Ausstellung

1893 war das Jahr, als Brunnenbesitzer Wasserleitungen bekämpften – und was Sie sonst noch so über unser Trinkwasser wissen wollten

Das Ortsmuseum Unterengstringen bietet spannende Einblicke in die Entstehung und die Zukunft der Trinkwasserversorgung.

Dass in fast allen Schweizer Häusern aus den Hähnen immer frisches Wasser kommt, ist eine grosse zivilisatorische Errungenschaft. Der Zugang zu sauberem Wasser ist heute selbstverständlich und absolut unumstritten und hat nicht zuletzt dank verbesserter Hygiene unsere Lebenserwartung erhöht. Aber das war nicht immer so.

1893 bewilligte die Gemeindeversammlung Unterengstringen eine Quellwasserversorgung mit Leitungen und Hydranten-Anlage für 29'000 Franken. Im Winter sei es oft gefährlich, «alles Wasser für den Haushalt und Viehstand auf den glatten und eisigen Strassen herbeizuschaffen», begründete der Gemeinderat den Bau der ersten Wasserleitungen im Dorf. Von den 64 Anwesenden stimmten 44 dem Projekt zu, 9 lehnten es ab und 10 enthielten sich. Daraufhin reichten neun private Brunnenbesitzer, die Widerstand gegen den Leitungsbau leisteten, einen Rekurs ein. Darin hielten sie fest, dass das Dorf dank drei Gemeinde- und dem Schulhausbrunnen bereits gut mit Quellwasser versorgt sei. Und die weiter entfernten Bewohner, etwa auf den Höfen in der Umgebung, würden sich bei den zirka 13 Privatbrunnen bedienen. «Es scheine deshalb eine Wasserversorgung für Unterengstringen nicht ein absolutes Bedürfnis zu sein», schrieben die Rekurrenten. Beim Bezirksrat Zürich fanden sie damit aber kein Gehör.

«Ein Kreislauf, der stimmen muss»

Diese Episode ist eine von vielen spannenden Einblicken in die Geschichte der Unterengstringer Trinkwasserversorgung, die zurzeit im Ortsmuseum gewährt werden. Vorstandsmitglied Paul Isenring hat die Ausstellung «Unser Trinkwasser» zusammen mit seinen Teamkollegen konzipiert. «Wasser kommt nicht einfach aus dem Hahn. Es ist ein Kreislauf, der stimmen muss», sagt er. Bei einer Führung durch die Räume wird sofort ersichtlich, wie begeistert Isenring vom Thema ist. Das war zu Beginn seiner Recherchen für die Ausstellung noch anders: «Mich hat überrascht, wie wenig ich über unsere Wasserversorgung wusste und wie komplex der Kreislauf ist.» Mittlerweile hat er sich viel Sachkenntnis über Trinkwasser angeeignet, auch dank Unterstützung des Unterengstringer Werk- und Brunnenmeisters Ralph Pfister. «Ich bin jetzt quasi Brunnenmeister-Lehrling», sagt Isenring.

Die Bandbreite der Ausstellung ist beeindruckend. Am Eingang führt Goethes Gedicht «Gesang der Geister über den Wassern» in das Thema. Anhand konkreter Beispiele wird gezeigt, wie sich Wasserrohre über die Jahrzehnte verändert haben – von aufwendig aus geraden Baumstämmen gefertigten Tücheln aus dem 19. Jahrhundert bis zu den heutigen Kunststoffrohren aus Polyethylen. Ein interaktives Modell zeigt, wie Grundwasser in die Gemeindereservoire Weid und Ischlag gepumpt wird. Auch die Entwicklung der Wasserzähler von den simplen Anfängen bis zu den neusten Modellen mit drahtloser Funk-Kommunikation, die seit 2018 im Dorf verbaut werden, wird anschaulich präsentiert. Viele Tafeln an den Wänden informieren über lokale bis globale Hintergründe zur Wasserversorgung oder zeigen, wie das Grundwasser aus dem Berg in den Häusern landet.

90 Prozent des Unterengstringer Wassers stammen aus Grundwasser, die restlichen 10 Prozent aus Quellen im Gubrist. Rund 28 Kilometer Wasserleitungen liegen im Gemeindeboden. Ein modernes Warnsystem, bei dem mit Mikrofonen ausgestattete Hydranten den Wasserfluss kontrollieren und Unregelmässigkeiten per Funk weiterleiten, sorgt dafür, dass die Gemeinde entstehende Lecks schneller reparieren kann. Damit wurde der Wasserverlust in den Leitungen innert fünf Jahren von rund 20 auf nur 6 bis 8 Prozent gesenkt, wie Daniel Willimann im Herbst 2018 in den «Unterengstringer Nachrichten» schrieb.

Von der Baustelle ins Museum

Im Ortsmuseum werden nicht nur die historische Entwicklung und der aktuelle Stand der Trinkwasserversorgung nachgezeichnet. Das Thema ist in Unterengstringen aktuell. Zurzeit baut die Gemeinde zusammen mit dem Nachbarn Weiningen das neue Wasserreservoir Holeeberen im Gubrist. Nur wenige Tage nach dem Spatenstich Anfang Mai ist das Ereignis bereits mit Fotos auf einer Museumswand festgehalten.

Bis Ende Jahr will Isenring aktuelle Entwicklungen und neue Erkenntnisse dynamisch in die Ausstellung fliessen lassen. Zurzeit ist er besonders auf der Suche nach Fotos und Hintergrundinformationen zum Bau der Quellwasserversorgung im 19. Jahrhundert. Es sei sehr schwer, gutes Material über die einfachen Arbeiter zu finden, sagt der ehemalige Sek-Lehrer.

Wasserparadies Limmattal

Auch angesichts des Klimawandels und des trockenen Hitzesommers sei das Thema Trinkwasser relevant, findet Isenring. Er wolle das Bewusstsein dafür stärken, was für «einen grossartigen Standard» wir bei der Trinkwasserversorgung haben – in der Schweiz, aber auch ganz besonders in der unsichtbaren blauen Oase im Limmattal. Denn drei Meter unter der Erde fliesst hier ein rund 800 Meter breiter und 30 Meter tiefer Grundwasserstrom. Isenring fügt an: «Es ist nicht selbstverständlich, dass dies einfach so bleibt, wenn wir unserem Wasser nicht Sorge tragen.»

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