krankheiten dieser Personen herausrechnet. Die Forscher vermuten Defizite des Immunsystems und fordern dringend bessere Schutzkonzepte für diese Personen.

Dass sie zwischen ihren Wohngruppen an Wochentagen und ihren Familien am Wochenende hin und her pendeln, macht die Sache nicht einfacher. Roland Meier in Wettingen sagt: «Zugunsten der Lebensqualität nehmen wir das grössere Risiko in Kauf. Aber die Verantwortung für diese Entscheide tragen zu müssen ist eine Belastung.»

Nicht mehr Mühe mit der Maske als andere Leute

Beide Institutionsleiter schätzen, dass mehr als 90 Prozent der begleiteten Personen inzwischen in den öffentlichen Bereichen eine Maske tragen. «Unsere Leute haben nicht mehr Mühe damit als jene auf der Strasse.» Und gerade jene mit Trisomie-21 haben den Umgang mit Masken in der Regel schnell verinnerlicht und halten sich laut Spielmann oft konsequenter daran. Dies, selbst wenn es andere nicht tun.

Begleiteter Bewohner in der Töpferei - diese ist nun für zwei Wochen geschlossen.

Begleiteter Bewohner in der Töpferei - diese ist nun für zwei Wochen geschlossen.

«Stur auf der Regel beharren, geht nicht», sagt Spielmann. Ein Mann schmiss einen Stuhl an die Wand, als der Betreuer zum ersten Mal mit Maske ins Zimmer trat. Dieser nahm die Maske ab und übte mit dem Klienten das Betreten des Zimmers mit Maske, bis er es akzeptierte. «Unser Personal ist trainiert in Deeskalation. Bei unseren anspruchsvollsten Klienten ist ein solcher Vorfall nur einer von 200 Einträgen pro Jahr in ihren Dossiers.» Der Mann reagiere zum Beispiel auch heftig, wenn es schneie.

Spielmann wird auch jetzt wieder Kompromisse eingehen müssen – wie im Lockdown. Für einen einzelnen Klienten mussten sie die Weberei öffnen, sonst wäre er gewalttätig geworden. Und jemand wechselte zweimal von der Wohngruppe zu den Eltern und wieder zurück, weil es an beiden Orten nicht für längere Zeit funktionierte. Obwohl Wechsel eigentlich verboten waren. Spielmann sagt:

In Schaffhausen kann auch Giorgio Behrs autistischer Sohn keine Maske tragen. «Er würde sie wegreissen», sagt Behr, «zum Glück sehen die Leute in den Zügen jeweils sofort, dass er anders ist und sagen nichts.» Behr fährt mit ihm einmal pro Woche Zug und hofft, dass es nie mehr zum Lockdown kommt, wie im Frühling, als er ihn sechs Wochen lang nicht sehen konnte. Seine Frau sagt: «Das war ein schmerzhafter Abschied damals.» Da ihr Sohn nicht spricht, konnten sie nur mit dem Personal telefonieren.

Ruth H. vermisste ihren Bruder im Lockdown sehr

Ruth H. hingegen, eine Frau mit Trisomie-21 aus der Textilwerkstatt in Reinach AG trug ihre Maske vom ersten Tag an – stolz, die neue Regel zu beherrschen. Ihre Lieblingsfarbe sei sowieso orange, sagt sie beim Besuch und zeigt auf ihre orange Chirurgenmaske. Am Anfang habe sie ein bisschen Angst gehabt vor dem Virus. Eine Träne kullert aber, als sie sich daran erinnert, wie sie im Lockdown ihren Bruder nicht mehr sehen konnte.

Zwei Mitarbeiter in der Betriebsküche der Stiftung Lebenshilfe. Sie kochen auch in der Quarantänesituation.

Zwei Mitarbeiter in der Betriebsküche der Stiftung Lebenshilfe. Sie kochen auch in der Quarantänesituation.

Zwei der Mitarbeiter aus der Betriebsküche finden, die Maske sei zwar ungewohnt, aber auch «wie eine Deko», sagt Ezgi B. «Manchmal ist es jetzt laut in der Küche, weil man sich schlechter versteht mit der Maske und alle herumschreien. Aber zuhause könnte ich nicht lange bleiben.»

Gekocht werden muss zum Glück auch jetzt in der Quarantänesituation. Ezgi B. wird weiterarbeiten – in einem systemrelevanten Beruf halt – wie auch andere Klienten mit nur leichteren Einschränkungen. Das mit der Arbeit sehen übrigens auch hier nicht alle gleich: Petra E., Ruths Kollegin aus der Textilwerkstatt, ist wohl nicht traurig über die Quarantäne. Sie begann zu strahlen als Spielmann sie vor einer Woche fragte, wie sie es fände, nicht mehr arbeiten zu gehen. «Ich würde zuhause basteln», sagte sie.

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