Jubiläum

Aus Begeisterung entstanden: Das Zürcher Tonhalle-Orchester feiert sein 150-jähriges Bestehen

Zur Förderung des Zürcher Musiklebens wurde vor 150 Jahren das Tonhalle-Orchester gegründet. Am 31. Dezember eröffnet es nun mit Wagner und Tschaikowsky sein Jubiläumsjahr.

Wenn am Silvesterabend in der Tonhalle Maag im Zürcher Industriequartier die Korken knallen, dann tun sie das nicht nur wegen des Jahreswechsels. Am 31. Dezember eröffnet das Tonhalle-Orchester Zürich mit Wagner, Bruch, Rossini und Tschaikowsky sein Jubiläumsjahr. Seit mittlerweile 150 Jahren existiert das Zürcher Berufsorchester.

Das Bedürfnis nach einem professionellen Orchester in Zürich erreichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. 1862 wurde dann der erste Orchesterverein ins Leben gerufen. Wie in der Tonhalle-Chronik geschrieben steht, sei dies aber nicht ohne Anlaufschwierigkeiten über die Bühne gegangen. Diese sind mehrheitlich auf den fehlenden Rückhalt in der Gesellschaft und finanzielle Schwierigkeiten zurückzuführen.

In Zürich erachtete man die Musik bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als eine Kunst, die Laien, sogenannte «Dilettanten» – im positiven Sinne des Wortes «dilettare», was «sich erfreuen» bedeutet, gemeint – ausüben sollten. Angesehene Bürger schlossen sich vor allem seit Beginn des 17. Jahrhunderts zu verschiedenen Musikgesellschaften zusammen – das Mitwirken in solchen Gruppierungen erhöhte das Ansehen bei den gutgestellten Bürgern und gehörte schon bald zum guten Ton.

Wagners Spuren

Mit der Entwicklung des Orchesters im Generellen wurde im 19. Jahrhundert aber der Ruf nach einem professionellen Orchester laut. Wesentliche Impulse zu einem professionellen Orchester hatte Richard Wagner in seiner Zürcher Zeit geliefert, hatte doch auch er in Zürich häufig mit Laien-Musikern zu tun. Einem Orchesterverein stand man 1862 skeptisch gegenüber, da man einerseits die Musik weiterhin als «Bürgerkunst» auffasste und andererseits die Kosten irgendwie stemmen musste.

Professionelle Musiker waren per se genug vorhanden, gerade auch, weil die Schweiz international gut vernetzt war. Spielstätten bestanden Mitte des 19. Jahrhunderts auch bereits einige in Zürich. Die alte Tonhalle auf dem Sechseläutenplatz etwa, die 1835 als Kornhaus erbaut wurde, wurde erst nach 1867 zum Konzertsaal umgenutzt. Und auch Dirigenten gab es in Zürich genug.

Eine Welle der Begeisterung löste bei Musikinteressierten 1867 das Schweizer Musikfest aus. Und zwar eine derart grosse, dass ein Jahr später aus der Begeisterung eine Aktiengesellschaft wurde. Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich war damit geschaffen. Ihr Ziel: Das Zürcher Musikleben mit einem ständigen Orchester zu fördern. Diesem kommt der Trägerverein des Tonhalle-Orchesters Zürich, das seit 1895 in der gleichnamigen Halle am Seebecken zu Hause war, bis heute nach. Derzeit gastiert das Orchester im Industriequartier West während die Tonhalle bis 2020 renoviert und umgebaut wird.

Wie die Musik zum Beruf wird

Zum Berufsorchester wurde die Zürcher Formation schon unter dem ersten Dirigenten Friedrich Hegar, der den Musikern rund vier Jahrzehnte vorstand. Heute gehören die Tonhalle-Orchester-Musiker zu einem von fünf professionellen Orchestern in Zürich und einem von 25 in der Schweiz. 1985 spaltete sich ein Teil des Orchesters ab und formierte sich zum Opernorchester, dem heutigen Philharmonia Zürich. Vor der Abspaltung bestand das Orchester aus 167 Musikern. Die Grösse erreichte das Orchester am Ende des Zweiten Weltkrieges durch den Zusammenschluss mit dem Radioorchester Beromünster.

Heute beschäftigt die Tonhalle Gesellschaft Zürich rund 100 Berufsmusiker. Will man Teil des Berufsorchesters werden, durchläuft man anonymisierte Probespiele. «Die Musiker spielen hinter einem Vorhang. Die Orchestermitglieder stimmen dann über die Kandidatinnen und Kandidaten ab», sagt Tonhalle-Gesellschaft-Sprecher Christian Schwarz. Das Orchester unterhält zudem eine eigene Orchesterakademie. Geprobt wird vor Konzerten – die sie zwei oder drei Mal spielen – jeweils an zwei Vor- und Nachmittagen. Die Generalprobe beschliesst die Konzertvorbereitung der Formation, die sich aus 16 unterschiedlichen Instrumenten zusammensetzt.

So bereitet sich das Orchester unter Chefdirigent Lionel Bringuier und Ehrendirigent David Zinman auch auf die Konzerte im bevorstehenden Jubiläums-Jahr vor. Insgesamt spielen die Musiker 60 unterschiedliche Programme. Alleine in der Tonhalle Maag werden sie 120 Konzerte geben. Für fünf Gastspiele reist die Formation nach Italien, Deutschland und Polen und für weitere acht Konzerte wird das Orchester in Österreich, Deutschland, Frankreich und Spanien zu hören sein. Das wohl aussergewöhnlichste Konzert spielt das Orchester diesen Sommer aber zu Hause in Zürich: «Der Höhepunkt in unserem Jubiläumsjahr wird unser Open-Air-Konzert auf dem Münsterhof im Rahmen der Festspiele Zürich am 17. Juni», so Schwarz.

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